Morgengruß

… wir tun manchmal Dinge,
die wir gar nicht zu wollen scheinen. Nun, – es wäre aber falsch
zu sagen, wir hätten dadurch
einen Fehler gemacht.
Denn spätestens dann,
wenn unendlich viel Zeit
verstrichen ist,
stellt sich immer und mit
100-prozentiger Sicherheit heraus,
dass der damalige Fehler
das einzig mögliche Richtige
gewesen ist,
weil es jetzt gar nichts
anderes mehr gibt
als die Folgen dieser 
damaligen Entscheidung. 

Aber – diese Aussage
ist zugleich 
wahr UND falsch. 
Anders geht es nicht.

Sie ist damit 
einigermaßen und zusätzlich
auf hohem Niveau
erfreulich sinnlos.

ab Hieronymo


(bei seinem täglichen Rundgang durch die Hölle begegnet eines Tages der Teufel natürlich auch Martin Luther, der an seinen 95 Thesen herumfeilt)

Teufel: Ach – und wen haben wir denn da? Den Herrn Luther … Grüß Gott!

Luther: Für Sie immer noch Doctor Luther. Ich bitte doch darum, die Leistung meiner akademischen Graduation freundlichst berücksichtigen zu wollen. Auch hier unten am finsteren Ort.

Teufel: Ich bitte vielmals um Gnade, Herr Doctor Luther. Gnade, Gnade.

Luther: Abgelehnt, damnatus es!

Teufel: O, – das war wohl Latein, die Gelehrtensprache! Was heißt das verdammt noch mal?

Luther: Das wissen Sie nicht? Was spricht man denn hier unten bei Ihnen als Amtssprache? Etwa Arabisch?

Teufel: Diese hetzerische politische Unkorrektheit wird der Himmel Ihnen mit weiteren 1000 Jahren Fegefeuer anrechnen, Herr Doctor. Aber bitte belehren Sie uns ruhig ein wenig. Wir haben ja Zeit. Viiiiiieeeel Zeit. Das kleine und wichtige lateinische Verbum ESSE für Sein. Aktiv – im futurum exactum vielleicht einmal zur Erinnerung:

Luther: fuero
Teufel: ich werde gewesen sein
Luther: fueris
Teufel: du wirst gewesen sein
Luther: fuerit
Teufel: er wird gewesen sein
Luther: fuerimus
Teufel: wir werden gewesen sein
Luther: fueritis
Teufel: ihr werdet gewesen sein
Luther: fuerint
Teufel: sie werden gewesen sein

Luther: Das war nun keine große Leistung. Das lernen bei uns die Kinder droben in der Volksschule.

Teufel: Meinetwegen. Aber hier müssen Sie, carissime dottore, nichts mehr lernen. Hier müssen Sie nur nich aushalten, was Sie gelernt haben, und andere haben lernen lassen, he, he, he …

Luther: Soll heißen?

Teufel: Heißen? Ja, – heiß ist es hier schon. Das werden Sie schon noch merken.

Luther: Machen Sie doch keine Probleme, Satan. Wenn ich will, schreibe ich einfach dort hinten auf den „Stein der Qual“ mit Kreide mein „Non est“ und schon verschwindet die ganze Hölle und wir steigen sola gratia zum Sinn des Lebens im Himmel auf. Und Sie gleich mit. Da werden sich die Engeln aber sehr wundern und lachen, wenn der Teufel aus der Hölle mit dem Ruß im Gesicht und dem Riesenschwanz unten dran ganz oben erscheint. Und noch die Klumpfüße dazu. Na, die haben da sicher auch Podologen.

Teufel: Lassen Sie das mal lieber sein, mit der Kreide. Ich verbiete es Ihnen sehr. Hier unten bin ich nämlich Gott!

Luther: Ha – jetzt schreib ich´s eben grade Ihnen zum Trotz. Habe Sie damals schon auf der Wartburg mit schwarzer Tinte vertrieben. Nun in der Hölle mit weißer Kreide.

(schreibt auf den „Stein der Qual“ mit weißer Kreide „NON EST – Dr. Martinus Lutherus Vitembergensis et dixit et scribit“. Sofort verschwindet die gesamte Hölle und der Doctor Martin Luther steigt zusammen mit dem Teufel lautlos alsbald zum Himmel auf, gefolgt von unendlich vielen Seelen, die von den beiden angeführt werden.)

Teufel: Uupsi – das war dann wohl eben das Jüngste Gericht?
Luther: Na was dachten Sie denn?
Teufel: War jedenfalls keine so große Leistung.
Luther: Sie wiederholen mich.

aus der Bibel …

hieronymos

 

 

Singe uns, Muse, von Christus, dem HERRN,
göttlichem Wohltäter glaubender Menschen.

Wie er zur Erde hinabstieg und lernte,
den Willen des ewigen Vaters zu tun.

Wie dann, nachdem die Leiden genossen,
zum Hades er drang – und wieder erstand.

Gen Himmel auffuhr, zur Rechten sich setzte,
neben den allesbewirkenden Schöpfer.

Und seine Jünger niemals vergaß,
sondern mit geistlichem Beistand anführte.

Singe, die alten Geschichten verkündend,
Muse, wir wollen dir aufmerksam lauschen.

VOM ERSTEN BIS ZUM SECHSTEN TAG

Einst, als der mächtige Alte beschlossen,
nicht mehr alleine im Weltkreis zu bleiben,

ließ er dem Ratschluss, Welten zu schaffen,
alsbald die wirkenden Taten nachfolgen.

Er warf sein leuchtendes Wort in die Runde,
als Licht erstrahlt es sofort aus den Sphären.

So gut, so schön. Doch das war nicht alles.
Der alte Drache des kreisenden Meeres

ward an den Grund der Urflut geheftet.
Ewig wirbelnde Wasser zertrennt dann,

Gott – halb oben, halb unten zur Hälfte.
Dazwischen lugt eine Welt keck hervor.

Länder und Berge, Fluren und Felder,
ganz ohne Bewuchs, noch grünte kein Kraut.

Nun aber! Gleich ersprossen sich Bäume,
Fruchttragend, selber Frucht, Gräser und Halme.

Unter des Himmels Stirn wird es grün,
Blumen wuchern auf Wiesen und Matten.

In Seen und Teichen sollte sich spiegeln
der oberen Welten Liebreiz und Glänzen,

deshalb schuf Gott mit wenigen Rufen
Sonnen und Monde, Sterne, Planeten.

Schweiftragend sowohl als auch ganz ohne Schwanz.
Sie alle hält er fleißig am Kreisen.

Zeiten zu zeigen, Äonen zu trennen
den Sinn andeuten soll ihre Pracht.

Göttliche Pläne und ewigen Ratschluss
im Antlitz der Wasser tauchen sie auf.

Sterne sind leuchtend freundliche Augen,
Ängstlichen freilich nur Fratzengesicht.

Wie nun das vierte Werk sich vollendet,
warf der Herr eine Null in die Lüfte.

Das Kind in der Schule gerät nicht selten
der Zahlen wegen in heiliges Staunen.

Wer seid ihr? Erstgeborene! Vor aller Zeit …
Eins, zwei und drei. Die vier dann. Und Fünf.

Langsam stieg nun die Null zu den Sternen –
langsam danach versank sie im Wasser.

Dort, wo sie still stand, bilden sich Wesen.
Eierlegende, Fische und Vögel.

Nullen gleichen die Eier der beiden,
die sich in Luft und Gewässern tummeln.

Derart erschuf sie in spielender Weisheit
Gott, der die Zahlen als Helfer bereithält.

Leer ist noch immer die Erde.
Tiefen und Lüfte sind zwar erfüllt.

Aber der Boden schweigt still in Trauer.
Drum schuf der Ewige tapfere Tiere.

Vierbeiner sollten Vor -Bilder werden,
IHM, der als Urbild sich selber erwählte.

Ziel sei der Mensch, ein aufrechtes Wesen.
Mann und Weib – zwiefach, ein Wunder des Rätsels.

Vorerst jedoch beschenkt ER die Erde
mit rollenden Schlangen, kriechenden Nattern.

Käfer und Schwebzeug, Maus, Hund und Frettchen,
Schon schwingt der Affe behänd im Geäst.

Rinder im Grasland, der Löwe auf Raubzug.
Weidend die Herde, jagend das Rudel.

Riesige Echsen sanken dahin,
zu groß geriet IHM der Leib der Giganten.

Eispanzer wälzt er über die Erde,
Gewitterkometen löschten sie aus.

Ganz neu formt der Alte der Atmenden Schar,
Üben muss auch beim Schöpfen ein Gott.

VON DEM MENSCHEN

Wie sich nun alles lieblich vollenden will,
steuert das sechste Tagwerk dem Ziel zu.

Fast ist die Zeit schon gänzlich verbraucht,
da holt der Schöpfer zum Werk noch einmal

die segnende Rechte aus und befielt:
„Es komme der Mensch, das Tier, das uns ähnelt.

Mischung aus Vieh, Gott und ewigen Engeln!
Er sei als König der ganzen Geschichte

Hauptwerk. Und leide die Freiheit vom Zwang.
Alles, auch uns, leg ich Alter zu Füßen.

Er darf und muss die Würde ertragen.
Bürde, als Bild bin ich selber zu Diensten.

Er darf das Ganze leichtfertig vernichten.
Doch kann es, will er, für immer bewahren.

Derart sprach der Alte, derweil fast schon
die Zeit schweigt, im Raum zum Sabbat geworden.

Hervorgehen ließ der entschlossene Walter
nun Adam, schon steht er und torkelt umher.

Ein Lehm-Mann, geformt aus der Erde des Ackers.
Fällt und steht auf. Stürzt und besinnt sich.

Gott haucht ihm ein vom eigenen Atem
ein Weniges nur. Da wankt er nicht mehr.

Tut seinen Mund auf und stammelt Worte,
die Engel ihm lispelnd verraten haben.

Das Ich und das Du. Gott und Materie.
Essen und Trinken. Liebe und Nichttod.

Denn Tod gab es nicht auf der freundlichen Welt.
Was war, das war da und für immer.

Das „Du-Wort“ Adams verhallt noch im Leeren.
Niemand ist da, die Lockung zu hören.

Traurig schleicht abends Adam zur Ruhe.
Alles Vieh paart sich nach seiner Art.

Blöken der Lämmer, Gemecker von Ziegen,
reichlich gesäugt von sorgenden Müttern.

Er aber, Adam-Mensch, bleibt ganz allein.
Kalt ist sein Lager, öde das Traumbild.

Da erbarmt sich der Gott und formt aus Gewebe
des Leibes ihm ein liebliches Weibchen.

Beide erwachen am Fruchtstrauch des Lebens,
beide schauen umher und es regt sich

Beiden die gleiche Neigung zum andern.
Schon sieht man sie wandeln unter den Bäumen.

Adam verrät ihr die Sprache der Worte.
Eva, so heißt sie, als Mutter des Lebens.

Sie entdeckt ihm die Sinne der Dinge
die Lust der Körper und seiner Mysterien.

Es dauert der Jubel am Ende des Tages,
schier ewig ist er und voller Freuden.

VON DEM LUZIFER

Dann aber naht das große Verhängnis.
Luzifer, Engel und ganz Gottes Liebling.

Träger immer leuchtender Lampen,
runzelte schon bei der Planung der Schöpfung

bedenklich die Brauen vor Gott seinem Meister.
Nicht wollte er ehren den menschlichen Bruder,

nicht wollte er dulden die Freiheit des Menschen,
Luzifer will keinen Lichtglanz verschenken.

Nichts soll ihm mindern die Ordnung der Sphären.
Und Sorge bewegt den kundigen Engel:

Was, wenn der Mensch die Schöpfung zerstörte?
Was, wenn er Gott und die geistigen Welten,

und auch die Engel leugnend verdürbe?
Menschen, ganz unberechenbar sind sie.

Deshalb tritt der geflügelte Bote
kurz vor dem Sabbat, der Mensch ist noch feucht,

hin vor dem allgebietenden Alten.
Neigt sich und rät, die Freiheit zu mindern.

Nicht alles werde dem Neuling erlaubt.
„Nicht trotz er dem Himmel. Das bleibe verwehrt.“

Derart sprach zu dem thronenden Gotte,
vielwissend der Engel, Bewahrer des Lichts.

Ihm aber entgegnet der Weltenerfinder:
„Dem Menschen bleib frei, zu vernichten den Gott.

Durch Leugnung des Seins für ewige Zeiten.
Das erst gibt Sinn! Wann bleibt Gott Gott?

Wenn er es wagt, vernichtet zu werden.
Von dem, was er gab, durch das, was er schuf!“

Da bäumt sich der Engel unendlicher Schmerzen.
Schon ahnt er die Dämmerung seines Geschlechts.

Er will nicht vergehen, vom Menschen verachtet.
Und bittet den Schöpfer, die Wette zu wagen:

„Wird einst der Mensch IHN, Gott, neu erschaffen?
Wenn er ihn vorher zerstört durch die Leugnung?“

Dies gilt als Wette. Betriebe der Mensch
die Leugnung Gottes auf immer und ewig,

mit zweifelndem Denken, berechnendem Wissen,
abstreitendem Reden und kritischem Schreiben,

würd ihm die Gottgleichheit wieder genommen.
Gott müsste tilgen das Antlitz der Freiheit.

Erschüfe der Mensch aber reuig erneut,
gestorbenen Gott aus dem Nichts!

Durch Glauben und Hoffen, Gebet und Gesang,
und unter Beachtung der heiligen Schriften,

verschwände Luzifer freiwillig im Abgrund.
Derart der Handelspakt. Gott? Er schlägt ein.

Es reichen die Hände sich oben im Thronsaal
die beiden ewigen Kontrahenten.

Und Gott sagt zu Luzifer: „Nimm heute, Engel,
aus meinem Munde den neuen Namen.

Nicht Luzifer mehr werd ich dich rufen.
Satan heißt du vom heutigen Tag an.

Weil, – du verklagst den Menschen bei Gott.
Und verschriest das Abbild beim Urbild der Bilder“

Flugs wandelt zur flüchtigen Schlange der eine
sich um und der andere betet für Adam.

VON DEM BAUM MIT DEN FRÜCHTEN

Eva und Adam ahnen nichts Böses.
Atemlos staunen sie in der Schöpfung.

Lieben sich fleißig und pflegen den Garten.
Dort, in der Mitte, zwei Bäume mit Früchten.

Gott schuf die beiden – als Letztes und Bestes.
Denn ihre Früchte verwandeln die Dinge.

Tod in Leben der eine – der andere
lehrt seine Esser Erkenntnis und Urteil.

Alles sieht man, isst man die Früchte,
im Voraus kommen und wie es ausgeht.

Böses mit Gutem ist nicht mehr Einheit.
Gutes und Böses wird unterschiedlich.

Das sind die Wundergaben der Bäume.
Drin haust der Lichtträger schillernder Haut.

Nährt sich täglich mit lechzendem Gaumen
üppig saftgebend schwellenden Obstes.

Ermattet vom Liebesspiel legten sich nieder
die Ureltern dort auf blumige Matten.

Adam entschläft, es ermattet die Frau ja
immer den Mann, während dieser dieselbe

nimmer erschöpfen kann, nicht in Äonen,
Teiresias sang uns die uralte Wahrheit.

Und wie sie so träumt, und wie sie so sinnt,
gewahrt sie im flirrenden Dunst grüner Zweige

Früchte und auch die gemusterte Haut
der flüglichten Schlange, doppelbenamt:

Luzifer-Satan, des Lieblingsengels,
des wettenden Drachen, Schutzpatrons Hiobs .

Spricht sie: „Wer bist du. Wie soll ich dich nennen?
Was hast du für herrlich schimmernd Gewand?

Wo gibt es denn solche, wie kann man sie haben?
So will ich gehen – und Adam betören!“

Die Schlange – schweigt. Klug ist es zu schweigen,
solange der Fragende noch nicht entzündet.

Solange das Feuer der Absichten glimmt,
erhöht das Schweigen die Temperatur.

„So antworte doch, du liebliches Tierlein.
Wer bist du, was tust du, wie kommst du hierher?

Ich sah dich noch niemals, verbirg dich nicht weiter.
Darf ich dein schillerndes Kleid wohl berühren?“

Die Schlange sagt nichts. Stumm bleibt die Listige.
Eva erhebt sich und bittet und bettelt:

„Was soll ich dir geben, für neidliche Kunde?“
„Koste den Apfel am Schwanz meines Körpers“

So spricht das Tier „dann wirst du es wissen.“
Eva erschrickt. Das tat sie noch nie …

Es geht ein Gerücht, dass das Kosten der Früchte
die Koster viel kostet. So rauschen die Blätter.

„Das ist nur“ – die Schlange ahnt Evas Zweifel –
„ein böses Gerücht. Es gibt kein Gericht.

Du wirst alles wissen – bekommst meine Haut!
Getrau dir die Freiheit!“ Zischeln und Schweigen.

Bei Gott! Es nimmt die unglückselig Glückliche
Früchte, rötlich von Rasens Grün.

Oben am Himmelszelt ruft laut ein Rabe,
Warner des malmenden Menschenschicksals.

Eva jedoch missachtet den Vogel.
Sie schlägt ihre blendenden Zähne ins Fruchtfleisch.

Saft rinnt ihr Kinn herab und es beträufelt
das süße Nass den noch schlafenden Gatten.

Halb erwacht und im Traum noch befangen
greift er den Bissen und schluckt ihn hinunter.

So ist es geschehen. Sie sind nicht mehr eins,
weder zwei, sondern drei. Das Wissen vom Wissen.

„Was ist das“, fragt Adam, „ich weiß, dass ich weiß.
Ich sehe mich kennen. Kann nicht mehr träumen.“

„Das geht schon vorbei“, sagt die Frau, „schau die Haut.“
Im Gras schleicht davon die listige Schlange.

Der Sabbath bricht an, schon sank die Sonne.
Die Sterne gehen aus ihren Kammern.

Kühler wird es und Gott geht spazieren.
„Wo bist du?“ lockt er. „Wer bist du?“ fragt Adam.

Dann „Bist du?“ und schließlich „du bist nicht vorhanden!“
Erkenntnis verwirrt das uralte Wissen.

So endet die Schöpfung, die Welt ist am Ziel.
Menschen entsagen dem Zauber des Gartens.

Gott stellt die Schwertengel an seine Pforten.
Luzifern aber, den listigen Satan,

gesellt er Menschenkindern zur Hilfe.
Über Erkenntnis geht noch die Weisheit.

VON DER SCHWERE DES LEBENS

Dem Garten enteilen die Menscheneltern.
Dornen und Diesteln trägt ihnen der Acker.

Schweiß treibt die Arbeit, Schmerz das Gebären.
Kinder kommen und Jahre vergehen.

Unsicher blieb der Traum an ein Früheres.
Als man begegnet dem wandelnden Gotte

einst, unter Bäumen, dem Schöpfer des Weltalls,
Tiere und Menschen und Dinge Freund waren.

Zwei erste Geburten – Kain und dann Abel.
Eva säugt sie, Adam schafft Essbares.

Groß ist die Not, oft darben die Vier.
Draußen lauert der neidische Engel.

Landmann wird Kain – und ein Hirte ist Abel.
„Lass auf den Feldern nach Gotte uns suchen,

der, von dem uns mein Vater berichtet hat.“
So sprach einst Abel zu Kain, seinem Bruder.

Gott? Welch ein Wort – ganz abseits der Dinge.
Und nur vom Hören wussten sie dunkel,

dass da ein Wesen, freundlich und nahe,
irgendwo draußen im fernen Gefild lebt.

Aber die schöne Welt ging verloren.
Sehnsucht nach irgendwas, ruh´loses Grübeln.

Feind ward der Mensch allen Wesen, gefährlich
sind jetzt ihm jene, die vorher Gefährten.

Als nun um Mittag die Eltern ausruhten,
wandern die Söhne weit in die Ebene.

„Vielleicht, das er käme, wenn wir ihn locken!“
So redet Kain, der die Münzen erfunden.

Klingende Scheiben aus Silber und Gold.
Er schüttelt ein Säckchen, es läutet leise,

lieblich schimmert der Glanz des Metalls,
eingetauscht gegen Waren und Dinge.

Abel lacht lauthals: „Gott willst du locken?
Gibt es den wirklich, Geld reizt ihn nimmer.

Lebloses freut nicht Lebenerschaffende.
Sieh, wie sie hüpfen, schau, wie sie springen.“

Derart sprach Abel und zeigt auf ein Lämmchen.
Nachgefolgt ist es den beiden nach draußen.

Dudeli heißt es, ein neckischer Name,
Lieblingslamm Dudeli – Abels, des Hirten.

„Dudeli, Dudeli“ ruft er das Kleine,
umhalst das Schäflein, herbeigeeilt ist es.

Wie er es kost und freudig dem Meckern lauscht,
donnert’s am Himmel, die Wolken zerreißen,

Licht, zauberhaftes, fällt auf die beiden,
taucht Lamm und Hirten in goldenen Glanz.

Gott liebt das Leben, er schuf es zur Freude.
Gott liebt den Liebenden, Abel den Hirten.

„Hier, ich!“, ruft Kain und schüttelt die Münzen,
Sieh, was ich kaufte bei tauschendem Handel.

Früchte der Erde, Knollen und Wurzelwerk
rang ich ab deiner trotzenden Krume.

Liebliches Gold, das nimmer verwesen kann,
hob ich und ewig glänzt während sein Wert.“

Bevor er geendet, noch redet er heiser,
ballt der Himmel die Wolken zusammen.

Als ob die Götter zu hören sich weigern.
Abel fand Gott, doch Kain wird gefunden.

Da greift der Enttäuschte wütend zur Hacke.
Dudeli wird er zornig erschlagen.

Abel, jäh, wirft sich über das Lämmchen.
Mit seinem Körper will er beschützen.

So trifft der Stahl des Bruders den Hirten,
der sinkt nieder, zertrümmerten Hauptes.

Behüter Dudelis blieb er, ein Opfer.
Kain ward zum Mörder Abels, des Hütenden.

Gott brennt dem Frevler ein Zeichen ans Herz.
Jeder spürt es, jeder erschauert.

Denn das Gewissen weiß um die Taten,
die wir zu leugnen uns anstrengen müssen.

Fremd muss er wohnen, darf nicht vergessen.
Keiner traut Kain – niemand wird Freund ihm.

Der mit den Münzen – unstet und flüchtig.
Fort aus dem Land seiner Herkunft schlurft er,

Kain wohnt in Not – in keiner Heimat!
Nicht ganz allein aber, siehe, – ein Bärtiger

trägt ihm die Hacke, begleitet den Schlimmen.
Sagt: „Bist kein Mörder, ein Unfall nur war das.

Wolltest das Lamm nur, das alberne, treffen!
Trafst halt den Abel, was muss er sich werfen,

zwischen den strafenden Stahl und das Tierhaupt.
Derart spricht Luzifer-Satan, der Fremde.

VON RIESEN UND WESEN

Seltsame Menschen wohnen in Not.
Kain wird einer der ihren. Wird wichtig.

Handwerk und Kunst erlernt er von ihnen,
Handwerk und Kunst erlernen sie durch ihn.

Ratend und helfend steuert der Böse,
Technik und Trugbild werden erfunden.

Menschheit und Tierheit vereinen sich häufig,
Seltsame Dinge geschehen zur Unzeit.

Töchter der Menschen und Söhne des Himmels
zählen und zahlen, dichten und trachten,

züchten und merzen, beten und scherzen.
Gefertigt wird emsig die andere Welt …

Was einmal Einmalig war – wird nun entzweien.
Was früher Ewigkeit – stürzt in die Zeit ab.

Worte als Täuschung, groß wächst der Reim.
Sinn gattet Sinnloses, Wahrheit wird Schein.

Kain und Satan verehren das Geld.
Wahrheit wird Rätsel, weil es gefällt.

Letzte Engel, die Luzifer dienen,
stößt der Verzweifelte, Gott, hinab.

Hart auf dem Rücken der leidenden Erde
prallen sie auf und fanden ihr Grab.

Aufsog die Erde jedoch auch am Abend
das Blut des erschlagenen Hirten Abel.

Rot schimmert frühlings seitdem auf dem Feld
die keimende Gerste, ihm zumGedenken.

Kain dachte manchmal an jenen Nachmittag
Trauer befällt ihn dann, macht ihn zum Grübler.

Dann naht sich Luzifer listig und tröstet ihn.
„Höre, es gibt“, sprach er lehrend, „ein Mittel

traurige Grillen auf immer zu meiden.
Denk an was Großes, ersinne noch Größeres.

Hast du ein Großwerk vor Augen, dann fliehen
die traurigmachenden Kleingedanken.“

Weil nun die Gottessöhne sich hatten
vermischt mit den Töchtern der Menschengeschöpfe,

lebten Giganten und Riesen auf Erden.
Sichtbar die einen, sie wurden getötet.

Gott ließ sie sterben, Blitze vernichten die.
Andere aber hatten nicht Körper,

bestanden allein nur aus Geist und aus Seele.
Diese waren ganz unsichtbar. Geister,

Wesen, Ideen, unsichtbar Pneuma,
Hauch und Wind nur, Schemen und Weben.

Drangen den Menschen ein in die Ohren,
Augen, Sinne, Denken und Fühlen.

Besetzten das Wollen, Dichten und Trachten.
Zeugten sich fort in genialischen Plänen.

Das sind Kains Söhne, das sind Kains Töchter.
Kein gutes Geschlecht, verdorben von oben.

M e n s c h sein heißt Mensch s e i n. Sein von der Erde.
Wenn das Wesen der Götter zu groß wird,

wird es gefährlich – auch für den Himmel …
Oben war oben. Und unten bleib unten.

Doch Abels Blut macht den Erdboden trunken,
nach Geist und Seele dürstet das Rote.

Ihm bleibt für alle Zeiten erhalten
die Sehnsucht, das Sehnen, die Suche als Sucht.

Unentmischbar sind diese Großen,
bei Licht betrachtet, Gott ähnliche Kräfte.

ER entließ die gewaltige Schöpfung.
So wurden Oben und Unten zu Einem.

VON DER GROßEN FLUT

Nun, dass der Mensch nicht raffe von Früchten,
die ihn für allezeit leben lassen,

ließ der Schöpfer traurigen Herzens
seine Feste am Himmelszelt oben

wanken erst, brechen dann. Ströme von Wasser
ergießen sich wieder hinab auf das Festland.

Und aus der Tiefe steigen die Quellen auf,
Wasser bedeckt bald Berge und Täler.

Oben und unten vermischen sich eifrig.
Chaos ruft Tiamat, diese Leviathan.

Kreisend geht unter im Sprudel der Urflut
Erdkreis und Länder, Wald Wiese und Flur.

Gott löscht sein Werk aus, Kain und die Seinen.
Keiner entkommt. Nur Noah, der Fromme.

Noah und seine gesamte Familie
ehrten den einzigen wahren Gott.

Wie taten sie das? Sie taten nur Gutes,
versuchten das Schöne und ehrten das Wahre.

Kniet etwa ein Bettler hin an ihre Pforte,
geben sie Speise und Trank ihm zur Stärkung.

Sucht einer Obdach in brausendem Wetter,
führen ins Haus sie den bittenden Fremdling.

Ist etwa einer getroffen vom Schicksal,
sind sie zur Stelle mit Rat, Trost und Hilfe.

Derart handelten Noahs Leute,
und Gott schenkt ihnen damals ein Boot.

Freilich – sie müssen es selber erst bauen.
Durch ihre eigenen Hände hilft Gott.

Mitten im Sommer, im Zentrum der Wüste,
entsteht über Monate Sägen und Hämmern

ein riesiges Schiff, ein gewaltiger Kahn,
ein bergender Kasten, ein schwimmendes Ding.

Die Leute lachen, die Menschheit spottet,
Noah jedoch macht das Boot komfortabel.

Stockwerke hat es, Türe und Fenster,
oben am Dach lässt er eine Luke,

Eingang für Sonne, Mond und das Sternlicht,
welche die Zeit im Raum uns anzeigen.

Schon nahen die ersten ahnenden Tiere,
alles, was sündlos ist, findet den Weg.

Findet den Weg zur bergenden Arche,
auch die gefangene Schlange naht her.

Sie ist allein. Die anderen zweisam.
Das blieb der Unterschied. Und zwar bis heute.

Die Einhörner freilich, sie sind zu stolz.
„Was, es soll regnen?“ hört man sie schnauben.

„Wir stellen uns unter, und werden schwimmen.“
Aus der Schar der großen Giganten

waren die Einhörner übrig geblieben.
Herablassend schauen sie beide auf Noah.

Und es fängt an, in Strömen zu gießen.
Tage und Nächte, alles kommt um.

Die Menschen schreien und rufen nach Hilfe.
Noahs Kasten ruckt und erhebt sich.

Hoch fährt das Boot, die schäumenden Wasser
treiben es über Land und Gebirge.

Leise verhallt das Gebrüll der Ertrinkenden,
ruhig und still wird es wieder auf Erden.

Nur die Fische trifft nicht die Strafe,
stumm vor Entsetzen sehn sie versinken

Welt, Städte und Tempel, Bauten und Ställe,
in denen Menschen Tiere einsperrten.

Stumm sind die Fische deshalb noch heute.
Sprachlos vor Schrecken ob dem, was geschah.

Als der Himmel sein Wasser verschwendet
und als die Tiefe die Brunnen erschöpft hat,

treibt Noahs Boot in den Wellen der Flut,
auf und nieder schaukelt der Kahn.

Drinnen sitzen die wartenden Wesen,
warten auf Abfluss der lehmbraunen Wellen.

Oben, wo in dem Kahn jene Öffnung ist,
dort, wo die Sterne zur Nacht Noah trösten,

lässt er nun bald einen Raben ausfliegen.
Dieser fächelt mit seinem Flügel.

Ach, der Gute will trocknen helfen.
Jeder tu das, was er kann, um zu helfen.

Und weiße Tauben schweben von dort fort
um zu erkunden, wie weit geht das Wasser.

Kommen zurück, mit dem Ölblatt im Munde.
Und eines Tages kehr´n sie nicht wieder.

Das ist das Zeichen. Die Zeit ist gekommen.
Schon fährt ein gewaltiger Stoß durch den Kasten.

Die Arche setzt auf. Am Gipfel des Berges
ruckt sie sich fest. Man öffnet die Tore.

Froh, der rettenden Enge entkommen,
strömen sie alle ins Weite und Freie.

Danklied und Singsang, Tanz und ein Festmahl
alle Geretteten preisen den Rettenden,

preisen zugleich den großen Verderbenden,
der nur verdarb, um neu zu erschaffen.

Unter dem vielfarbigen Regenbogen
feiert jedoch auch Luzifer mit.

Er ist die Schlange, die Wette mit Gott
läuft und läuft. Wer wird gewinnen?

Schöpfung erneut sich. Das Urbild des Gartens
ruht noch am Grunde der Erstursachen.

Niemand weiß das. Nur Satan. Er zittert,
nichts unterlässt er, Menschen zu foppen.

VON DEM BAU DES TURMES

Einfacher ist Zerstören. Nicht Bauen.
Taten des Grimms beruhigen leicht.

Geduld dagegen erfordert viel Kraft.
Bangend und ungewiss, ob sich Erfolg zeigt.

Im Netz war ein Loch, der Fischer will flicken.
Nadel und Faden sind schnell zur Hand.

Doch sträubt sich der Stoff, es bockt ihm das Werkzeug.
Nicht will das Ör die Schlinge erfassen.

Der Mann wird unruhig, die Wutader schwillt.
Am Ende sticht er sich noch in den Finger.

Da flucht beleidigt den Geistern der Salzflut
aus Zorn er, und schleudert das Netz über Bord.

Gestillt ist der Mut. Doch sein Netz ging verlorenen.
Wie fischt er nun Fische, ganz ohne Netz?

Ein anderer Fischer handelt umsichtiger.
Sorgsam fädelt er Masche in Masche.

Lässt sich vom tückischen Stahl nicht hinreißen
nicht verführen zur Unüberlegtheit.

Bald schon hat er das Netz ausgebessert,
senkt es ins Meer, reich lohnt ihn die Beute.

Als der Zorn Gottes Schöpfung vernichtet,
Menschen und Tiere im Wasser trieben,

blicken die Augen des Ewigen lange
auch auf die Wassers fahrende Arche.

Und als der Zorn sich gelegt hat, weint er.
Tränen Gottes mischen dem Meer sich.

Als nun die Sonne die Wasser erwärmte,
steigen ihr Dunst und Nebel zum Himmel.

Denn jede Träne trachtet zur Rückkehr,
Schöpfers Auge sucht die Vergossene.

Auf dem Weg nach oben zum Himmel
färbt der Äther den Pfad siebenfältig.

Rot und Orange, gelblich und Grün.
Hellblau, dann Blau und auch Violett.

Gott sieht die Farben, erinnert die Tränen.
Schwört sich Geduld. Gedenkt seiner Zornflut.

Nicht mehr mochte auf Erden der Gott
Tier, Mensch oder Wesen bestrafen.

Auch nicht länger wollte im Himmel
die Macht der Zornkraft er wohnen lassen.

Mahnend malt sich der Regenbogen
täglich den Wolkenrotunden ein,

täglich nämlich, immer noch, stündlich,
reißt die Menschen ihr Schicksal zu Fall.

Kürzlich wollten sie wieder bauen –
Turm. Den mächtigen, prächtigen Riesen.

Woher nehmen die Quadersteine?
Woher nehmen Mörtel, der dauert?

Pech nur und Erdharz gab es da draußen.
Lehmige Tone steh´n zur Verfügung.

Wälder fallen für Ziegelöfen,
Menschen tauchen in Naphtagruben.

Brand brennt brennend gebrannten Brennling.
Kleber klebt klebend klebenden Klebling.

Gott fährt herab, voll Mitleid fährt er.
Schaut sich um, befragt sanft die Mörtler:

„Was soll werden, was schwendet ihr Zeiten?
Leben soll ihr, nicht schuften und plagen.“

Ihm gaben zur Antwort wissend die Stolzen:
„Marduk, den Gott, gilt es zu besiegen.

Groß wird der Bau, und riesig der Turm.“
So klingt die Antwort, keuchend gegeben.

„Den Turm der Türme gemeinsam errichten
zu stürmen die Himmel mit wagendem Mut.

He Alter, pack an!“ so raten die Maurer.
„Bewege den Stein. Verfülle die Lücke.

Stehe nicht müßig – den Plan zu erfüllen,
wuchte ein jeglicher riesige Lasten.“

Gott macht, verkleidet als syrischer Ziegler,
sechs Tage mit. Dann ruht er vom Werken.

„He du, fauler Greis! Setz dich in Bewegung.
Packe den Korb an, geleite das Führseil.

So drängen die Maurer den feiernden Gott.
„Sabbath ist, freut euch! An dem, was geschafft!“

Entgegnet, gehüllt in Lumpen, der HERR.
„Lass dich nicht lumpen!“ murren die Heiden.

„Hier wird geschafft, gewerkt und vollendet.
Mach du! Sonst stoßen wir dich von der Klippe.“

Böse wird es. Es drohen die Bösen.
Am Horizont mahnt der farbige Bogen.

Gott atmet aus. Und ein atmet Gott.
Und klimmt die Stockwerke auf bis zur Spitze.

Und steigt noch weiter. Ganz ohne Treppe.
Besteigt seine Himmel. Der Turm bleibt zurück.

Es staunen Bauleute, staunen die Planer.
Alles steht still. Man geht auseinander.

Versucht, das Geschehene richtig zu deuten.
Die Sprache wird schwer. Wer kann es erklären?

Gott stieg die riesige Leiter hinauf.
Verschwand in den Sphären. Wie ging das denn zu?

Sie reden und reden. Dichten und streiten.
Am Tag, an dem sie sich alle entzweiten.

Aiternitkleber

Die Eltern Gottes hatten es schwer. Das Kind kümmerte sich nicht. Zu viel zu tun mit der Schöpfung. Eltern werden manchmal frühzeitig alt. Sie auch. Kummer mit dem Jungen. Als Vater einen griesgrämigen Demiurgen – die Mutter? Unerfahrenes Ding. Dann war es da. Schrie, schrie und schrie. Später wollte es noch ein Brüderchen. Aber daraus wurde nichts. (Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.) Noch später schmiss es sich oft auf die Erde, das Kind. Ihr kennt das. Da brachte der Vater ihm das Schöpfen bei – wie man aus Nichts Etwas macht und noch viel mehr. So ging die Ewigkeit dahin. Unendliche Welten entstanden. Eine davon unsere. Nicht die beste … aber immerhin.

Eines Tages fragte Gott, woher es käme. Die Eltern erklärten ihm so gut das eben ging: Wenn Vater erlaubt, legt Mutter ein Ei hinaus ins Nichts, dicht an den Rand des Denkbaren. Dadurch wird das Nichts an dieser Stelle umgekrempelt, so dass das Innere zum Äußeren wird bzw. das Äußerste zum Inneren. Genau an diesem Ort entsteht Gott. So etwa könne man sich das vorstellen. Das Nichts im Sinne der Existenz von Etwas umkrempeln! Klingt interessant. Eines Tages, die Eltern waren aus, versuchte Gott, den Urstoff auf diese Weise zu manipulieren. Er machte an der ihm zugewandten Seite der Ewigkeit einen Schnitt. Was für ein Geräusch! Gleich darauf fügte er die beiden Enden wieder zusammen. Aber um 180° verdreht. Mit Aithernitkleber.

Was dabei entstand war die Chimaira-Möbius-Schleife. Innerhalb der Schleife wurde alles zum Sein verewigt, außerhalb ihrer verschwand vieles für immer. Da sich die Eltern Gottes gerade auf einem Betriebsausflug ins Weit-Draußen befanden, verschwanden auch sie. Auf Nimmerwiedersehen. Gott aber, der jenseits des Nichts auf der Schleife balancierte, klammerte sich fest – und ging nicht verloren. Das Diesseits der Schleife ist unsere Welt. Wir wundern uns, weil etwas ist und nicht vielmehr nichts, weil wir Gott hinter der Schleife nicht erkennen. Ihn, der vom Jenseits aus unser Abdriften ins Nichts verhindert. Indem er auf seiner eigenen Grenze balanciert. Die Eltern, wie gesagt, sind verschwunden. Deshalb denken die meisten, der Schöpfer hätte keine Eltern. Aber er hat doch welche!

Klar, – das Ganze ist schwer vorstellbar. Für Leute ohne Vorstellungskraft sowieso. Seid aber nicht traurig. Ihr müsst eben euren Gedanken viel, viel mehr zutrauen. Das ist der Trick. Und die ganze Wahrheit dahinter.

Re-Firmation

Aus dem Wust vorheidnischer Mythen und finsterstem Brauchtum erhebt sich eines Morgens das Christentum zum freien Flug. Jüdische Eingottverehrung und griechische Religion leisten Hilfestellung. Dann schwebt der neue Phönix endlich über der verglimmenden Asche früherer Altäre.
Um Kraft zu sammeln, muss der neue Vogel nie wieder in Kot und zwischen Totengebeinen landen. Hierin gleicht die christliche Lehre vom menschenfreundlichen Gott dem Mauersegler, welcher auch im Schlafe fliegen, bzw. fliegend schlafen kann.
Die Juden – wo sie sich später ebenfalls reformierten, werden geniale Wissenschaftler, treiben großartige Philosophie – und der griechische Götterglaube gab, müde geworden, seine Lebendigkeit den Gesängen gebildeter Romantiker, die ihn treu überliefern. Das Christentum selbst verschmolz beides genial miteinander und ward zur Gold-Folie, auf der die Bilder des menschlichen Lebens neu gemalt werden: Die Angst wird weniger, die Kraft zu handeln stärker, die Ruhe größer, der Hass kleiner, Frieden stellt sich ein. Tugenden verwandeln Fiktion in Wirklichkeit. Der Tod erscheint in neuem Licht, – das Leben in größerem Glanz. Gott bleibt nicht nur theoretisches Gedankending, sondern wird interessante Variable. Die hilft dabei, die Gleichungen des Lebens zu lösen. Wer hätte das gedacht? Der ständige Hang zur unbarmherzigen Selbstverurteilung weicht entspanntem Vertrauen. Die Welt rückt als Freundin näher, – man darf sie verbessern, dafür hat Gott jede Menge Freiraum gelassen. Umgang mit Schuld gestaltet sich anders. Keiner muss sich selbst mehr hassen und zerstören. Gottes Sohn hat für alle Zeiten alle Schuldzahlungen beglichen. Die Lehre von der leiblichen Auferstehung wird zur härtesten Währung auf dem Basar der Hoffnung: Wir steigen am Tag, den nur der HERR weiß, alle in das Elysium auf – nur die ganz Missmutigen dürfen tot bleiben. Freundlich wird man über sie lachen. Vielleicht wollen sie dann ja doch noch? Die gegen sich und andere unbarmherzig waren. Und die von sich selbst Überüberzeugten. Fromme Heuchler, und skrupellose Zöllner – und wir alle eben. Gibt es etwas Besseres als das Christentum? Nein!

Matthias Schollmeyer (Pfarrer in Zahna)

der Schutzsuchende

Als nun der Götter Zorn sich gelegt,
ward es dem Vielgeplagten
endlich vergönnt mit brüchigem Floß
am Gestade der Heimat zu landen.
Heim kehrt uns Luther, wie weiland Odysseus,
dieser nach Ithaka, jener nach Wittenberg.
Da lugen die mächtigen Türme –
Stadt- und Schlosskirche grüßen den Schiffer.

Fünfhundert Jahr sind vergangen
seit Martin die Welt aufschreckte
mit donnernden Schlägen ans Domtor,
Thesen, geschrieben mit wagender Feder.
Viel ist geschehen seitdem.
Einiges auf die Schnelle notiert:
Das trojanische Rom ward zerstört.
Es sanken hin die Papisten.
Heiligenbilder wurden zerschmettert.
Reliquien warf man zum Kot auf die Gasse.
Das Reich der Täufer in Münster,
Weibergemeinschaft für alle,
keiner sollte mehr darben.
Getauft wurde und wiedergetauft.
Hexen und Zauberer brannten.
Bauern wurden gespießt,
Kinder lernten alle das Lesen,
der Katechismus erfunden.
Groß war die Zeit.
Doch dann kam der Krieg.
Dreißigmal kreist die Sonne.
Es kreißte Deutschland.
Frieden ward zu Westfalen verkündet.
Man stritt, disputierte.
Einige blieben dem Glauben treu,
andere fielen ab.
Aufklärung! Stolz ward verkündet,
dass Gott nur Fiktion und gar nicht real.
Preußen erstarkt, Sachsen zum Trotz.
Dann jagen die Welschen Könige fort.
Paris färbt rot seine Plätze,
es rollen die Köpfe des Dr. Guillotin.
Ein Korse krönt selber sein Haupt als Cäsar.
Und wird vor Moskau im Frost besiegt.
Schill, Blücher und Gneisenau,
Stein und der Hardenberg –
jagen den Welschen schließlich zum Teufel.
Metternich sagt bald, wo´s lang geht.
Jetzt dichten die Deutschen,
man baut Barrikaden.
Aufstand, Zensur und Romantik.
Dampf treibt die Räder an,
Städte entstehen.
Der Prolet wird geboren.
Armeen und Truppen allüberall,
Nationen marschieren.
Ein grausiger Krieg
erschüttert die Welt.
Chlor wird verschossen.
Gasmasken erfunden.
Der Türke geht unter.
Dann gleich noch ein Krieg.
Schlecht gehts den Juden.
Dann kommt ihr Staat.
Die Söhne Muhammeds
erstarken am Öl,
zerfleischen sich artig.
Im fernen Korea
regiert eine Bestie.
Das ist die Welt.
Vater Luther kehrt heim.

Seit der Götter Zorn sich gelegt,
führt eine gnädige Kraft die Reise
endlich zum rettenden Ufer.
Ein finsterer Mantel schlägt die Waden,
Das Haupt verhüllt die Kappe aus Samt,
ebenfalls schwärzlich. Niemand erkennt ihn.
Er schreitet die Wiese entlang,
überquert eine Straße, wo Autos chauffieren,
durchquert einen heiligen Hain –
betritt jetzt, wie ehedem täglich,
die Straße zum Schloss.
Verschwindet in seiner Kirche.
Verweilt am Grab seines Freundes Melanchthon.
Dann steht er perplex vor den eigenen Knochen.
Er nickt. Und alles in Ordnung.
Doch keiner erkennt ihn!!!
Viele laufen so rum wie er
jetzt in dieser gefährlichen Zeit.

Doch nein. Einer doch. Ein ältlicher Küster.
Sohn des Sohnes des Sohnes von früher.
„Ihr seid´s, Vater Luther?“ flüstert er scheu?
Der Doctor aber gemahnt ihn zum Schweigen..
Still führt er den Finger zum Mund hin,
so dass das Zeichen des HERRN entsteht.
Die festgeschlossenen Lippen als Quer-
der Zeigefinger als stehender Balken.
So ward das Kreuz – und der Küster erschrickt.
Ja! – Wissen! Dann: Schweigen,
Wollen und Wagen. Er nickt.

Ganz unauffällig wird Luther geleitet
zur Wohnung des Küsters.
Hier ist noch Deutschland.
Die Ehefrau, züchtig und keusch, weit an Jahren,
bereitet den Tee. Selber gesammelt, Kräutlein um Kraut.
Bieten doch Feldflur und Wälder der Deutschen,
jedem der sucht, unendliche Schätze.
Beifuß und Melde, Nessel und Giersch.
Quecke und Grashalm, und Pféfferminzkraut.
Duftendes Brot aus Dinkelkörnern,
Luther stärkt sich – Röhrwasser netzt
angenehm seinen vertrockneten Gaumen.
Dann winkt er zu sich den wackeren Küster.
„Sag, Freund in Christo, wie steht´s um die Stadt?
Doch erst entdeck mir, wie habt ihr erkannt
mich, der ich fünfhundert Jahre absent?“

Der Küster rückt nun den hölzernen Schemel,
gefertigt nach Altväter Art,
dicht an den Stuhl des Reformators.
„Ihr, Vater Luther, seid uns bekannt.
Wir warten seit Jahren, dass einer käme.
Wuchtig und breit von Statur,
doch nicht überragend.
Der feiste Kopf mit dem üppigen Haar,
nicht die Praeceptor-Glatze.
Dann euer Blick aus flammenden Augen,
wo sich das Wissen um Höllen abspiegelt.
Auch das Kollern in Magen und Darm,
wo die Verdauung stattfindet.
Noch manch anderes Zeichen,
lehrt mich mein Vater und dessen Vater.
‚Wenn so einer kommt‘, sagten alle,
‚dann hat ein Ende die Not.‘
So einer kam heute, alles zu ändern.

Luther nickt und nippt am Tee.
Die Turmuhr schlägt, er erhebt sich.
„Zuerst“ sagt er dann zu dem selig
vor ihm hinknienden Küster,
„gib mir Gewandung, so dass ich,
nicht in der Stadt auffalle!“
Zwar deucht mich seltsam Hose
und Rock, doch will ich sie tapfer tragen.
Will heute besuchen das Haus Bugenhagens,
dann Allerheiligen und Sankt Marien.
Auch seh´ ich ein Bildnis hier in der Stadt
an allen Ecken und Enden.
Ein dicklicher Klotz mit schwammiger Nase
wulstigen Lippen und triefigen Augen.
Dort auf dem Marktplatz ist er am größten,
Beim Krämer sah ich ihn winzig und klein
zum Verzehr aufgestellt aus Zuckerwerk wohl?

Der Küster freut sich und bringt die Antwort:
„Das, Vater Luther, seid ihr!“
Man rüstet sich heuer zu feiern,
dass ihr die Sprüche heftet ans Tor.
Thesen, mehr noch als neunzig –
Und über´s Jahr strömt die Welt hierher,
das Großereignis zu sehen.
500 Jahre Reformation.
Doch leider hat sich viel Schlimmes ereignet.
Penelopen rücken die Freier auf´s Bett.
Schon erfüllt ihre zechende Schar
Kirchen und Akademien, Kapellen und Ämter.
Bei Weitem verzehren sie alles,
was in Jahrhunderten angehäuft ward,
bezahlt aus Scherflein von Witwen und Waisen.
Wie damals schon Odysseus lernte,
Abwesenheit wirkt nicht nur Gutes,
wenn sie zu lange gedauert,
merken auch wir seit Jahren,
dass ihr uns fehlt, Vater Luther.
Reformatore, ich hüte den Hammer
treulich bis auf den Tag, da ihr landetet.
Und wie schon der Sohn des Laertes
den Bogen spannte und schoß –
durch zwölf Ösen wacker den prüfenden Pfeil –
so schmettre das alte Werkzeug Thors,
Mjölnir, den Nagel ins Holz erneut.
Derart sprach er, der sich kümmert
um Kerzen, Blumen und Schlüssel,
dort in der Allerheiligenkirche,
und er reicht ihm den Hammer.
Schwer gleitet das Eisen,
und leicht auch zugleich
aus seiner, des Küsters,
in seine Hand, Martins.

Teil II
Wie nun Luther, noch unerkannt,
gemeinsam mit seinem Küster
die Straßen der Stadt auf und abgeht,
frägt er den Alten leise:
„Gib mir Kunde von jenen Freiern,
die meine Kirche bedrängen!
Erkläre mir alles und jeden,
samt ihren Schamlosigkeiten.“

Da öffnet der Kirchendiener den Mund
und bitter dringt´s von den Lippen.
Anklag auf Anklag erhebt jetzt der Wackere,
nimmer kommt er zum Ende vor Luthern.
Hört den Sermon, ich berichte:

„Dort sehet ihr, Vater, Antinoos schmausen.
Breit fläzt er sich in der Sonne,
zusammen mit Amphinomenos und Melantheus.
Leiodes und Demoptolemos
leisten den beiden Gesellschaft.
Auch der Ktesippos und Laios
sind mit ihnen und prassen.
Täglich kannst du sie sehen,
und ihre Witze belauschen.
Setz dich nur nieder und warte,
dann hörst du nur lästerndes Reden.
Ktesippos ist wohl der Verschlagenste,
der mästet sich schamlos auf´s Beste.
Erkaufte ein Haus sich und strich es bunt an.
Dann lud er zum Gastmahl Geschichtenerzähler.
Drinnen palavern sie emsig.
Er verspricht ihnen Gold, Glanz und Glimmer,
damit sie lang bei ihm hocken.
Beredend erst dies und dann das.
Danach dann das und auch dieses.
Tags und nachts ersinnt man Projekte,
Work-Shop jagt Work-Shop,
nimmer kommt niemand zur Ruhe mehr.“

Derart beschwert sich der Arme,
Tränen netzen die Augen des Küsters.
Als Luther die Klage vernommen,
setzt er sich an ein Tischchen,
befielt auch den Küster zur Rast.
Gleich eilt herbei eine Wirtin,
fragt, was die beiden begehren.
Luther studiert auf der Karte,
was das Gasthaus anbietet.
„Eis mit Früchte?“ lese ich hier,
erbleicht der Schöpfer biblischer Sprache.
„Ja, Eis mit Früchte!“ erwidert ihm nun
schnell und blöde das wartende Weib.
„So. Dann nehme ich ‚Eis mit Früchte‘.
Für meinen Freund, den wackeren Küster,
wähle ich aber ‚Eis mit FrüchtEN‘.
Beides bringt schnell und behende.“

„Zwei ‚Eis mit Früchte, Kevin‘“
ruft die Wirtin nach hinten,
wo ein Jüngling Eiskübeln waltet.
Schon donnert der Reformator:
„Nicht ‚Eis mit Früchte‘, hab ich gesagt.
‚Eis mit FrüchtEN‘. Zerstört mir die Sprache nicht!
Saß ich nicht Monate dort auf der Wartburg?
‚Frucht‘ heißt es wahrlich. ‚Früchte‘ der Plural.
‚Mit‘ ruft den Dativ. Gemeint ist der ‚Wemfall‘.
‚Eis mit FrüchtEN‘ kann es nur heißen.
Reformation nur mit ‚Früchten‘.“
Derart rief Luther, Zornröte färbt ihn.
Doch als nach Stunden niemand das Eis bringt,
erhebt sich Luther, erhebt sich der Küster.
Grollend streben hinauf zur Schlosskirche
beide. Am Markt ist ein anderer Laden.
Hier sitzen sie nieder, bestellen ein Bier,
den schäumenden Gerstentrunk,
heiß ist das Wetter – Oktober Zwosechzehn.
Das Bier kommt, sie trinken,
weit schweift in die Runde der forschende Blick:
das Rathaus, die Banken, die Läden, die Leute.

Der Zufall will es, am Nebentisch tafelt,
schon sinkt die Sonne,
Ktesippos mit Laios. Der Tag geht zur Neige.
Ein von der Irrfahrt Heimgekehrter,
Luther, Erfinder von frommen Thesen,
Sprachensachwalter und Romzerstörer,
muss nun hören, was diese Teufel
über ihn plaudernd zum Besten geben.
Die beiden Spötter sitzen ihm abgewandt
bemerken nicht die Belauschung.

„Fürchterlich wütet er dann im Alter
gegen die Juden, Türken und Hexen.
Gänzlich verwirrt ist der Geist ihm geworden,
Angst vor der Hölle, Gicht und Beschwerden
plagten den Mann, den Tod wünscht er täglich.
Ratlos war er, von allen verlassen.
Zweifel am eigenen Werk macht ihn furchtsam.
Und er wartete nur auf den Tod.
Ohnehin nicht ganz richtig im Kopfe
verstand er ja nie, was Phillipp erdachte.
Vergaß oft Details, versäumte Termine,
braust plötzlich auf, versinkt bald in Kummer.
Luther – ein Psycho. Ab in die Bosse.
Er schlug seine Kathi, bereut es bald bitter,
heult, betet und beichtet.
Ruft zu Maria, bittet die Heiligen,
flucht, säuft und kotzt vor Angst,
kann sich nicht retten!“

Der solches sagte, das war Ktesippos,
wiehernd lacht dazu der Freund, genannt Laios.
Als die Schimpfkanonade geendet,
lehnt sich der Letztgenannte zurück:

„Ei , das klingt lustig, Bruder Ktesippos.
Da machen wir was draus, es soll uns erfreuen.
Ich sehe im Geiste die Schlagzeile schon:
„Kirche feiert dementen Alten.
Bischof hätte es wissen müssen!“
Sie lachen ein schmutzigs Lachen, bestellen
noch eine Runde teuersten Wein,
gereift an den Hängen des Jessener Landes.
Dann fahren sie fort mit lästernden Reden:
„Uns soll’s nicht kümmern. Wir wissen Bescheid.
Und seine Kathi, das unsägliche Weib
hat er ja gar nicht heiraten wollen.
Herr Käthe, – o weh. Das war ein Drachen.
Übrig geblieben von allen Neunen
muss sie ihn nehmen, er war der Letzte.
So kommt der Topf nun zum Deckel
oder der Deckel zum Topfe.
Ave von Schönfeld hieß die Ersehnte,
Luther hatte ein Auge auf die.
Sie aber schmähte den fetten Exmönchmann.
nahm sich bald einen besseren Gatten.
Basilius Axt, so ein Arzt. Hä, hä, häähh.“

Hässlich erklingt beider Lachen,
über den schallenden Marktplatz.
Dann geht es weiter. Widerlich trunken
sind schon die beiden Spötter geworden.
Wein aus Jessen tut seine Wirkung.
Luther hört zu, die Wut wächst im Wanst ihm,
ängstlich harret der Küster der Dinge.
Was will das werden? Luther bestellt.

Das Bier kommt. Derweile fahren die beiden
Übeltäter fort mit dem Spotten:
„Reformation? Überhaupt ist das Ganze
doch nur ein einziger Fake der Geschichte.
Luther hat einst den Hieronymus Bunz
beim Duellieren erschlagen, den Freund!
Entfloh rasch und wurde nur Zölibatér,
um Justitia klug zu entkommen.
Bemäntelt die Klugheit durch fromme Schwüre –
erfindet Gewitter zu Stotternheim.
Weiht sich der Anna, der Großmutter Christi.
Und was es so noch für Legenden gibt.
Von da ab gibt es kein Halten.
Die Lüge als Basis des Fundaments
aller Grundlagen bleibt am Anfang ihm stehen.
Als Riesenkredit – ohne Deckung freilich –
wabert die Schuld alle Zeiten
durch Luthers Lehre, zerstört, was sie findet.
Macht schlecht, was auch immer berührt wird durch sie.
Hüte dich Laios, bleib lieber katholisch.“
Sie prosten sich zu.
„Protestantismus? Da kann nix draus werden.“
Und wieder lachen sie hässlich.
Die Sonne versinkt im Westen,
und taucht das Spruchband am Turme
der Allerheiligenkirche
in Lichtglanz und Schwärze – beides zugleich.

Das ist das Zeichen. Auffährt
ein Reformator in glühendem Zorne.
Schwarzrot schwillt an ihm der Adern Geflecht.
Niedersaust schon der schmetternde Hammer,
nieder aufs Tischchen der zechenden Frevler.
Das Möbel zerkracht,
die Gläser zersplittern. Das Deckchen
gefertigt aus feinem Papier,
wird fortgeweht auf das Pflaster der Straße.
„Hypagete satanes, erbärmliche Lügner“
brüllt der beleidigte Heimgekehrte.
Fort mit euch beiden, ihr argen Papisten.
Stadtwache, greift sie, ab in den Kerker.
Wild um sich schlagend wütet nun Martin,
erweist seinem Namenspatron Ehrenbezeigung,
gilt doch der Mars als Gottheit des Streites,
Martin – Soldat, unerschrocken.

Schon eilt die Wache herbei zum Geschehen.
Doch nicht Ktesippos und auch nicht den Laios,
nehmen die gutmütígen Beamten
in festen Gewahrsam – sondern:
Luther, gefesselt, wird fortgeführt.
Schnell geht die Reise zum Polizeihäuschen.
Bluttest, kein Ausweis – Ausnüchterungszelle.
Ein Hammer wird sichergestellt.
Thors Waffe, die heilige thesenanheftende
fährt in die Keller der Stadt-Polizei.

Vorher noch schnell hat verzogen
der Küster sich heimlich nach Hause.
Heißt es nicht schon in der heiligen Schrift:
„Und es verließen ihn alle?“

Teil III
Morgen ward es, Aurora verschönte
am Himmel Weißwölkchen mit Rosa,
da schrein schon die Zeitungsknaben hinaus
in alle Welt ihre Botschaft:
„Irrer Luther-Nachahmer
zertrümmert Tische und Bänke.
Vorschau auf 2017?“
Ein Bildnis ziert bunt das Titelblatt.
Darauf kann man sehen, wie Martin
mit Mjölnir, dem Hammer, ein Eistischen spaltet.
Splitter und Trümmer fliegen herum,
bedecken weithin die Straße.
Erschreckt springt Ktesippos mit Laios
eben zur Seite, ein Vierter verdrückt sich,
der Küster mit ängstlicher Miene.
Schon fassen zwei Polizisten
Luthern beim Kragen und führen ihn ab
in silbern blitzenden Schellen.

Luther derweil sitzt im Kerker.
Er hat gut geschlafen,
ein mageres Frühstück reicht man ihm noch.
Doch dann geht´s zur Sache, er soll seinen Namen,
Geburtsdatum, Wohnort und Herkunft belegen.

„Martinus heiß ich. Und Doctor bin ich.
Lebte auch lange hier in der Stadt.
Am 10. November vierzehndreiundachzig
gebar mich die Mutter kurz vor der Mitternacht.
Dem Vater gehört eine Mine im Kupfer.
Fragt Friedrich den Weisen, er kann es bezeugen.
Fragt meine Freunde, sofern sie noch leben.“

Der nette Kollege, ein Hauptwachtmeister,
runzelt die Brauen und hüllt sich in Schweigen.
Lang dient er schon hier in der Stadt an der Elbe.
Oft wird er gerufen zur Kirche am Schloss.
Dort bei dem Tor mit den vielen Thesen
erkletterten einige kühn leere Kisten,
warfen sich auf, die Welt zu verbessern.
Klebten Plakate, verteilten Zettel,
schrieen ihr Reich aus, nannten sich Martin,
erwarten die Ufos, ketten an Bäume sich,
zeigen zum Himmel, verzückt und benebelt
vom Sendungswahne erregt, anstachelt.
Der Hauptwachtmeister runzelt die Stirne.
Dieser hier ist wieder so einer.

„Freundchen“ sagt er, „ich lasse dich laufen.
Aber tue so etwas lieber nie wieder.
Bezahlen musst du das Tischchen, die Gläser.
Ich brauch die Adresse, wo du jetzt wohnst.
Wo ist dein Ausweis? Hör auf zu faseln,
jeden Tag kommt hier einer zum Pennen,
der sich Luther und Martinus nennt.
Also, was ist jetzt?“

Luther denkt nach. Erinnert sich auch
an Hieronymus Buntz, den er erschlagen.
Erinnert sich dann an die Fahrt nach der Wartburg.
Junker Jörg, mit dem Bart im Gesicht.
Nachdem die Fingerabdrücke genommen,
verspricht der Gefangne, den Ausweis zu bringen.
Ein Foto wird von ihm zur Akte genommen.
„Du siehst dem Luther verteufelt ähnlich!“
sagt noch der Hauptwachtmeister zu Luthern!
„Ich bin´s ja!“ ruft dieser. Der Wachtmeister droht
mit dem Finger und lacht. „Bring deinen Ausweis.
Dann sehen wir weiter … Und jetzt hau bloß ab.“

Luther steht draußen, die Mauerstraße.
Da steht eine Kirche, Maria gewidmet.
Er tritt in das helle und freundliche Haus ein.
Bekreuzigt sich fleißig am Weihwaserbecken.
Kniet nieder und schweigt – die Ruhe tut gut.

Ein Priester kommt her, begrüßt ihn sehr freundlich.
Und nachsichtig nimmt er alsbald zur Kenntnis,
dass wieder so einer Luther sein möchte.
Martin sitzt nieder. Die Messe hebt an,
er hört aus den Schriften, genießt die Oblate,
und fragt nicht nach Wein: „Ist sicher alle!“
Singt der Maria, erfreut sich der Bilder,
lauscht froh der Glocke – fühlt sich zu Hause.

Da will er mit Mjölnir, dem wackeren Hammer,
die Freier erschlagen, wie einst Odysseus
die ruchlosen Prasser, die Ithaka höhnten,
mit seinem Bogen alle bestrafte?
Die Jungfrau Maria hat es verwandelt.
Friede zog ein in das ruh´lose Herz

„Bruder“ fragt er den blonden Priester
„bitte gewährt mir Armem Asyl.“
Der freundliche Pontifex lächelt und heißt
den Büßer sanft mitzugehen.
„Da könnt ihr bleiben bis 2018.“
Flüstert er milde und weist eine Zelle,
freundlich, gelüftet mit Blick hinaus
auf spielende Kinder und sonniges Grün.

„Hier, in den Büchern könnt ihr nachforschen,
was in der Kirche seit damals geschehen.
Schneemelcher hat treu, mit einem Freunde,
Denzinger heißt der, alles verzeichnet.
Lest nur, es wird euch Vieles begeistern.

Das Tridentinum, beide Konzilien,
die im Vatikan stattfanden später.
Herrliche Dogmen – ihr könnt ja Latein.
Betet und singt, erholt euch bei uns.
Als Junker Jörg, wenn ihr wollt.
Wir sind, wie ihr, katholisch geblieben.
Sind eure Freunde. Willkommen – von Herzen.“
Martinus bedankt sich.

Wenn ihr ihn sucht – ihr findet ihn nicht.
Er ist nicht mehr hier.
Doch geht euch voran.
In den Schoß seiner Kirche
kehrte er ein.
Ihr werdet ihn sehen,
dort, wie er gesagt hat.

von dem Volk der Pitraschken

Weit von uns entfernt, in den Steppen Transkaukasiens, lebt auch heute noch der kleine Stamm der Pitraschken. Carl Gustav Carus zählt die Pitraschken seinerzeit zu den menschlichen Tagrassen; er führt des langen und breiten aus, dass dieses Volk nachweislich im 12. Jahrhundert über das Altaigebirge in den Kulturraum der Mongolen eingesickert und dort sesshaft geworden ist. Wir Heutigen verbieten uns (und allen anderen auch) im Hinblick auf Menschen öffentlich von Rassen zu sprechen. Das ist nun mal so.

Die Pitraschken sind ganz anders als alle uns bekannten kulturbildenden Völker. Dem festen Wohnen abhold, ziehen sie ständig umher und leben vom Jagen, Sammeln und Tauschen – weit mehr aber noch vom Schenken und Beschenktwerden. Familien bilden sich durch Zufall. Das ist für den moralisch europäisch geprägten Menschen mit ewigen Treueschwüren ziemlich schwer zu begreifen. Die Zugehörigkeit der Einzelnen zu einer Gruppe wird bei dem sonderbaren Volk durch das Würfel-Los bestimmt. Alle drei Jahre werden Gruppen von Kindern mit den Weibermüttern, Jünglingen und Mädchen kultisch neu zusammengefügt. Jenes Fest aber, zu dessen Anlass dieses geschieht, nennen die Pitraschken Samsonika. Innerhalb einer Woche werden durch Knöchelchen, Schachtelhalmstengel und Muschelwürfe neue Familienzugehörigkeiten ermittelt. Eine Familie besteht aus bis zu vier Greisen, acht Großmüttern, drei Männern, drei Weibermüttern und sieben Kindern. Die Versorgung der Einzelnen ist auf diese Weise gesichert, – und niemand kann sich an irgendeinem Gut bereichern. Hässliche und Schöne werden durch das System der Familienrotation gleichwertig behandelt. Diesen Umstand betreffend wird bei den Pitraschken eine Geschichte erzählt. Vorausgeschickt sei, dass die Pitraschken kein Heiliges Buch kennen oder Schriftrollen bzw. Platten aus Gold. Sie erfinden ihre Heilige Überlieferung beim Hineinschauen in den zunehmenden Mond, memorieren dieselben bei abnehmendem Gestirnstand. Voll- und Neumond sind ihnen dementsprechend Tage des auch geistlichen Schweigens. Nun die Geschichte: Eines Tages merkte der Schöpfer Aura Mazdo, wie ein Mann weinend unter einer Ulme saß. Er fragte den Mann nach dem Grund seines Kummers. Der Mann sagte, eine Jungfrau habe ihn abgewiesen mit der Begründung, er hätte eine zu lange Nase. Darauf erzürnte Aura Mazdo und schwor, dass die Menschen nicht mehr dürften einander abweisen. Um das zu befestigen, legte er bis in Ewigkeit die alle drei Jahre zu veranstaltenden Samsonikafeste fest. Ihre Woche ist die zweite nach dem Sommervollmond.

Das dazu. Was kann nun ein so hochstehendes Volk wie das unsrige von den primitiven Pitraschken lernen? Denn darum geht es ja – dass wir voneinander lernen. Die Antwort ist leicht gefunden. Aber vorher noch etwas zu den Göttern der Pitraschken und der Art von Ritus, Mythos und Kultus, Gebet und religiöser Feier.
Es gibt als höchste Gottheit Aura Mazdo, der alles geschaffen hat, auch das Nichts. Das stimmt im Grunde schon, denn auch wir haben eine Schöpfergottheit. Gegenspieler ist bei den Pitraschken Adrigan. Carl Gustav Carus führt aus, dass sich an dieser Stelle eine gewisse Verwandtschaft der Pitraschken zu den Persern Zoroastriens feststellen lässt. Das haben wir uns schon gedacht, – denn die Namen sind bekannt. Gott und der Teufel – eben nur auf zoroastrisch. Adrigan jedenfalls versucht, die Ordnung in der Welt durcheinander zu bringen. Er stört z.B. die Samsonikafestwoche mit Manipulationen an Knöchelchen, Schachtelhalmstengeln und Muschelsplittern. Auch versucht er, die Greise gegen die Jünglinge aufzuwiegeln und die Weibermütter gegen die Jungfrauen. Natürlich verliert Adrigan gegen Aura Mazdo. Und zwar immer. Daraus können wir lernen, dass wir Recht haben, wenn wir Gott gegen den Teufel stets letztlich ebenfalls gewinnen lassen. Die Pitraschken haben übrigens keine festen Zeiten für Gottesdienste und auch keine festen Fluchstunden oder Segenszeiten. Der Alltag ist durchsetzt mit Bezügen zu den ewigen Dingen, – insofern gibt es eigentlich keine säkularen Bereiche, die vom Profanen abgetrennt wären. Hieraus könnten wir lernen, dass die Säkularisation bei uns Höherstehenden eigentlich eine unter der Schwelle der Gnostifikation sich vollziehende neoreligiöse Tendenz hat.

Der Gott der Pitraschken erscheint in einem Gefolge von Göttern und Göttinnen, die ihrem gütigen Gebieter (wenn Carus Recht hat) ganz klar subordiniert sind. So, wie Gott, der den Adam erschuf, in einer Wolke von Engeln und mit seiner Superfavoritin, der Dame Weisheit, in der sixtinischen Kapelle die Päpste seit langem erfreut, so erfreuen sich auch die Pitraschken an einem Gott, für den ontologische Einsamkeit kein Problem ist, weil er immer unter seinesgleichen weilt. Daraus nun könnten wir lernen, dass der Himmel voller guter Mächte ist, die uns still und treu umgeben. Trotz Reformation – die heiligen sind wichtig. Weiter! Das Fasten ist für die Pitraschken kein Problem. Sie haben ja nicht viel, so dass das Überangebot von Nahrung den Gedanken des Fastenmüssens gar nicht erst aufkommen lassen kann.
Auch Pilgerfahrten erübrigen sich, weil die Sippen ständig sowieso unterwegs sind. Noch was – zum Almosengeben muss keiner gezwungen werden, denn jeder teilt das, was er hat, mit demjenigen, was andere haben. Der Begriff „haben“ (r’won) ist seinem inhaltlichen Gegenteil „geben“ (l’won) lautlich sehr verwandt.
Vom Gebet war weiter oben schon die Rede. Reden (f’iden) und Denken (v’idon) sind Gebet. Etwa so, wie der Begriff „Gebet“ den Imperativ 2.Person Plural  von „geben“ insinuiert („gebet doch den Armen noch“) und auch das Nomen actionis von „bitten“ beinhaltet (Bitte bzw. Gebet). Wir sehen, obwohl die Pitraschken ein kaum nennenswertes Volk sind, haben sie doch in Vielem Recht, weil wir es auch so wie sie halten, nur etwas anders eben.

Eines ist noch sehr wichtig, daraus können nicht nur wir etwas lernen, sondern auch bestimmte andere ehemalige oder jetztzeitliche Kulturvölker. Die Pitraschken vermeiden peinlich, etwas dafür zu tun, dass ihr Glaube sich über die Welt verbreitet. Sie betrachten das als etwas Unschickliches, Nachbarvölker mit fremden Glaubensformeln zu belästigen. Den Ruf „Gott ist groß“ (Aura Mazdo migdlo) gibt es (wenn wir Carus trauen wollen) gar nicht. Wohl aber kennen sie den Spruch „Auro Mazdo nanjzü“ (Gott ist immer noch viel kleiner). Carus, dessen Freund Alexander von Humboldt das Gebiet der Pitraschken ausgiebig bereist hat, erzählte gern folgende Begebenheit. Vor allem dann, wenn es sich nicht vermeiden ließ, mit neothomistischen Vertretern des katholischen Klerus auf irgendwelchen Banketten in Dresden herumzustehen. Humboldt hätte, als er die Pitraschken besuchte, einen ihrer Stammesweisen nach den Eigenschaft Gottes gefragt. Dieser alte Mann antwortete ihm darauf: „Gott ist so klein, dass sich über seine Kleinheit hinaus nichts Kleineres denken lässt.“ Humboldt fand diese Antwort überaus genial, aber traf (außer Carus) nie jemanden, der den Satz des pitraschkischen Medizinmannes mit Applaus honorieren wollte. Und daraus können wir lernen, dass es wohl doch sehr problematisch ist, die Aussage „Gott ist größer und immer noch größer“ mit nicht nachlassender Penetranz in die arme Welt hinauszubrüllen. Zumal die psychologisch verräterische Spur dieses Rufs eine peinliche Richtung ins Dickicht der Seelen derer vornimmt, die diesen Satz schon in frühstem Morgengrauen ans Ohr geschrien haben wollen – und das nur, weil sie sonst denken, sie könnten es nicht ohne aushalten.

In summa: Die Frage „Wer hat den größten Gott?“ wird von den Pitraschken mit der Umkehrung der bekannten pseudophilosophischen Maximalwahnformulierung beantwortet. Davon können wir alle etwas lernen. Besonders Thomas von Aquin …