der Feuervogel


Oskar Brüsewitz
*30.5.1929 Memel
+22.8.1976 Halle

Prolog im Himmel
Als nun der HERR die Götter eingeladen,
kam auch zum Fest der längst schon Totgesagte,
der Gott der schwarzen Fliegen und der Maden,

stand frech am Thron des EINEN, wo er wagte,
die Stirn dem Alten darzubieten, dann
die Schar der Engel zittert, als er sagte:

“Hier stehe ich. Ich kann nicht anders handeln,
Nun, Schöpfer, gib der Frage Antwort. Wann
seh ich dich wieder auf der Erde wandeln?”
Und ER erhebt vom Throne sich und blickt in an.

„Was heischst du da, du abgestürzter Engel?“
fragt ernst ihn der Gebieter großer Schar.
„Und was soll wiederum solch Streitgequengel?

Ich geh auf Erden jeden Donnerstag im Jahr!“
Du kannst mich sehn. Sperr deine Augen auf.
Und jeder der hier steht, bezeugt, ich rede wahr.“

Der Satansstreit mit Gott kommt nun zum Laufen,
Der Böse fragt: „Warum am Donnerstag.
Dient diese Zeit nicht Jupitern zum Kaufen?“
Gott antwortet: „Du irrst. Weil ich es mag!“

Und dann fährt fort der, der die Berge machte,
und Meere aus dem Nichts sich schuf zur Freude,
Kennst du, Satan, auf Erden den, der wachte,

bis heute, dass mir fromm und treu die Leute?
Kennst Du den Prediger im Zeitzer Lande?
Nie sah ich einen frommeren bis heute,

den nicht erschreckt die Kommunistenbande?
Doch Satan lacht und zieht eine Grimasse.
„Wetten?“ schreit er „dass der dich bringt in Schande?
Und Gott erlaubt Satan, dass er ihn fasse.

„Oskar sei“ sprach er “deiner Macht gegeben.
Pack zu. Und stehe dann beschämt am Tage,
wenn zu mir kommt der Sieger und das Leben

ich neu ihm gebe, wie es raunt die Sage.
Fass bei den Haaren ihn und streue Diamanten
doch sei bereit zu stehen auf der Waage:

Hat er am Ende sieben Konfirmanden
fahr bis ans End der Zeiten in die Hölle
wo alle Bösen ihre Walstatt fanden.
Doch ohne Zaudern gleich, und auf die Schnelle.

Der Herr der Fliegen reckt die schwarze Pranke
der Hand des Pantokrators keck entgegen.
„Die Wette gilt!“ grunzt er, es bebt die Planke

des blauen Himmels seines Grunzens wegen.
Des Herren Rechte fasst die böse Schranke.
„So sei es“ schwört bei seines Namens Segen,

der, dessen altem Schriftgeheimnis Treue
des Rätsels gute Lösung stets entsteige.
Gerettet dann die bunte Welt sich freue,
und vor der Botschaft Christi sich verneige.

Chor der verklärten Wesen
Im Traum warst Du geladen
zum himmlischen Gefild.
Du solltest sehen dürfen
der Allversöhnung Bild.
Ein Engel ward gegeben
Dir an die rechte Seit,
der sagt „Nun, Freund, betrachte,
denn was Du siehst, ist heut!“

Was geschah
Als nun die Leugner Gottes
und spöttischen Bürokraten
tückisch begannen Hand anzulegen,
den Unterricht kleiner Kinder
befahlen mit Waffen des HaSSes
gen Westen zu richten,
gab es nicht wenige, die das bedrückte.

Flugblätter wurden gemalt, Plakate gestaltet.
In Kirchen und Betsälen fanden sich ein,
die dem gottlosen Staat widerstanden,
mit Mut und aus Glauben
an Christus, den HERRN.

Unter diesen war einer, Oskar sein Name.
Pfarrherr ward er erst später.
Wie Böhme aus Görlitz, verdient er
in frühen Jahren sein Brot.

Die Botschaft von Christus,
dem freundlichen Gott auf Sandalen,
berührte den Mann,
des´ Vater ganz unbekannt blieb.
Brüsewitz heißen die Ahnen.
Oskar nennt man den Kleinen.
Wie auch der Jesus, für den
Oskar zeitlebens stürmte,
ebenfalls keinen Vater benennt,
schweigen die Akten lang und breit
über den Vorfahr des Schuhmachermeisters.

Im Memelland wird er geboren
am Ende des Monats, der Blüten und Blumen
in Hülle und Fülle hervorbringt.
Donnerstag ist es, Gott geht spazieren.
Neunzehnundneununzwanzig zeigt der Kalender.
Weimar gilt noch als Geburtstädtchen Deutschlands,
jung ist das Párlament, tief aber
eingegraben die Schmach von Verdun
in die Seele der Deutschen.

Ach, – mit dem Vaterland geht es bergab.
Bald wird wüten ein neuer Krieg
länger noch als der erste.
Schon ist er heran, eben noch
war doch die Konfirmation?
Das liebliche Fest alleserwartender Jugend –
weiß-blau traten sie aus der Kirche
ins Licht des frischen Meermorgens.

Oskar, noch Knabe, flieht, wird gefangen,
dient kurz im Heer, desertiert, wird verhaftet,
und kommt wieder frei. Vielen ergeht´s so,
und viele verdirbt so der Krieg.
Doch Oskar darf leben.
Gott hält die Hand über ihn,
einmal soll er Prophet sein.
Zum Himmel fahren in Feuerflammen,
so wie Elia, nur ohne Wagen.

Es kommt ein Tag im Monat August.
Mit Jupitern wechselt der Mond das Zeichen
schwenkt in das nämliche, das auch
den Schiffsbug schmückte, als Paulus
zur Reise aufbrach: Sie führt nach Milet.
Oskars Reise viel weiter: Bis hinter die Sterne.

Saturn steht im Löwen,
die Sonne im eigenen Zeichen.
Alles ist vorbereitet.
Zwei Kannen trägt der Erwählte.
Milch bergen sie sonst,
den nährenden Saft aus Eutern von Rindern,
Kinder und Greise erhält das am Leben.
Jetzt aber sind die Kannen gefüllt
mit der Milch, der schwarzen,
aus Gaias Leib, aus der Urhöhle
Mesopotamiens, wo früher, ganz früher
das Páradies war – und Ströme des Lebens,
vierfach geteilt, alles bewässernd,
nach draußen zur Welt sich ergießen.

Ein Brief ward geschrieben, ward überreicht,
zu öffnen den Umschlag nach Stunden.
Alles erklärt diese Schrift, die feurige Fahrt
vor der Kirche in Zeitz als lohendes Zeichen
gegen den Frevel an Kindern und Greisen,
von Kommunisten und der Partei.
Hoch rennt die Flamme himmelwärts.
Der Pfarrer brennt. Und schreit vor Schmerz.
Maria Königin, am zweiundzwanzigsten August
stirbt Oskar, hart bewacht von Ärzten,
Spitzeln, Engeln und Gebeten guter Menschen.

Chor der verklärten Wesen
Im Traum warst Du geladen
zum himmlischen Gefild.
Du solltest sehen dürfen
der Allversöhnung Bild.
Ein Engel ward gegeben
Dir an die rechte Seit,
der sagt „Nun, Freund, betrachte,
denn was Du siehst, erfreut!“

Apotheose
Man sieht, Myriaden von Engeln
tragen Oskarn die Schleppe,
den schwarzen Talar Friedrich Wilhelms,
des Preußenkönigs Edikt
befahl 18und11 den Rabbinern,
Pfarrern und Richtern dies Kleid zu tragen,
wenn sie im Amte den Mund zur Rede auftun.

Verkohlt ist das Kleid nun. Ein Duft von Minol
erfüllt bald die himmlischen Hallen.
Alle atmen tief durch.
Denn das roch man hier wohl recht selten,
Honig, Ambrosia, Würzwein und Weihrauch
fächelt den Schleimhäuten sonst nur.

Schon langt er an, der Verbrannte.
Grünende Palmblätter in ihren Händen
stehen Milliarden, warten Millionen
verklärt und erlöst vollendete Seelen.
Sie bilden Spalier, begrüßen den Kömmling.
Leise erklingt ein Gesang. Palästrina …
aus vieler Nationen Knabenkehlen
strömt er hervor unablässig.

„Gott aber sagt nichts!
Auch Luthern lobte er nie!“
raunt Dir Dein Engel leise.
Er trägt auf der Schulter
Achselklappen, silbergeflochtene
mit goldenen Sternchen und flüstert Latein.

Und Du fragst erstaunt: „Gott sagt dazu nichts?“
Der Engel wispert: „Er kennt keinen Zorn.
Und verbeißt sich das Lachen!“

Schon kniet Brüsewitz nieder.
Und empfängt die Krone des Lebens.
Gott wischt den Ruß und die Tränen
ihm ab von den Wangen.
Mit eigener Hand, wie die Schrift sagt.
Dann ist schon alles vorbei.
Beziehungsweise – beginnt etwas Neues.

Chor der verklärten Wesen
Im Traum warst Du geladen
zum himmlischen Gefild.
Du solltest sehen dürfen
der Allversöhnung Bild.
Ein Engel ward gegeben
Dir an die rechte Seit,
der sagt „Nun, Freund, betracht,
und was Du denkst – gib acht!“

Epilog (wieder im Himmel)
Am Tag, als Oskar Brüsewitz verstorben,
nahte zu Gott erneut ein jeder Himmelssohn.
Man trug die Harfen stolz, im Laub von Lorben,

frohlockte Halleluja laut in feinstem Ton –
dem, der, geleitet jetzt von Engelscharen,
entflohen war der Kommunisten bösem Hohn.

Ja seht, wie alle sie gekommen waren:
Tertullian, Montanus und die beiden
Priscilla und Felicitas als Laren,

und andre, die bei Tieren mussten scheiden,
Märtyrer, die von Wägen überfahren,
in des Theaters Rund zum Schauspiel blöder Heiden,

Mauritius und Barbara vom Turme,
und dann in Kleidern, wunderbar goldseiden,
Elisabeth und Margret mit dem Wurme.

Nicht fehlt Maximilianus, der Confessor,
wir sehen Polycarp aus schlimmen Sturme,
dort Michael Servet, Schweizer Professor,

Auch Phillip M. und Luther sind zugegen.
Mutter Theresa schwingt ihr indisch Tuch.
Das sind gar keine Märtyrer? Vonwegen!

Wer hier ist, kommt als Dulder zu Besuch.
Wie einst dem Christus sie die Kleider legten
auf graue Straßen unter Esels Huf,

so streuen alle jetzt für Oskar Brüsewitz
die feinsten Rosenblüten und mit lauten Ruf
auf den schon vorbereitet samtnen Sitz.

Der Böse ist auch da. Bei einem Winkel
steht er und fürchtet sich. Das ist kein Witz.
Gott ruft: „Tritt vor!“ Er kleidet sich in Dünkel.

Da trifft ihn scharf der abgesandte Blitz.
Satan verweigert, wird geschleppt zur Bühne,
gefesselt steht er da im Glanz und itzt,

Gabriels Fuß beugt seinen Kopf zur Sühne.
Und Gott erläutert eine Strafabsicht:
„Es sind nicht sieben Konfirmanden kühne,

es sind Einhundertvierundvierzigtausen.
Gib zu, du hast verloren, Bösewicht.“
Der Satan hört´s – und seine Ohren sausen.

„Du hast die Wette wiederum verloren
wie damals schon, erinnre dich, bei Hiobs Licht
in Zukunft will verschont ich sein von Toren,

wie du in meiner Himmel All es bist.
Den Brüsewitz hab ich mir auserkoren.
Er bleibt mir Teufelsjäger Fackelträger
sein Blitz durchdringt das Schwarz des Nichts …“

Schlaflied


… zu singen nach der Weise „Christus, du bist der helle Tag“ EG 469

1. Schon legen wir uns all zur Ruh,
schließen die müden Augen zu.
Himmel, hoch über uns, hält Wacht.
Des Traumes Engel naht sich sacht.

2. Und jetzt, durch Christus, Gottes Sohn,
ein jeglicher erhält den Lohn. 
Aus seiner guten Gnadenhand.
Den Silbergroschen – wohlbekannt.

Refrain: Schenk, süßer Schlaf,
den Bruder Traum
berühr mir Herz und Stirn,
bringe mein Hirn
fort von des Denkens
leerem Schaum

Lös´ die Gelenke
der Gedanken sacht
weise in Schranken
was uns bitter macht.
Leise auf müde Glieder
leg deine Hirtenlieder.

3. Zur Leistung drang uns Satans Zwang.
Wir taumelten zur Hölle bang.
„O Mensch, was treibst du! Ganz verkehrt“,
wehrt Vater Luther uns und lehrt:

4. „Lass fallen dich ohn Sorg und Not.
Der Sterne Au‘ spannt unser Gott
gleich Friedensflügeln über dir. 
Vertrau. Gerettet bist du hier.“

Refrain: Schenk, süßer Schlaf,
den Bruder Traum
berühr mir Herz und Stirn,
bringe mein Hirn
fort von des Denkens
leerem Schaum

Lös´ die Gelenke
der Gedanken sacht
weise in Schranken
was uns bitter macht.
Leise auf müde Glieder
leg deine Hirtenlieder.

5. Die Wellen landen sanft am Strand. 
Die Elbe und ihr weißer Sand
bei Wittenberg, der alten Stadt,
wo man Gott neu erfunden hat.

6. Schlaf aus die Not. Ruh aus, o Christ.
Derweil du hier im Frieden bist.
Und morgen früh, ganz ohne Scheu,
empfang der Sonnen Gnade neu.

Refrain: Schenk, süßer Schlaf,
den Bruder Traum
berühr mir Herz und Stirn
bringe mein Hirn
fort von des Denkens
leerem Schaum

Lös´ die Gelenke
der Gedanken sacht
weise in Schranken
was uns bitter macht.
Leise auf müde Glieder
leg deine Hirtenlieder.

Grenzen

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Von den Pegidianern (siebenter und letzter Teil)
In meinem Schiffe sitzend enteile ich dem System jener Sonne, die mich seit 5.800 jährlichen Umläufen am Planeten Erde beschienen hat. Das silberne Kruzifix des alten Dresdner Pastors Leberecht Gottlieb baumelt am Steuerknüppel des Autopiloten. Während das Schiff immer mehr an Fahrt gewinnt und meiner alten Heimat zueilt, welche im Sternbild des Wagens auf dem Planeten Scriptomania zu finden ist, ordne ich die umfangreichen Aufzeichnungen meiner Hand. Tränen tropfen auf die Schriftrollen, es sind die Meinigen – sowohl Rollen als auch Tränen. Wie lange sah ich diesem erdlichen Geschlechte zu, das sich mühsam aus wilden Tierhorden dann aber doch bis zur Freiheit der Verehrer eines menschenfreundlichen Gottes erhoben hatte. Wie viele Kriege wurden dort unten bei den Säugern geführt, um den transzendentalen Gedanken und seinen vernünftigen Kultus aus dem Blut ins Wasser und aus dem Wasser in die Seele und von dort aus in den Geist zu überführen. Es gelang! (Nicht ganz ohne unsere Hilfe – aber stets nur im Rahmen erlaubter Eingriffe). Vor allem dank eines Juden mit dem Namen Jehoschua, der das Volk seiner brutalisierten Vorfahren wirklich revolutionierte, was sie ihm freilich nur mit Verachtung zollten. Bald schon irgendwann, viele Jahrhunderte später, ließen sich nicht wenige taufen. Leider hat eine der besonders krassen und frühen Fehlformen des immer wieder sich selbst entartenden Christentums die Grenzen des Orients gesprengt, überrollte dann recht schnell das christlich hochgebildete Nordafrika und griff schließlich sogar auf Europa über, wo der Geist zwar stark, seine Kraft jedoch durch den Hochmut ermattet schien. Es war ein Drama … Gott sei Dank war viel früher schon Hannibal von den Seinen nicht unterstützt worden, so dass Rom hatte mächtig erstarken können, sonst gäbe es bei den Erdlingen heute überhaupt kein Latein und die Kirche wäre noch nicht einmal eine Episode gewesen.
Meine letzten Aufzeichnungen freilich, kurz bevor ich die Erde verließ, sind aller solcher Gründe wegen etwas ausführlicher geraten. Ich versuchte, euch die Gruppe derer um Pegida zu beschreiben, eine von den Moskovitern unter ihrem KGB-Fürsten in Dresden initialisierte Schar von Menschen, die sich der vom Orient her geplanten Islamisierung des Abendlandes entgegenwerfen wollten, dabei aber, ohne dass sie es selber bemerkt haben dürften, von der paneurasischen Front um die slawischen Religionsdesigner Dugin und Putin als primitive Separatistengruppe aufgebaut wurden, denen man dann zu Hilfe kommen wollte, wie kurz vorher schon den Russen in der Ostukraine – mit Panzern und Kalaschnikowraketen. Die Pegidianer hatten insofern aber ein nicht ganz falsches Gespür dafür, wie dadurch, dass der Begriff „Christlich“ in Europa weithin vergessen worden war, die internen Bindekräfte des einst so hoffnungsvollen Staatenbundes diesseits und jenseits der Alpen fehlten; – und dieser Bund demzufolge über kurz oder lang auseinander brechen musste, um tatsächlich für die autoritären Mächte des Ostens eine leichte Beute werden zu können. Der Widerstand hatte nämlich wieder einmal nur die weniger gebildeten und kleinen, mißbrauchbaren Leute der Straße ergriffen („Putin, hilf uns!“). Wer weiß, womit die anderen beschäftigt gewesen waren. Asien schlug nun brutal zurück und rächte sich bitter für die ihm vor Troja von einem Europäer seinerzeit angetane Schmach. Hatte Odysseus der eigentlich uneinnehmbaren Stadt das hölzerne Pferd untergejubelt, in welchem sich die Eroberer der Stadt verborgen hielten, so entsendeten die Nachfahren der damals Besiegten nunmehr allerlei Boote über das Mittelmeer, ihre Zuwanderer über die Gebirge und geifernde Hass-Prediger in das ahnungslose Abendland. Alle die wurden dort freundlichst aufgenommen, weil es bei den Gebildeten als generös gilt, den Fremdling aufzunehmen und seinen Marotten gegenüber tolerant zu sein. Koste es, was es denn wolle, – selbst auch das eigene Leben. Als man die Sache schließlich näher betrachtete, war es bereits zu spät. Mehr will ich davon aber nicht wissen, mich dauert der Untergang dieser weit entwickelten Civilisation. Was hatte ich nicht schon alles andere auf bedeutend vielversprechenderen Planeten beobachten müssen. Wo Jahrmillionen nichts richtig losging und die Phase von Viren und Katechoklasmen nie wirklich überwunden wurde, – einfach keine Entwicklung vorankam. Aber dort hinten, die Erde – schade drum. Am Schlimmsten dann war natürlich der chaotische Einfluss, den die Russen auf die ganze Sache genommen haben. Wenn kleine Leute Einfluss gewinnen, dann geht es meistens schief. Ein ehemaliger KGB-Offizier im ostdeutschen Elbflorenz hatte genügend Zeit gehabt, den sächsischen Menschentyp zu studieren. An eine Litfaßsäule gelehnt und mit einer Bockwurst in der Hand brachte der aufgestiegene Hinterhofjunge wahrlich meisterhafte Milieustudien zusammen. Als er dann aber wieder in Moskau zu Hause angekommen war, verspann er die in der Pubertät gelesenen Bücher von Solowjew, Ouspensky und Berdijajew mit den Vorlesungsmanuskripten Alexander Dugins -und mit seinen eigenen neidvollen Beobachtungen damals an der Elbe. Als der Rubel abstürzte, das Öl sich verbilligte und noch einige andere Dinge sich ereigneten, betätigten betrunkene Genossen jene Hebel, über die Gras gewachsen war. Aber eben nur Gras. Der Photonen-Feuerstrahl meines von der Erde fliehenden Schiffes zeigt in die Richtung, von woher ich eben noch losmachen konnte, als die Raketen des Hasses aufstiegen und die giftigen Pilze der Spaltung in den Himmel qualmten. Schade um diesen so schönen hellblauen Ball.
Mein Vorschlag, den ich dem Rat sofort nach meiner Rückkehr auf den Planeten Scriptomania vorlegen werde, besteht darin, an einen bestimmten Punkt der Geschichte der Erdlinge den Terminator X-1001 andocken zu lassen, um in der Form eines (meinetwegen auch bärtigen) Propheten die sattsam bekannte wirre Fehlform des orientalisch sich sehr problematisch entwickelnden Christentums heimlich in solche Bahnen zu lenken, die dann später im Zeitalter der Spätrenaissance leichter zu adaptieren sein würden. Eine Lehre nämlich habe ich in den 5.800 Erdenjahrbeobachtungen gezogen: Reine und distanzierte Betrachtung der Erdlinge hilft gar nichts und bringt nur immer wieder Pegida hervor. Man muss eingreifen, – an den richtigen Stellen mit geeigneten Mitteln. Und natürlich verdeckt, damit die Verschwörungstheoretiker, ohne die es auf keinem Planeten zu gehen scheint, etwas zum fabulieren haben.
Ich sehe die Lichter der Landedimension von Scriptomania bereits freundlich vor mir flackern. Ans Werk! Meine sechs Aufzeichnungen über das Volk derer von und zu Pegida lege ich hier im Archiv ab, und zwar unter der Signatur „recall1056“.
Sven Mossadi Ibn Danielski-Flat (Erzoberarchivoffizier auf Scriptomania)

Von den Pegidianern (erster Teil)
Nun ist im Osten ihres vormals stolzen deutschen Landes seit einiger Zeit, wie unsere Reisenden berichten, und auch ich selbst feststellen musste, ein seltsames Volk anzutreffen. Dasselbe kennt fast keine Bücher und seine Sprache ist grob und ungelenk. Eigentlich aber ist es gar keine rechte Sprache, sondern das, was sie dort Sprache heißen würden, wenn sie es könnten, würden wir nur als Rufe oder Schreie bezeichnen müssen. Zwar haben die Leute, von denen ich hier berichten will, manche technische Errungenschaften vorzuweisen (sie kennen Mikrophone, Glühwein und auch das Rad), aber im Großen und Ganzen führen sie doch eher ein ausgemacht unangenehmes Milieu vor, welches keinen Platz in Herders großartiger Aufzählung von den Stimmungen Gottes in den unterschiedlichen Liedern der Völker finden würde. Willkommenheißende Gastfreundschaft etwa ist ihnen das Fremdeste. Sie kennen auch fast kein Erbarmen – und wenn du, lieber Reisender, in ihre Augen blicktest, schauderte es dir. Dieses „Volk“ nun nennt sich selbst das Volk von Pegida, – und zu dem Gott, den sie verehren, flehen sie mit dem gleichen Namen, „O, Pegida. Wir sind dein Volk.“ Kundige Gelehrte bei uns haben herausgefunden, dass die Pegida eine weibliche Gottheit ist (wie auch die Endung ihres Namens auf ā schon vermuten lässt), welcher die Pegianier wirre und wilde Ehrfurcht zollen; sie ist etwa der griechischen Eris, Hybris oder der lateinischen Fama vergleichbar. Diese Pegida nun hat kein lokales Heiligtum, wo sie verehrt würde, hat auch keinen ausgeprägten Priesterkult, sondern wohnt in den Hütten zusammen mit den sie Verehrenden, auch zieht das Weib mit der von ihren Führern aufgebrachten Meute an bestimmten Tagen durch finstere Gassen und setzt sich auf den Straßen schamlos der Betrachtung durch potentielle Sympathisanten aus. Einige Gelehrte behaupten, dass die Pegida, jene sonderbare Göttin, auf besondere Weise in den Sprachlauten der Pegianier, ihres friedlosen Volkes, lebt – und sich von der Darbringung schlechter Redensarten und unflätiger Beschimpfungen anderer nährt und mästet. Die Gläubigen der Pegida verstehen sich untereinander aber sehr gut, und zwar ohne dass sie das Mittel der geordneten Sprache, die sie ja auch nicht kennen, nutzen müssten. Die alles hervorbringende grobe Natur hat ihnen einen vorübergehenden Instinkt eingepflanzt, der eine den anderen erkennen und sie alle miteinander sich verbinden lässt.

Von den Pegidianern – Teil 2
Die Pegidaianer pflegen in ihren Häusern ein eher unauffälliges Leben und zwar in recht kleinen Verhältnissen. Sie sind, jede(r) Einzelne, nicht besonders reich, oft herrscht bei ihnen sogar bedrückende Armut vor. Nicht wenige aus ihrer Schar haben nur gerade das zum Leben, was man braucht, um nicht ohne Scham auf die Straße hinaus oder sogar zum Betteln laufen zu müssen. Ihre Bildung hält sich zumeist in Grenzen, sie haben fraglos jedoch alle irgendeine Schule besucht, – aber dieser Besuch hat wohl nicht so gefruchtet, wie es wünschenswert wäre. Von ihren moderneren Dichtern Schillern oder Göthen wissen sie fast nichts, – höchstens ein paar Brocken wie das „Edel sei der Mensch / hilfreich und gut“. Und auch das alte „Wie hältst du’s mit der Religion.“ Dem West-Östlichen Diwan sind sie samt und sonders allerdings vollkommen abhold. Zu Hause haben sie allerlei kleine Privatreliquien in Nischen und Ecken herumstehen, von denen sie sich nicht trennen können und dieses auch gar nicht wollen. Als erstes zu nennen wären die Penaten der Ostdeutschen, die hier bei den Pegidaianern besonders oft vertreten sind und bei Groß und Klein obsessive Beachtung finden. Das sind zum Ersten der bekannte Kobold Pittiplatsch, zum Zweiten aber das sattsam bekannte ebenfalls wie die Pegidaianer stetig schweigende wenn auch wesentlich freundlichere Sandmännchen, welches oft bei den Russen ein und ausgeht. Auch der Fernsehturm aus Berlin (Ost!) müssen genannt werden und die sogenannten Zimmerspringbrunnen. Der Pegidaianer macht sich große und auch berechtigte Sorgen um das, was er Abendland nennt. Der Begriff „Abendland“ ist für ihn so etwas wie eine geistig/geistliche Reckstange, an der er verzweifelt seine Art kulturellen Felgaufschwung übt, freilich ohne denselben auch nur annäherungsweise ausführen zu können. Oswald Spenglers gleichnamigen SF-Roman von dem zu erwartenden oder bereits schon geschehenen Untergang des Abendlandes hat der Pegidaianer natürlich nicht gelesen, er weiß noch nicht einmal, dass es dieses Buch eines Bernburger Privatgelehrten überhaupt gibt. Läse er in diesen Seiten irgendwann doch, was würde wohl geschehen? Wir wissen es nicht.
Der Kunst des Gesanges ganz und gar unkundig, lädt man bei denen von Pegida gern einmal zu großen Gesangskundgebungen ein, etwa zum Absingen christlicher Weihnachtslieder auf Opernplätzen ostdeutscher Metropolen. Hier ist, lieber Reisender, große Vorsicht geboten. Die Qualität der Darbietungen ist enorm gehörgefährdend, denn die Pegidaianer bevorzugen die komplett-atonale Variante alter Kirchentonarten. Das heute weithin in völlige Vergessenheit geratene Hybrilokrische scheint am ehesten geeignet zu sein, die als ehemalige Volkslieder zu identifizierenden Weisen jener „Sänger“ darbieten zu können, denn zumeist bewegen sich die Ton-Intervalle im Abstand kleiner Sekunden voneinander fort bzw. aufeinander zu.

Von den Pegidaianern, Teil Drei
Der Pegidaianer und die Pegidaia (oder Pegidaianerin) sind, fragst du sie abseits jener Menge, zu welcher sie sich zählen, scheu und nicht zur Auskunft bereit. Sie mutmaßen in Allem und Jedem einen Feind oder Aushorcher, die Tagespresse bzw. noch Schlimmeres. Jedoch kannst du, lieber Reisender, das Vertrauen eines dieser seltsamen Wesen gewinnen, wenn du ihre Sitten und Gebräuche teilst und dich auf diese Weise rein äußerlich als einen der Ihren zu erkennen gibst. Dass Einnehmen ihrer Speisen im öffentlichen Raum etwa, das Benützen bestimmter Cigarettensorten und Kaufen von bestimmten Journalen, das Fahren mit bestimmten Automobilen und das Öffnen der afrikanischen Bananenfrucht am Ende, wo dieselbe am Baume festgewachsen war, schenkt dir alsbald das blinde Vertrauen des Pegidamannes und seiner Pegidaia.
Zu den bevorzugten Speisen der Menschengruppe, von der ich berichte, zählt die im Osten ihres Vaterlandes hochgeschätzte Bockwurst, vor allem aber die aus dem Lande der Russen allhier vor Jahrzehnten eingeführte Solianka-Suppe und der schlimme HaSSeröder Biertrunk. Die gebräuchlichen Zeitungen aber sind die BILD und die Junge Welt. Auch haben die Pegidaianer mehr als andere ihre Smartphone-Telephone dabei und ständig in Gebrauch und in Aktion. Viele von den Pegidaianern verbringen ihre freie Zeit in Körperertüchtigungsstudios, wo sie vermittels sogenannter Fitnessaktionen ihre Muskeln bis zum Schwellen und Platzen trainieren. Auch ist unter ihnen sehr beliebt, Teile des Unterschenkels mit Bildern auszustatten, wie wir es sonst nur von den früher primitiv genannten Inselvölkern der Südsee kannten. Das Herumfahren auf laut grollenden Motorrädern ist nur bei den vermögenderen Exemplaren ihrer Spezies zu beobachten. Beteiligst du dich nun an ihren Spielen und Gewohnheiten, schenkt dir der Pegidaianer irgendwann sein volles Vertrauen. Er gesteht dir seine Vorlieben ein und verrät geheime Sehnsüchte. Er lobt auf diese Weise den mit der DDR untergegangenen Arbeiter- und Bauernstaat, erzählt gern Märchen und Abenteuer aus seiner Dienstzeit bei der sowjetbrüderlichen Infanterie, schwärmt vom Gesang der Don-Kosaken und tischt dir seine Sicht von der Welt auf, welche oft mit Hilfe der Interjektionen: „Das war alles gar nicht so übel“, „bei Adolf hätte es das nicht gegeben“, „mich [sic!] hat auch keiner geholfen“ und „der Wessi hat alles kaputt gemacht“ dramatisiert werden. Wenn du aber genau hinhörst, wirst du bemerken, dass der Pegidaianer in der Brust doch ein menschenähnliches Herz schlagen hat, und im Kopf ein sehr einfach getaktetes Hirn vorhanden ist – aber dieses Hirn ist eben das Hauptproblem des Pegidaianers, denn er vermag damit komplexere Zusammenhänge nicht mit Hilfe der bei „richtigen“ Menschen vorhandenen Gedanken zu ordnen. Daher seine offenkundigen Fehldeutungen etwa politischer Zusammenhänge oder kultureller Besonderheiten, die er ausnahmslos alle als beängstigende Vorkommnisse einschätzt. Die Pegidaias, das sei noch angemerkt, versuchen, die jedem Lebewesen zu eigen kommende Reviersphäre durch das Auftragen besonders intensiver Parfums bei sich selbst enorm zu vergrößern und auszuweiten, bzw. die häufig im Bezug auf sich selbst beargwöhnte Unscheinbarkeit mit Hilfe der Applikation besonders starker Geruchsstoffe auf die Haut wettzumachen. Auch hier sollte der Reisende vorsichtig sein.

Von den Pegidaianern, Teil Vier
Das Volk der Pegidaianer sorgt sich um den Untergang seiner Heimat, die angeblich das „Abendland“ sein soll. Da wir uns seit langer Zeit mit dem Aufkommen und Verschwinden von Civilisationen befassen, und einen Überblick darüber haben, was in dieser Hinsicht je möglich aber auch was unmöglich war, ist und sein wird, können wir der Furcht und Sorge derer von Pegida Verständnis entgegenbringen, wenn auch nur mit großem Kopfschütteln und deutlicher Belustigung. Warum? Nun, – das „Abendland“ ist ohne die freundliche Religion seines menschlichen Gottes Jesus Christus gar nicht zu denken, eben deshalb, weil es als Land und sozialer Großkörper immer auf der Botschaft dieses jüdischen Mannes beruht hat und beruht. Deshalb spricht man in Fachkreisen auch stets nur vom christlichen Abendland, – nie aber vom Abendland ohne die Prädikation „christlich“. Ein Unchristliches Abendland existiert gar nicht, und wenn die Pegidaianer immer nur vom Abendland sprechen, meinen sie damit etwas, was nie existiert hat. Hier nun kommt die mangelnde Bildung des kleinen zumeist ostdeutsch dominierten Völkchens wieder mit ins Spiel. Verdorben und verbogen von mangelhaft ausgebildeten Lehrern aus den Zeiten der sowjetischen Besatzungsära (und vorbereitet schon vom Hitlerismus, einer teutonischen Nebenspielart des russischen Stalinismus), haben die Pegidaleute nie eine richtige Chance gehabt, das, was christliches Abendland heißt, selber erleben zu können und davon zu nutznießen. Desselben Grundes wegen können die meisten von ihnen auch wirklich nicht singen, ebenfalls für die Schönheit des Geistes, der Künste usf. sind sie alle fast nicht ansprechbar und für das Gespräch mit Andersdenkenden gar nicht erreichbar. Also liegt die wirkliche Ursache ihrer Sorge den Untergang betreffend nicht in den heutigentags vielfach aus dem Morgenland Zuwandernden, denen sie aber unbedacht die Schuld an ihrem Desaster zuschieben wollen, sondern bei ihnen selber müssen sie suchen, da sie von der Geschichte selbst offenbar zum Verschwinden ausersehen worden sind, – soviel steht fest – und das wegen ihrer Tölpelhaftigkeit. Sie beklagen sehr unbeholfen den Untergang ihrer selbst und meinen, das Christliche Abendland ginge mit ihnen unter. Dieses aber geht gar nicht unter, sondern rüstet sich eben, die Neuankömmlinge aus einer zatsächlich untergehenden anderen Welt, nämlich aus dem Morgenland, aufzunehmen und die morgenländische Kultur dort, wo sie das noch hat bleiben können (Kultur) in sich einzuschmelzen. Wobei das Christliche Abendland natürlich sich selber verändern werden muss. Denn, – wenn wenig Gold etliche große Brocken Silbers aufnehmen will, muss es, um eine Legierung bilden zu können, vorher sehr heiß werden – und eine brodelnde Schmelze bilden. Kochendes Gold! Anders geht es nicht. In dieser Schmelze nun werden aber gerade die Pegidaianer nicht standhalten können und deshalb tatsächlich untergehen müssen. Denn da sie das Christliche nicht haben kennenlernen können, nicht begreifen wollten oder sogar verabscheuten – wird man von ihnen nicht mehr hören als von den Neandertalern, die zwar da gewesen sind, aber keine große Geschichte haben veranstalten können.

Von den Pegidaianern, Teil Fünf

Die Pegidianer haben sich nie wirklich gefragt, warum so viele orientalische Menschen aus dem Morgenland heute im Christlichen Abendland Zuflucht suchen müssen. Sie meinen, die Neuankömmlinge würden ihnen, den Alteingesessenen, etwas wegnehmen. Sie zählen das auf, wovon sie meinen, dass sie es verlieren würden: Jobs, Rente, Gesundheit und die deutschen blonden Frauen. Schon wenn sie „Jobs“ sagen wird deutlich, dass sie selber wohl eigentlich keinen Beruf haben, da sie noch nicht einmal dieses ehrbare Wort benutzen wollen, welches gerade dasjenige bezeichnet, wovon her das Wesen eines jeden Menschen zu weiten Teilen mit bestimmt wird – das ist nämlich seine Berufung. Sie fürchten weiter, dass die Rentenkassen und Sozialtöpfe von den bedürftig Notleidenden geschmälert würden. Dem ist entgegen zu halten, dass diese Töpfe ja für Bedürftige extra eingerichtet worden sind und die Neuankömmlinge, wenn sie eines Tages einer Arbeit nachgehen werden, mithelfen, dieselben wieder zu füllen. Angst vor Mikroben haben die Pegidaleute auch, – aber nur, weil sie sich an ihren Schulunterricht erinnern können, als die Lehrerin ihnen sagte, sie müssten immer fein die Hände waschen. Und nun sind sie darauf stolz, dass sie das nicht vergessen haben, und stolz auch darauf, selber größer zu sein, als Mikroben es sind. Und so könnte man endlos lachend fortfahren … Nicht das Christliche Abendland geht unter. Sondern viele wollen hierher kommen. Niemand jedoch will in das Morgenland hin, – weil dasselbe eben untergeht und die Angehörigen der dort einmal gewesenen Kultur sich seit Jahrzehnten zerfleischen und die Reste ihrer Kultur unwiderruflich vernichten. Niemand will dorthin! Alle wollen hierher. Dass aber alle hierher wollen, das liegt darin begründet, wie hier noch einigermaßen Frieden herrscht und Wohlstand ist, dort aber Krieg und Armut. Hier Freiheit von religiösem Zwang und Gewaltenteilung, dort jedoch religiöse Indoktrination und Korruption. Hier Trennung von Religion und Staat mit Kritik- und Redefreiheit, Gedankenfreiheit und Fortschritt vom Alten und Bekannten zum Neuen und Verheißungsvollen, bei den Morgenländern jetzt aber leider Kalifat, Willkür und Lobhudelung mittelalterlicher Zustände. In Europa sind Frauen und Männer gleichberechtigt, üben gleiche Ämter aus und schätzen gegenseitig die Kompetenz des anderen Geschlechts. Im Morgenland ist den Frauen Vieles verwehrt und sie führen ein oft unsäglich leidvolles und unerträgliches Leben. Kurzum, – das Morgenland geht dieser Tage unter. Unter gehen im Christlichen Abendland aber ebenfalls die, für welche das freimachende Christentum kein Thema ist, sondern die sich mit Führern zufrieden geben, welche zwar nicht wallende Bärte wie orthodoxe Priester aber eben doch Dreitagebärte tragen. So wie bekannte Skilehrer-Typen aus der Allerletzten Fernseh-Soap. Sei es drum, – das ist alles nichts Neues. Für manche Leute im Christlichen Abendland ist das Christentum schon immer zu anspruchsvoll gewesen und für sie hätte ein einfacher morgenländisch gestrickter autoritärer Führerkult völlig ausgereicht. Das sind diejenigen, welche hier weggehen, um ihren Zorn irgendeinem Dschihad zuzuführen. Der kleine Dschihad aber, der um den Block wandert, findet gerade bei Pegida statt, jeden Montag, wenn die Nacht hereinbricht und die Erinnerung daran kommt, dass man selber zu den Verlierern gehört und es nicht geschafft hat, aus seinem Leben etwas halbwegs Akzeptables zu machen. Hier nun wieder hülfe das Christentum mit der Rechtfertigungslehre. Aber, – dazu müsste man es selbst und seine Spitzenlehren erst einmal kennen!!! Untergehen werden also beide, die Morgenlandfahrer sowohl – als auch jene, die bisher nur um den Block marschieren. Das Christliche Abendland bedauert das.

Von den Pegidaianern, Teil Sechs
Es gibt verschiedene Erzählungen, die das Christliche Abendland zu dem machen, was es ist und bleiben muss. Die eine beschreibt, wie aus dem zerstörten asiatischen Troja geflohene Besiegte (Äneas und die Seinen) im europäischen Italien landen und dort eine zweite Chance bekommen. Sie gründen Rom – und in Folge dessen entsteht der erste Staat, der es verdient, so genannt zu werden. Seitdem muss Europa ein Flecken Land bleiben, wo willige und gute Leute sich retten können dürfen. Das soll doch durch tumbe Toren nicht zerstört werden. Zum anderen kennen alle Völker mindestens eine Variante jener Geschichte, wo ein Gott sich auf einem Floß als Flüchtling verkleidet an das Gestade eines fremden Landes spülen lässt. Oder sich selbst, als von bösen Menschen verfolgtes Kind, unverhofft in der Stadt einstellt und um Hilfe bittet. Denen, die ihm halfen, gab er Gnade. Den anderen? Kennt Pegida diese Traditionen denn nicht, wenn sie schon so traditionsbewusst sich geben? Die Götter sind nun zu Hunderten, Tausenden im Meer umgekommen, an Stacheldrahtzäunen verblutet und was weiß ich nicht noch alles. Waren das alles „nur“ Menschen? Ich sorge mich nicht um die Leute von Pegida, nicht um ihre unfähigen und fähigeren Kritiker. Ich sorge mich darum, dass dieses einmal christlich gewordene Abendland von solchen, die es entweder nie verstanden haben, es nicht verstehen oder nicht verstehen wollen, zu Grunde gerichtet wird. Nicht nur durch die, die dort schon lange leben, noch durch die, die seine Zäune zu überwinden trachten und finstere Kanäle graben – sondern besonders durch diejenigen, welche seinen Reichtum mit List und Tücke an sich zu bringen versuchen, indem sie seinen kunstvollen Staat verschwörerisch zerstören.

Deshalb habe ich beim galaktischen Rat nachgesucht und die Erlaubnis von dort endlich erhalten, meine Forschungstätigkeit auf einem andern Planeten fortzusetzen. Nach 5.800 Jahren verlasse ich den mir so lieb gewordenen Planeten Erde und begebe mich von allen unerkannt auf die Heimreise. Meine Papiere lasse ich Euch, meine Aufzeichnungen hinterlasse ich Euch. Mögen die von Pegida und die Christen mit den Anhängern des Propheten ihre Sache allein und ohne mein Zusehen ausfechten. Ich nämlich möchte weder den Untergang der einen noch den der anderen (auch nicht beider Verderben) betrachten müssen. Der Friede des HERRN sei mit den Lesern meiner Botschaft.

mit eigener Hand: Sven Danielski Ibn Mossadi Flat (Erzoberarchivar auf Scriptomania)

Matthias Schollmeyer – Pfarrer

das Dreikönigsevangelium

  

Vorrede

Dieses ist das Buch der Sphären, durch die der Meister kam und ging, als seine Zeit auf Erden voll war. Schaut um Euch, die ihr meine Worte lesen werdet, – vom Berge aus staunten wir ihm nach, standen verehrungsvoll und waren zugleich auch voller Zweifel. Schließlich aber kehrten wir alle in die heilige Stadt zurück. Schaut euch um!

Denn es geschah in jenen Tagen, dass uns drei sehr alte Männer aufsuchten. Wie sich bald herausstellte, begehrten sie von uns zu erfahren, wer der Meister gewesen war und baten deshalb inständig, ihnen von unserem gemeinsamen Leben mit dem Verehrten Zeugnis abzulegen. Da wir nun inzwischen wieder unserer Arbeit nachgehen mussten, entschlossen wir uns, den drei Männern an solchen Abenden, an denen Zeit war, Bericht über die Zeit mit dem Erhabenen zu geben. Das war der siebente Tag in der Woche – und sie willigten ein.
Wir trafen uns zum Zweck solcher Gespräche immer am Vorabend des Sabbattages im Haus Ben Kochabs, den alle Astrophilos nannten. Astrophilos stand uns nahe und hatte den Meister selber auch noch gut gekannt. Seit jener Zeit zündete er mit Vorliebe kleine Lämpchen an und wir aßen bei ihm stets gute Dinge.
Ich will es euch offenbaren, – Ben Kochab, alias Astrophilos, war jener Bräutigam, dem der Meister während der Hochzeit in Kana das Wasser zu Wein verwandelt hatte. Als er nun hörte, dass wir den drei Leuten aus dem Osten vom Leben seines Gönners erzählen sollten, war er begeistert, lud uns alle ein und kredenzte vom allerbesten Krug. Es schien so, als ob bei ihm das Wunder von damals immer noch nachwirkte. Denn die Getränke waren stets köstlich und wir erzählten wohl auch deshalb gern und schmückten sicher manches mehr aus, als es vielleicht unbedingt nötig gewesen wäre.
Eines aber sei an dieser Stelle gleich hinzugefügt: Wir erfanden nichts hinzu – wahrlich! Doch ließen wir auch nichts von dem weg, was möglich gewesen wäre. Alles, was wir erlebt hatten, erzählten wir nacheinander und die drei Besucher hörten uns gern berichten.

1.Abend
Bereits am ersten Abend entdeckten die drei Männer uns, dass genau sie es gewesen wären, die damals aus dem Morgenland den Weg nach Bethlehem gewählt hatten; damals, als der Meister noch ein Bübchen von kaum einigen Wochen gewesen war. Sie erzählten uns von ihrer Begegnung mit dem finsteren Herrscher Herodes und seinen argen Beratern. Sie erzählten von der langen Wanderung unter dem Doppelgestirn Saturns und Jupitern, welche ihnen am nächtlichen Himmel im Bildnis Adar vorschwebten und sie getreulich bis ans Ziel geleiteten. Sie berichteten uns von dem kleinen Stall nahe der Ortschaft Bethlehem; und wie sie dort die junge Mutter Maria, ihren Verlobten Joseph und den Königsknaben gesehen und mit ihnen gesprochen hatten. Von dem Traum gaben sie Kunde, welchen ihnen der Ewige in den Schlaf flocht; wir lauschten voller Entzücken ihren Erzählungen und Astrophilos schenkte immer wieder ein und lies frisches Brot auftragen, denn er hatte es seit jener unvergesslichen Hochzeit in Kana weit gebracht, war Bäcker und Mundschenk in ein und derselben Person geworden und der Segen des Höchsten war seit solchen Tagen auf ihn und sein Haus gefallen und nicht mehr davon gewichen.

Die drei Greise kannten sich in allerlei seltsamen Dingen aus, sie sprachen die verschiedensten Sprachen, von denen man auf dem Erdkreis weiß, führten geheimnisvolle Gerätschaften mit sich, mit Hilfe derer sie den Stand der Gestirne am Himmel abzulesen und offenbar sogar vorauszusagen wussten. Oft zogen sie irgendwelche kleinen Kugeln hervor, die sie auf den Erdboden oder in eine tönende Schale warfen, um, wie sie uns später entdeckten, die Vergangenheit zu verstehen oder auch über die sogenannte Zukunft Mutmaßungen anzustellen.
Astrophilos interessierte sich sehr für jene Kügelchen und beschwatzte die drei mit der Absicht, ihnen dieselben abzukaufen. Jene aber lachten nur und schüttelten freundlich die Köpfe. Dabei wiederholten sie stets ein um das andere Mal: Die Kugeln seien ihnen um nichts in der Welt feil.
Jene runden Bällchen spielten an unseren gemeinsamen Abenden eine wichtige Rolle, denn einer der Greise, wohl der Älteste unter ihnen, ließ das Spielwerk am Beginn jeder Unterredung in der tönernen Schale umher rollen. Danach, wenn die Kugeln zur Ruhe gekommen waren, schauten die drei sich an, nickten einander zu und stellten darauf eine oder mehrere Fragen, die unseren Meister betrafen. Ob er etwa dies oder das getan, ob er zu jenem oder einem anderen Thema etwas gesagt habe – und so fort. Wir Zwölf gaben dann Auskunft, und mussten nicht lange überlegen, denn Vieles hatten wir mit ihm erlebt in den drei Jahren unserer Wanderschaft durch Galiläa.

Aber, – wie bemerkenswert. Dergleichen hatten wir nie erlebt: Es schien uns nämlich, als ob zu jeder Frage, die von unseren Gästen gestellt wurde, sogleich eine Antwort sich aus unseren gemeinsamen Erinnerungen fügte. Nur Matthias vermochte nicht viel zu sagen, denn er war erst später zu uns gestoßen als Ersatz für den verruchten Verräter Judas aus Queriot, dessen Weib der Meister mit uns besucht hatte, kurz bevor er entschwand und uns in dem Mohnfeld alleine zurück gelassen hatte.
Ich kann mich noch gut erinnern, dass am ersten Abend eine kleine safranfarbene Kugel mit einer größeren dunkelgrünen zusammenschlug. Die Morgenländer fragten uns damals, ob denn der Meister jemals über die Schönheit der Menschen gesprochen hätte.

Wer von uns sollte beginnen? Andreas meldete sich zu Wort. Einmal, erzählte er, hätte der Meister im Schlamm des Sees Genezareth ein Säckchen mit einigen goldenen Münzen gefunden, die alle das Bildnis der Nymphe Arethusa aufgewiesen hätten. Das prächtige Haar des Weibes wurde von einer sternbesetzten Spange gebändigt. Es waren etwa bei zweiunddreißig Münzen in dem Säckchen enthalten gewesen. Ein Vermögen. Eben wollte der Meister den Fund Judas übergeben, denn dieser hatte die Aufgabe, unsere Einnahmen und Ausgaben zu verwalten, da trat eine Frau an den Strand des Meeres und ihre Kinder waren bei ihr.
Die Kinder sprangen herzu, wohl um etwas von uns zu erbetteln. Der Meister gab jedem der Kinder eine von diesen Goldmünzen. Sie dankten es ihm und sagten: “Siehe, was für Künste wir beherrschen.” Und alsbald warf ein jedes der Kinder seine Münze flach auf den Meeresspiegel, so dass das Geldstück einige Male auf dem Wasser aufschlug, flugs immer weiter hüpfte, um schließlich weit draußen im Meer zu versinken. Ei, – wie das Gold über dem Wasser flunkerte, – der Meister klatschte in die Hände und lobte die Kinder und gab ihnen aus dem Säckchen so viele Münzen, als immer sie wollten.
Auf diese Weise trieben sie ihr Spiel mit dem Gold eine gewisse Zeit und ließen zu unserem großen Erstaunen das kostbare Metall in den Wellen versinken. Als das Säckchen über ihrem Spielen leer geworden war, freuten sie sich und liefen zurück zu ihrer Mutter, die an einen Baum gelehnt sich niedergelassen und von alledem wohl gar nichts bemerkt hatte.
Der Meister lehrte uns aber und sprach: “Werdet wie diese Kinder, das rate ich euch.” Wir waren fassungslos und zogen weiter. So erzählte es unser Gefährte Andreas.

2.Abend
Die drei Greise hatten uns aufmerksam zugehört und begannen nun damit, das Gehörte sorgfältig in ein kleines Büchlein zu übertragen. Das Büchlein aber war außen mit Samt bedeckt und innen sorgsam mit Seide ausgefüttert worden. Alle Seiten bestanden aus feinstem Ziegenlederpergamén.
Wir wagten nicht, unsere wirkliche Meinung zu dieser von Andreas berichteten Begebenheit darzulegen. Und die drei fragten uns auch nicht danach. So schwiegen wir still und schauten zu Boden. Wahrlich, der Meister hat uns oft bis an die Grenze dessen geführt, was ein Mensch zu ertragen vermochte.

An jenem Abend geschah es auch, dass unser Gastgeber aus dem Fenster wies und alle auf den Sonnenuntergang aufmerksam machte. Er, der sich mit den Sternen besser auskannte als wir, sagte: “Seht, was ihr nicht seht!” Merkur, Venus und Sonne stehen zusammen am Himmel, aber der Glanz der Sonne ist noch sehr hell, obwohl die Nacht bereits hereinbricht. Die Morgensterne werden heute deshalb, noch ehe sie uns haben sichtbar leuchten können, untergegangen sein.”
Als er das gesagt und wir alle nachdenklich mit den Köpfen genickt hatten, meldeten sich unsere drei Gäste zu Wort und fragten, ob unser lieber Herr sich mit der Kunst des Schönschreibens befasst und deshalb eventuell doch diese oder jene Notiz hinterlassen hätte. Wir mussten verneinen, aber Jakobus erinnerte sich sofort an die allen bekannte Begebenheit, bei der er mit einem kleinen Zweig, den er aus der Gosse aufgehoben hatte, irgendwelche Figuren in den am Morgen noch feuchten Sand gezeichnet hatte. Der Sohn des Zebbedaios versuchte sich genauer zu erinnern. Er sagte dann, dass er nicht mehr genau wisse, ob es ein Zweig oder ein Knöchelchen gewesen sei, – etwa eines von einem Vogel. Aber ein länglicher Gegenstand war in den Händen des Gottessohnes zum Zeichengerät geworden.

Die Magier aus dem Morgenland lehnten sich zurück und ließen sich von unserem Gastgeber nachschenken. Dann begann Jakobus zu erzählen; der Wein hatte das Band seiner Zunge gelockert, er sprang auf und berichtete mit großen Gesten.
Jesus hätte, so sagte er, kleine Figuren in den Sand gezeichnet. Und zwar das Bildnis der Sonne, dann das eines Mannes und ein drittes, welches eine Frau vorstellte. Er hätte die Figuren dabei dergestalt zueinander ins Bild gesetzt, dass der Kopf des Mannes und der Kopf der Frau ein und denselben Kreis beschrieben. Und diesen Kreis hätte der Meister dann mit vielen Strahlen umgeben, bis diese Strahlen die Körper der menschlichen Figuren immer mehr zu überdecken begannen und schließlich nur noch eine gewaltig strahlende Sonne zu sehen war, die von jenem Punkt aus strahlte, der vorher aus den beiden Köpfen der menschlichen Figuren gebildet worden war. Genauso hatte er es in den Sand gemalt.

Die Greise nickten und baten begierig, Jakobus solle weitererzählen. Auch wir hörten gespannt zu; denn diese Geschichte kannten wir noch gar nicht.
Jakobus musste damals wohl sehr nahe bei der verurteilten Frau gestanden haben; und zugleich inmitten der Schriftgelehrten und Pharisäer, welche die Anklage führten. Deshalb wahrscheinlich auch hatte Jakobus die Zeichnung des Meisters ausgiebig betrachten können. Warum hatte er uns von seinen damaligen Beobachtungen noch nie etwas erzählt?
Schließlich also, fuhr Jakobus fort, hätte der Meister seine Zeichnung mit Hilfe des Knochenzweigleins wieder zerstört und die Worte gesprochen, die auch wir weiter hinten Stehenden gehört hatten: “Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein!”
Von diesem Augenblick an hätten alle nur noch auf das zerstörte Bild geschaut. Niemand mehr auf die Frau. Dann sei ein jeder nachdenklich nach Hause gegangen.
Er selber, Jakobus, habe sich am Abend noch einmal zu der Stelle geschlichen. Jedoch an dem Fleck war nichts mehr zu sehen. Jemand war gekommen und hatte sogar den Sand fort gekehrt und mitgenommen. Man sagt, wenn einer etwas Gutes über Menschen aufschreibt, und wer dann Sand auf diese Schrift streut, – es ginge dann das, was geschrieben ward, in Erfüllung. Doch nur, wenn es etwas Gutes ist. So wiederholte es Jakobus immer wieder, bis wir ihn beruhigten. Und er setzte sich wieder hin und war sehr erregt.

Nachdem wir noch ein wenig über dies und das geplaudert hatten, zogen die Gäste erneut ihr Kugelspiel hervor und ließen es kreisen. Wir befragten sie nun ebenfalls und baten darum, uns das Geheimnis der Kugeln zu lüften. Der, welcher das Kugelspiel in Bewegung gesetzt hatte, antwortete uns. Aber wahrscheinlich war es nur ein Gleichnis, das er zum Besten gab. Urteilt selbst. Er sagte …

3.Abend
… und erzählte uns folgende Geschichte. “Vor langer Zeit lebte einmal in einem fernen Land ein großer Baumeister, dem man nachsagte, er könne alles, was in Gedanken nur irgend vorstellbar wäre, auch in der Wirklichkeit mit Stein und Mörtel ausführen. Diese Nachricht drang nun zum König jenes Landes und jener ließ den Baumeister sogleich zu sich rufen. Er befragte den Mann, ob es stimme, was man über ihn und seine Fähigkeiten erzähle. Der Baumeister antwortete dem König, bisher wäre der Fall nicht aufgetreten, dass ein Gedanke aufgetaucht sei, welcher nicht auch in Stein und Mörtel hätte ausgeführt werden können. Da wurde der König zornig und er befahl dem Baumeister etwas zu bauen, wofür es noch keine Gedanken gäbe. Etwas, woran alle Gedanken scheitern müssten. Würde der Baumeister dieses Bauwerk innerhalb von zehn Jahren nicht errichtet haben, würde es seinen Kopf kosten. Und damals, in seiner großen Not, ersann der Baumeister dieses Kugelspiel. Was allerdings aus ihm und dem König geworden ist, wisse niemand genau. Einige sagen, die beiden hätten sich miteinander in das neue Spiel derartig vertieft, dass sie Heilige geworden wären. Andere dagegen behaupten, der König hätte den Baumeister hinrichten lassen, wäre danach aber wahnsinnig geworden – und deshalb in die Einöde gegangen. Wieder welche meinen, der König hätte das Speil so berückend gefunden, dass er seinen Thron dem Baumeister überlassen habe. Der hätte viele Jahrzehnte weise regiert und das sagenhafte Reich des Priesterkönigs Johannes begründet. Wie dem auch sei …

Wir staunten über diese Geschichte sehr und nahmen die Kugeln interessiert in Augenschein. Sie waren alle aus schwerem Material. Die eine größer, die andere kleiner, aber jede Kugel war einer beliebigen anderen im Gewicht gleich. Das überprüften wir mit einer Wage, die Astrophilos auf dem Wandbord stehen hatte. Auf die linke Seite legten wir die große dunkelgrüne auf die rechte Seite die kleinere türkisfarbene Murmel. Die Waage schwebte still wie ein Vogel wenn er oben in der Luft nach Beute unten auf der Erde ausschaut.
Es gab außerdem noch eine scharlachrote Kugel, eine silberne große, eine goldene, eine blaue und eine graue. Eine große schwarze war mit dabei, eine schöne ockergelbe und eine sehr kleine Kugel, von merkwürdiger Purpurfarbe bedeckt.
Wir warfen noch einige Male die Kugeln in die Tonschale und ließen sie kreisen. Dabei entstand eine seltsame Musik. Es war, als ob jede Kugel einen anderen Ton erzeugen würde. Waren sie zwar von gleichem Gewicht, so rollten sie doch eine langsamer, eine schneller. Und es entstanden seltsame Melodien. Nachdenklich begaben wir uns nach Hause, dort zur Ruhe und schliefen bald ein. Die einen allein, andere nicht.

4.Abend
Am nächsten Sabbat trafen wir uns wiederum im Obergemach des Hauses von Astrophilos. Es gab wie immer naschhaftes Backwerk und vorzüglichen Wein. Ein Gespräch wollte zuerst nicht recht aufkommen, und das war folgendem Umstande geschuldet: Unsere Gäste waren ausgeblieben. Ihre Polster ragten aufgeschüttelt aber leer aus unserem Kreise empor. Und sie schienen heute auch leer bleiben zu wollen. Doch dann, mit etwa zwei Stunden Verspätung, hörten wir die Stiegen knarren und die Türen öffneten sich. Unsere Gäste kamen verspätet an. Ihre Minen bedeuteten nichts Gutes. Sie alle sahen krank aus und wiesen geschwollene Gesichter auf. Bei unseren Nachfragen stellte sich heraus, dass sie eine schlechte Nacht gehabt hatten. Mücken waren der Grund gewesen, zahlreiche Mücken, die sie nicht hatten schlafen lassen. Ächzend ließen sie sich auf den Kissen nieder und sahen bedauernswert in unserer Runde umher. Ihre Gesichter waren über und über zerstochen.

Es erhob sich nun unter uns ein reger Austausch darüber, wie man am besten die sirrenden Plagegeister vertreiben könne. Petrus zum Beispiel riet den Bemitleidenswerten, sie sollten immer solange warten, bis die einzelne Mücke sich niedergelassen und den Stachel zum Stich herausgeholt habe, erst dann dürfe zugeschlagen werden. Andreas widersprach ihm aber und meinte, es wäre ratsamer, solange mit dem Schlag zu warten, bis die Mücke ihren Stachel bereits etwas in ihr Opfer eingesenkt habe. So wäre sie im Fliehen behindert und habe keine Chance zum Entweichen. Unsere Gäste hörten interessiert zu und holten nach einer Weile ihr Kugelspiel hervor. Sie warfen es auf das Damasttuch, welches zwischen uns ausgebreitet war, – und wieder kam die große dunkelgrüne Kugel im Mittelpunkt zur Ruhe. Sie lag neben der goldenen Kugel. Ein Raunen ging durch unsere Runde und Thaddäus erinnerte sich alsbald an eine lange zurückliegende Begebenheit, die er mit dem Meister erlebt hatte. Wir bestürmten ihn sehr, dieselbe uns nicht vorzuenthalten. Er fühlte sich geschmeichelt und begann mit leiser, aber vernehmlicher, Stimme Folgendes vorzutragen:

Es war noch in der Anfangszeit unserer Wanderungen mit ihm, dass wir eines Nachts in der Gegend von Negev Hagadol in einer Karawanserei übernachten mussten; das Essen und die Nachtlager waren ausnehmend schlecht. Wir legten uns nieder und vielleicht erinnert ihr euch noch an die Mücken, die dort in Schwärmen hausten und uns hart zusetzten. Ich lag nun dicht bei dem Meister und sah, wie die Mücken über ihm tanzten. Eine der größten machte sich eben daran, den Erhabenen in sein göttliches Antlitz zu stechen. Ich warnte den Meister und flüsterte – um euch andere nicht zu wecken, denn ihr schliefet schon samt und sonders – flüsterte ihm zu, Meister gib acht, eine Mücke trachtet danach, dir etwas vom Blute abzuzapfen. Er aber rührte sich nicht, so dass ich wähnte, auch er sei bereits in das Reich des Schlafes eingetreten. Jedoch bemerkte ich dann, wie seine Augen geöffnet waren und er dabei war, die Mücke zu beobachten. Da erhob ich meine Hand und wollte die Mücke vertreiben. Als ich aber meine Hand rasch auf das Gesicht des Meisters hin bewegte, musste die verruchte Blutsaugerin dieses wohl bemerkt haben, denn sie erhob sich auf flinken Flügeln und verschwand im Dunkel der Nacht.
Der Meister heftete nun seinen Blick auf mich, lehrte mich und sprach, – leise, um euch nicht zu wecken. Ich habe seine Worte noch im Gedächtnis und zehre oft davon, denn in seiner Weisung liegt unendliche Weisheit verborgen. Er sprach zu mir: Thaddäus, Thaddäus. Siehe, diese kleine Mücke ist so leicht und lebt im Äther der Luft und wird von ihm nicht nur getragen, sondern zusätzlich noch geschützt. Denn als du mit deiner raschen Handbewegung dieses kleine Tierchen, das der Eine (hochgelobt sei er) am sechsten Tag erschuf, vernichten wolltest, erzeugte deine Handbewegung einen Luftzug, den du selber nicht bemerkt hast, welcher aber die Luft in derartige Wallung versetzte, dass das Insekt, bevor du noch deine Absicht hast ausführen können, gerettet fortgerissen wurde und deiner zu hohnlachen vermochte.

Ich schwieg betroffen und wusste, wie sehr der Meister Recht hatte. Er aber fuhr fort und machte die kleine Begebenheit zum Ausgangspunkt noch viel weiterführender Überlegungen. Siehe, so sagte er mir, auch deine Gedanken erzeugen so etwas wie einen Luftzug, ein Geräusch oder einen Sog. Du willst etwa den Namen des Allgütigen denken. Aber gerade durch dieses dein Denken erschrickt das, was du denken willst – und wird sich von dir abwenden.
Meister, fragte ich ihn, was ist dann überhaupt möglich? Können wir dann nicht nur sehr grobe und schwere Dinge denken. Dinge also, die zu schwer sind, sich von unseren Gedanken aus der Bahn bringen zu lassen? So ist es, mein Freund, sagte er mir als Antwort. Es gibt aber einen Ausweg aus diesem Dilemma, fuhr er danach fort und fügte hinzu, dass er nicht wisse, ob er mir diesen Ausweg verraten dürfe. Ich war sofort hellwach und bat ihn inständig, er möge mir diesen Ausweg verraten. Er aber lächelte und meinte, er müsse sich das noch genau überlegen. Schon diese halblaut mir gegenüber gemachte Bemerkung muss wohl ausgereicht haben, das zudringliche Geschmeiß auch noch Stunden von uns abzuhalten. Ich schlummerte in fröhlicher Erwartung ein, bald großer Geheimnisse teilhaftig zu werden und erwachte am nächsten Morgen ohne einen einzigen Mückenstich, während ihr alle, die ihr weiter ab gelegen hattet, zerstochen wart, wie diese unsere wirklich zu bedauernden Gäste.
Soweit der Bericht unseres Gefährten Thaddäus.

Wir bestürmten ihn nun mit allerlei Fragen und Vermutungen, die von den drei Morgenländern sämtlich aufgezeichnet worden sind. Ob der Meister denn Thaddäus nun das Geheimnis der geräuschlosen Gedanken mittgeteilt oder doch nicht offenbart habe. Thaddäus aber sagte, er habe nichts in Erfahrung bringen können. Wir bedauerten das. Aber die Drei schienen ihm keinen Glauben zu schenken, denn wir sahen sie oft mit Thaddäus im Geheimen Unterredungen führen, die sie immer dann, wenn einer von uns zu ihnen trat, unterbrachen und dabei so taten, als ob es nur um das Wetter gegangen wäre.
Einige unter uns vermuten seitdem, Thaddäus sei im Besitz von etwas ganz Besonderem, – er sei über unaussprechliche Mysterien in Kenntnis gesetzt worden. Deshalb wohl auch blieb er derjenige in unserer Schar, von dem die Nachwelt am wenigsten weiß. Ihm aber scheint das gar nichts auszumachen. Er lächelt still vor sich hin und summt kleine Liedlein immerdar.

5.Abend
Die morgenländischen Greise entdeckten uns nun von Zeit zu Zeit immer mehr den Sinn des Kugelspiels. Die goldene Kugel sei ein Abbild der Sonne, die dunkelgrüne große dagegen wäre der Sitz einer mächtigen Gottheit, deren Stern sehr weit entfernt wäre und wir denselben deshalb nicht mit unseren Augen sehen könnten. Es gäbe davon einige. Die unsichtbaren Planeten nannten die drei Könige jene Mächtigen scheu. Wir fragten, wieviele es wären. Und sie sagten es uns – mindestens drei. Einer sei gewitzt und rasch, auch zornig und aufbrausend. Der andere schläfrig und trunken, zugleich aber ebenso zu gewaltigen Krafttaten befähigt, – das sei dieser große dunkelgrüne Ball. Der dritte jedoch sei der Fürst der Scheol. Unermesslichen Reichtum hüte er. Sprachlos und an den einzelnen Dingen völlig uninteressiert gehe er immer nur auf das Große und Ganze aus. Ihm gehöre die kleine purpurne Kugel, – den beiden anderen jene anderen, wie schon gesagt, die große dunkelgrüne und die etwas kleinere silbergraue. Wir hörten aufmerksam zu und machten uns unsere Gedanken, aber ehrlich gesagt: Wir verstanden eigentlich fast gar nichts von alledem.

Wenn nun, meinte Thomas, die goldene und die dunkelgrüne zusammenliegen, bedeutet ihr Zusammensein die Vermischung von Träumerei und königlichen Handlungen? Der Älteste unter den Magiern aus dem fernen Osten blickte Thomas erfreut an und bejahte dessen Vermutung, und er sagte Thomas, dass er das Prinzip der Sache zu verstehen im Begriff stünde.
Astrophilos schenkte Wein nach und dabei erzählte er uns von einer anderen Begebenheit, welche er erlebt zu haben vorgab. Er sagte:

Es geschah an dem Abend nach meiner Hochzeit mit der Tochter des Fischers Bartholomäus. Wir hatten noch einmal in die sechs Wasserkrüge, die wieder ruhig an der Hauswand lehnten, geblickt, – und waren dann zu Bett gegangen. Bei zwei oder drei Stunden hatte der Schlaf uns in seinen gütigen Armen gewiegt, als wir von einem Getön und Geklirr geweckt wurden, von dessen Herkunft wir uns zuerst keinen Reim zu machen wussten. Es sagte dann aber mein getreues Weib, jenes Geräusch müsse von den Weinkrügen oder den Wasserkrügen herrühren. Ich lief an das Fenster unseres Gemaches und schob die Vorhänge ein wenig beiseite. Da sah ich, wie sich irgendein Tier, ich konnte aber nicht erkennen, von welcher Art es war, bei den Krügen zu schaffen machte. An dem linken Krug empor geklettert war das Tierchen und lief auf dessen Rad immerzu im Kreise herum, wobei es seltsame Geräusche machte und mit blitzenden Augen dreinschaute. Ich beobachtete diesen eigenartigen Lauf eine gewisse Zeit, begab mich dann aber wieder in das Bett zu meinem Weib, das mich schon nicht ohne Ängstlichkeit erwartete. Jenes Geklirr und Getön draußen bei den Krügen hörte aber nicht auf, so dass auch ich mich zu beunruhigen begann.
Bald aber stellte sich heraus, dass all unsere Sorge umsonst gewesen war. Das Tier hatte offenbar den Duft des göttlichen Weines, der an den Krügen haften geblieben war, bemerkt und war dadurch angelockt worden. Nun fuhr es mit seiner rauen Zunge an den Rändern der Krüge entlang und das entlockte diesen Gefäßen einen fast überirdischen Klang. Wir lauschten noch eine lange Zeit und schlummerten ab und zu über der Musik ein. Erwachten wieder, von derselben Musik geweckt – und schlummerten, von dem Getön in den Schlaf gelockt, alsbald erneut. So ging das wohl bei zwei oder drei Stunden. Erst als der Morgen nahte, trat Ruhe ein. Wir hatten ein außergewöhnliches Konzert erlebt und sprechen übrigens noch oft davon.

Als Astrophilos seinen seltsamen Bericht vollendet hatte, kam eine fröhliche Stimmung unter uns auf. Dieser oder jener lachte leise vor sich hin, und – befragt nach dem Grund seiner Erheiterung – antworteten sie allesamt, es sei ein inneres Bild, dass sie zum Lachen bringe. Die raue Zunge eines kleinen Tierchens auf dem Rand eines alten großen Gefäßes. Und die Musik, die dabei entstünde. Das sei wahrhaftig sehr selten und sonderbar.

Jedoch an dieser Stelle widersprachen die Könige aufs Heftigste. Sie behaupteten, schließlich sei auf genau diese Art und Weise die gesamte Schöpfung entstanden. Hatte nicht der Erhabene (hochgelobt sei er) mit seinem Wort, das ja bekanntlich zwischen den Lippen von der Zunge gebildet wird, auf dem Rande des Nichts, welches durchaus einem unendlich großen leeren Krug zu vergleichen sei, gespielt? Mit zehn großartigen Melodietönen war alles aus dem Nichtsein in das Sein gerufen worden. Ebenso verhielte es sich mit diesem seltsamen Tier, welches, angelockt von wenigen Duftanmutungen, ein Lied gespielt habe, das dem hochzeitlichen Paar sowohl Schlummer als auch Erwachen aus dem Schlummer geschenkt habe.

Das sei wahr, erwiderte nun Philippus. Auch kreisten unsere Gedanken, so fuhr er fort zu überlegen, hin und wieder am Rande des Unglaublichen. Und es bildeten sich aus den Gedanken dann Worte, die wir nachlässig sprächen. Und aus diesen Worten wiederum entstünden Pläne, daraus Taten, Werte und Geschehnisse, Gewohnheiten und schließlich das Schicksal. Ja, – wie oft sähen wir uns nicht mit Wirklichkeiten konfrontiert, die wir erstaunt zur Kenntnis nehmen müssen, obwohl wir selber deren Schöpfer waren …
Es wurde noch ein philosophischer Abend, – und die drei Oberphilosophen unserer Runde warfen natürlich ihre unvermeidlichen Kugeln. Aber sie konnten dieses Mal aus ihrem Wurf nicht recht schlau werden. Es bot sich ein absonderliches Bild, indem offenbar die große dunkelgrüne Kugel wiederum eine wichtige Rolle spielte. Die drei fingen bald damit an, in einer Fachsprache miteinander zu reden, die keiner von uns verstand. Wir hörten zwar die Worte, denn sie sprachen Griechisch wie wir. Aber es kamen in ihrer Besprechung viele Begriffe vor, die wir noch nie gehört hatten. Alles drehte sich um Kugeln, Himmelskörper, Sterne, Engel und Planeten. Spät brachen wir auf.

6. Abend
Am nächsten Freitagabend warteten wir gespannt darauf, was sich ereignen würde. Die Gäste erschienen, Astrophilos trug seine Köstlichkeiten auf und wir gaben uns dem langsam hereinbrechenden siebenten Tag und seiner einkehrenden göttlichen Ruhe hin.
Jemand, der den Sabbat nicht kennt, kann die große Freude, die dieser Tag mit sich bringt nicht verstehen. Man sitzt und singt, isst und erzählt und es scheint so, dass der Ewige (hochgelobt sei er) selber zugegen und in der Mitte ist. Man speist an der Tafel Gottes. Und die Weisheit der Schechina geht unerkannt im Kreis herum und schenkt diesem jenes und jenem ein anderes Wort. Und aus allen diesen geschenkten Worten baut sich auf geheimnisvolle Weise ein Gespräch über ewige und schöne Dinge. So haben wir es immer und immer wieder erlebt und jeder, der den Sabbat ernst nimmt, wird es, solange diese kleine Welt sich dreht, genauso erfahren.

Die drei Sternerfahrenen baten uns, wir sollten von Jesus erzählen, wie er zu seinen Gedanken fand, wie er seine Reden vorbereitete, wie er sprach und was er nach seinen Reden getan hätte.
Und nachdem alle durcheinandergeschwatzt hatten, gebot Petrus, wir sollten erst einmal zur Ruhe kommen. Dann erteilte er dem Lieblingsjünger des Meisters, keinem anderen als Johannes, das Wort. Und Johannes setzte sich würdig zurecht. Dann berichtete er, wie er einmal zur Nacht mit dem Meister auf dem See Genezareth gewandelt wäre. Der Meister hatte ihn plötzlich bei der Hand genommen und war mit ihm die Böschung zum See hinabgestiegen.
Dann waren sie auf die Wellen getreten. Es wäre ein sehr angenehmes Gefühl gewesen, die kühlen Wasser hätten den vom Staub und der Last des Tages gepeinigten und wunden Füßen gut getan. Sie wären weit hinaus gelaufen und die Sterne hätten sich über ihnen ausgebreitet wie eine schimmernde Glocke. Der Meister hätte in den Himmel geblickt, dann auf den Meeresspiegel und danach zu reden begonnen. Und immer wenn eine Sternschnuppe gefallen wäre oder ein Fischlein aus der Flut aufsprang, konnte er dieses zum Anlass nehmen, einen neuen Gedanken einzuführen oder dem gerade verfolgten Thema eine unverhoffte Wendung zu geben. Dieses sei aber immer sehr natürlich geschehen und es hätte so geschienen, als ob der Meister auf das Fallen der Sterne oder das Aufspringen der Fische fast gewartet hätte. Dieselben Himmelskörper oder kleinsten Ereignisse waren so etwas wie Buchstaben oder Worte und neue Kapitelüberschriften gewesen. Es entstand eine Rede, die der Meister nur vortrug, – und von der hätte man sagen können, sie sei genauso gut wie von ihm auch von den Fischen und Sternen da draußen gehalten worden.
Nun wäre, und Johannes dämpfte seine Stimme, als ob er nicht wolle, dass seine Worte allzu laut in den Raum hinausdrängen, etwas sehr Seltsames geschehen. Als sie mitten auf dem Meer angekommen waren, wäre plötzlich wie aus dem Nichts ein eigenartiger glänzender Karren auf dem Wasser gestanden und aus diesem Karren, der ganz und gar geschlossen gewesen, seien Menschen herausgeklettert, die den Meister ehrerbietig gegrüßt hatten. Sie baten ihn, mitzukommen, baten ihn, wie sie sagten, mit in die Zukunft zu kommen, aus der sie, wie sie sagten, eben zu uns gestoßen waren. Liebe Freunde, sagte Johannes, als er merkte, dass einige von uns die Stirn in Falten legten, es ist dieses alles gewisslich wahr. Ich habe es selber erlebt. Die Leute aus dem Karren trugen eigenartige Geräte in ihren Händen. Die einen sahen aus wie Griffel, andere wie kleine Platten. Aus diesen Platten drang Glanz hervor und die Stimme eines fernen Ratgebers, den sie immerfort zu befragen hatten. Sie sprachen in einer uns gänzlich fremden Zunge und ich verstand kein einziges Wort. In meinem Kopf aber wusste ich sehr genau, was sie von uns wollten. Sie redeten etwas in ihrer unverständlichen Sprache und in mir entstand die gehörte Bitte an den Meister, er möge ihnen in ihre Zeit folgen. Sie sagten etwas von dem 5800 Jahr nach der Schöpfung und in anderen Zahlen lautete diese Zeit “2049 Jahre nach der Geburt unseres Meisters”. Ja, sie baten ihn, er solle mitzukommen. Ich wollte schon den Meister anflehen, lass uns da hingehen, woher diese dort gekommen sind. Er aber lehnte es ab. Er sagte wortwörtlich: “Ich muss nicht in irgend eine Zukunft kommen, denn ihr kommt ja aus der Zukunft eben zu mir. Wir würden uns verfehlen, wenn ich nicht in dieser meiner Zeit bliebe.” Die Zeitreisenden, wie ich sie bei mir seit jenem Erlebnis nenne, staunten und warfen sich vielsagende Blicke zu. Etwa genauso, wie es unsere drei Könige aus dem Morgenland hin und wieder tun, wenn sie ihre Kugeln rollen lassen.
Schließlich sagten die Reisenden dort draußen auf den Wassern zu uns, wir sollten dann wenigstens mit Ihnen in die Vergangenheit reisen. Sie sagten ihm und mir, wir sollten ihnen helfen, dort hinten in der Vergangenheit die Geschichte zu ändern. Der Meister aber schlug ihnen auch das ab und meinte, er würde vielleicht nach seinem Tod, und ich erschrak als er das erwähnte, zu Aides in der Scheol einen Besuch machen gehen – aber dazu sei es noch zu früh. Sie nun jedoch sollten getrost in die Vergangenheit reisen und dort seine Boten sein. Es ging noch einige Male hin und her und die Reisenden verneigten sich schließlich und verschwanden in ihrem glänzenden Karren. Es piepte dabei etwa so, wie wenn Vögel am Morgen erwachen und dann waren sie plötzlich fort. Das Wasser war an der Stelle, wo ihr Karren gestanden hatte, wärmer als dort, wo unsere Füße die Wellen berührten. Jesus sagte wie zu sich selbst: “Da sind sie also immer noch unterwegs.” Dann wandte er sich mir zu und sagte ernst: “Ich darf nicht in die Zukunft und nicht in die Vergangenheit entfliehen, weil die Suchenden aller Zeiten mich sonst verfehlen müssten. Mein Platz ist immer nur in der Gegenwart. Du darfst mich dabei begleiten.” Und dann drehten wir uns gegen das Ufer, wanderten wieder auf den Wellen und kehrten zu Euch zurück.

Thomas machte wie immer sein ungläubiges Gesicht und Petrus schaute missmutig drein. Das hatte wahrscheinlich seinen Grund darin, dass er damals auch auf den Wellen hatte gehen wollen, und wie dieser Versuch ausgegangen war, weiß inzwischen die gesamte bewohnte Welt.

7. Abend
Die Weisen aus dem Osten warfen alsbald ihre Kugeln in die Schale, diese rollten darinnen umher, machten eine Musik der schönen Art und in der Mitte blieben die große Grüne, die graue silberne und die dicke gelbe liegen, wobei die Gelbe zwischen der grünen und der grauen zu liegen gekommen war. Die drei schauten sich an und nickten in ihre Bärte. Dann schrieben sie alles auf und wir staunten, wie sie in dem Halbdämmerlicht überhaupt noch etwas erkennen konnten.

Heute aber war es soweit, wir ließen nicht davon ab, die Gäste zu bestürmen und verlangten die Deutung des Kugelspiels. Und weil wir von unsere Bitte nicht abließen und sie wohl zusätzlich einsahen, dass es nicht schicklich wäre, uns, ihre Gastgeber, weiter im Ungewissen zu lassen, willigten sie schließlich ein und begannen damit, uns den Sinn des Spieles nach und nach zu enthüllen.
Was wir nun erfuhren, hätten wir nicht im Traum zu denken gewagt. Das Spiel der babylonischen Greise war nämlich eine genaue Abbildung dessen, was am Himmel vor sich geht und als Matrix für das, was auf Erden geschieht, verstanden werden muss. Mit anderen Worten, wenn die Könige ihre Kugeln rollen ließen, dann rollten sie von selber nach der Weise, wie die wirklichen Ereignisse, die den Kugeln entsprachen, rollen würden. Dabei verhielt es sich aber so, dass die Kugeln nicht eher geworfen werden durften, bis dass “der Zeitpunkt gekommen sein würde”, wie sich der Älteste der drei ausdrückte. Als wir ihn fragten, wie er denn merke, wann und mit welcher Kraft und in welche Richtung er die Kugeln schleudern müsse, sagte er, das könne man nie im Voraus wissen. Sondern wenn der Zeitpunkt gekommen sei, – dann werfe man die Kugeln, oder besser gesagt, die Kugeln würden ihre Werfer sie werfen lassen. Als er das gesagt hatte, schauten wir uns an – und es entstand eine große Stille.
Lukas, der immer etwas mehr wusste als wir anderen alle – er hatte lange Jahre bei seinem vermögenden Oheim in Alexandria die dortigen Schulen besuchen dürfen – nahm das Wort und erzählte, wie der Meister ihn eines Tages in ein Geheimnis eingeweiht hatte. Sie waren beide um Feigen zu besorgen unterwegs gewesen. Der Meister hätte sich unter einen Feigenbaum gesetzt und gewartet, dass die Feigen abfielen. Darüber sei fast der ganze Tag vergangen. Etwa jede halbe Stunde löste sich eine Frucht vom Baum und rollte in den Sand, in welchem wir es uns bequem gemacht hatten, um irgendwo neben uns liegen zu bleiben. Wir hätten sie nur aufsammeln müssen und ich schickte mich auch tatsächlich an, sie in eine Decke einzuklauben. Aber de Meister bedeutete mir, mit dem Sammeln noch zuzuwarten, bis sie alle herunten lägen. Bei einigen Stunden lagen wir also im Sand und Feigen über Feigen fielen auch auf uns und rollten von unseren Körpern zur Erde. Der Meister und ich aßen einige davon und bald schliefen wir ein. Als wir am Abend irgendwann erwachten, war der Boden um uns herum mit Feigen bedeckt. Wir erhoben uns und sahen nunmehr, dass sich das Abbild unserer Körper im Sand abzeichnete. Genau dort, wo wir gelegen hatten, sah man keine Feigen. Ich staunte und der Meister sammelte nun jene Feigen ein, die am Rand unserer Bilder lagen, so dass die Bilder langsam aber sicher verschwanden. Ich fand das schade, denn es sah recht beeindruckend aus, wie der Meister neben mir geschlummert hatte, – oder besser gesagt, ich neben ihm.
Als Lukas seinen Bericht an dieser Stelle unterbrach, um Atem zu schöpfen, brachen wir anderen in lautes Rufen aus. Alle erregten sich über die Maßen darüber, dass Lukas gesagt hatte, der Meister hätte neben ihm geruht. Wir riefen dem Maßlosen zu, dass er neben dem Meister geruht hätte aber nicht jener neben ihm. Da sagte Lukas, er hätte das ja angedeutet, – aber er schämte sich dann doch noch gebührend und setzte sich hin. Sein Gesicht nahm den Ausdruck eines unsicheren Knaben an und er blickte verstört in die Runde. Petrus herrschte ihn an, was er mit seiner seltsamen Erzählung beabsichtigt hätte und er war drauf und dran, den Bericht des Lukas lächerlich zu machen. Ja, er behauptete, Lukas habe sich die ganze Sache nur ausgedacht, um sich wichtig zu machen.
An dieser Stelle aber meldeten sich unsere babylonischen Sternkundigen, als die sie sich uns nun unmissverständlich zu erkennen gegeben hatten, zu Wort, schüttelten angeregt ihre Köpfe und versuchten Petrus zu beruhigen. Sie sagten, auch ihre Kugeln rollten nicht an irgendeinen Platz, sondern nur dorthin, wo noch nichts anderes liege. Wir Menschen meinen zumeist, fuhren sie fort, dass dort, wo wir nichts sähen, auch nichts sei. Aber diese Annahme wäre eine der gröbsten Täuschungen, von denen die Menschheit sich seit Jahrtausenden narren ließe – und immer noch gern narren lässt.
Wir verstanden nicht ganz, was die drei mit all dem meinten. Aber jeder von uns spürte, dass ein wichtiges Thema angesprochen war.

8.Abend
Als wir noch in Gedanken versunken waren, stand Matthias auf und erzählte uns von einem seltsamen Traume, den er gehabt haben wollte. Und wir wussten zuerst nicht, ob er einen Traum, den er wirklich erlebt oder ob einen, den er erst zu träumen beabsichtige, meinte.
Wir hörten von ihm, der Meister hätte eines Nachts eine Scheibe aus seltsamem Material hergenommen, das Ganze mutete wie blasses Glas an, jedoch konnte man nicht hindurchschauen. Es war von dunkler Substanz, bzw. je mehr man diese Scheibe putzte, desto dunkler wurde sie. Der Meister hätte nun mit einem Seidentuch die letzten Schmutzreste entfernt und je mehr er das Tuch zur Säuberung benutzt hatte, desto schwärzer wäre die Scheibe geworden. Schließlich sei von der Scheibe ein beeindruckender Glanz ausgegangen, der das ganze Zimmer erfüllte. Dann hätte der Meister ihm bedeutet, etwas auf die Platte zu zeichnen. Er hätte sich anfangs geziert, denn er könne nicht gut zeichnen, sagte er verschämt – aber dann wollte er doch zur Feder greifen und hätte dieses auch getan. Er hätte das Bild eines Vogels gezeichnet. Sobald aber der Vogel in den Umrissen fertiggestellt worden war, hätte sich das Bild irgendwie belebt und sei durchsichtig geworden wie Glas. Ein Vogel war darauf zu sehen wie in der Natur. Nun sei auch Licht durch die Glasscheibe gedrungen. Zumindest hätte es so ausgesehen, als ob es hindurch gedrungen wäre.
Dann hätte der Meister ihm Folgendes mit stummen Blicken zu verstehen gegeben: Durch eine klare und völlig saubere Glasscheibe könne kein Licht strömen. Deshalb sei die Scheibe auch kohlrabenschwarz. Aber sobald irgendetwas auf dieser besonderen Scheibe abgezeichnet worden sei, käme alsbald zu Stande, was wir als sichtbar (oder lichtbar) auffassen können. Das Licht selbst käme nicht, aber es kommt doch etwas durch die Scheibe, und dieselbe wird hell – aber eben nur vermittels irgendeines Bildes. Das Bild sei also so etwas wie der Ruf nach einem Lichte. Recht eigentlich betrachtet sei das aber gar nicht mehr das Licht, sondern das Trugbild des Lichtes. Denn ein Bild sei immer nur Zeuge des Lichts, nicht das Licht selbst. Das Bild zeigt nur an, wie da etwas sei, das wir Licht nennen. Aber das Licht selber ist absolut nicht sichtbar. Nur die Trugbilder des Lichts werden von unseren Augen gesehen. Wir verwechseln dieselben jedoch mit dem Licht und täten das sogar gern und – der Einfachheit halber.
Matthias wendete diesen Gedanken noch einige Male hin und her. Aber wie sehr er sich auch mühte, seine Vision uns klarer zu machen; die meisten von uns wehrten seine Gedanken mürrisch ab. Und viele sagten gar nichts, sondern blickten spöttisch umher. Einige meinten, er solle aufhören und endlich Ruhe geben. Tatsächlich war dieser Gefährte ein sonderbarer Geselle; übrigens nur deswegen in unserer Mitte, weil das Los es so gewollt hatte. Meistens konnten wir mit seinen Überlegungen fast nichts anfangen. Wir schlossen ihn aber deshalb aus unserem Zirkel nicht aus, weil er halt durch das Los bestimmt worden war … Und fanden ihn aber ausnahmslos alle recht sonderbar, unmöglich und sehr anstrengend.
Die drei Magier aber hatten ihm offenbar interessiert zugehört und befragten ihn noch einige Zeit lang nach diesem seinem Traum. Wir aber meinen noch heute, er wollte sich damals nur wichtig machen. Wahrscheinlich hatte er überhaupt keinen Traum gehabt. Und sich alles nur ausgedacht, um unter uns den Eindruck zu erwecken, er sei auch so begnadet, wie etwa Petrus oder Johannes, die unserem Kreis vorstanden.

9. Abend
Wenn man das Kugelspiel verstehen wolle, begann nach einer langen Pause der Jüngste der Gäste – später erfuhren wir, dass er bereits 84 Jahre alt war – sei ein Fortkommen nur möglich durch Betrachtung jener Schale, in welcher die Kugeln zum Rollen gebracht würden. Es wird euch sicher aufgefallen sein, sagte er, dass die Kugeln nach innen gekrümmt sind, und die Schale so etwas Ähnliches ist, wie eine halbe große Kugel, in der die kleineren Kugeln sich befinden. Deren Krümmungsgrad ist allerdings unterschiedlich. Eine Schale, die nach außen gekrümmt wäre, würde die Kugeln nach Außen treiben. Eine Schale, die eine ideale Scheibe sei, ließe die Kugel jede an ihrem Ort. Wir hörten gebannt zu. Stellt euch eine Schale vor, die zugleich nach innen und auch im selben Maße nach außen gekrümmt ist. Eine solche Schale gibt es tatsächlich, – nämlich die ideale Fläche stellt eine solche vor. Nun bewegen sich die Kugeln in der Schale nur deshalb, weil sie von der Erde, die ja bekanntlich ebenfalls die Gestalt einer Kugel hat, angezogen und in Bewegung gebracht wird. So ist alles ein großes Kugelspiel. Kugeln bewegen sich durch Kugeln in Kugeln oder auf Kugeln. Trinkgefäße können nur Trinkgefäße sein, weil sie Halbkugeln gleichen, deshalb rollt der Wein in ihnen. Wenn man diesen aber ausschütte, zerstiebe er in lauter kleine kugelförmige Gebilde. Das sei ferne, rief Astrophilos und goss unsere Becher voll. Petrus, der übermütig geworden war, meinte nun, er würde gleich morgen einen ihm bekannten Töpfer den Auftrag geben, einen viereckigen Behälter herstellen. Aus dem würde er dann trinken. Aber niemand hörte ihm zu, sondern alle begannen damit, kleine Experimente anzustellen, indem sie die Finger in den Wein streckten und dann zusahen, wie dieser an den Fingerspitzen sich zu Tropfen formte – und nachdem die Tropfen auf den Tisch gefallen waren, sich dort runde Kreise abzubilden begannen. Eine nachdenkliche Stille trat ein. Philippus stand nun auf und fragte uns, ob er eine Begebenheit berichten solle, die er mit unserem lieben Meister erlebt habe. Wir setzten uns zurecht und baten ihn zu erzählen. Er nahm noch einen großen Schluck vom Becher, den Astrophilos ihm sofort gefüllt hatte und begann zu berichten:
Einmal gingen wir zusammen nach Brot aus, denn die Freunde des Täufers hatten sich für den Abend angesagt und wir hatten nicht mehr genug zu Essen vorrätig. Ihr kennt ja die Trinkschale des Meisters, die nun leider verschollen ist seit den Tagen seines Leidens. Als er das sagte, senkten wir unsere Köpfe. Das war tatsächlich ein schlimmer Verlust für uns alle, – der Meister hatte die Trinkschale ihrer Besitzerin zurückgegeben und als wir sie nach seiner Himmelfahrt von ihr zurückfordern wollten, war das Weib nicht mehr auffindbar gewesen und die Schale in ihrem Hausrat nicht vorhanden.
Wir kamen nun am Hause des Baal HaSchirim vorbei, fuhr unser Gefährte zu erzählen fort, ihr kennt ihn, denn er hat uns oft mit fröhlichen Liedern und Gesängen erfreut, bevor die Römer ihn in die große Stadt entführten, – ihn und seine Kinder alle. Und als wir vorbeikamen sang drinnen im Hause seine Tochter Rachele ein Lied nach der Weise des Schir HaSchirim. Sie übte den Gesang und wiederholte die Melodie wohl eine ganze Weile lang. Da setzte sich der Meister und gebot mir, mich auch niederzulassen, was ich tat. Dann zog er die Schale hervor, und schöpfte aus dem Wasserlauf, der an dem Haus des Baal vorüberglitt und daselbst im Laufe der Zeit ein kleines Becken in den Sand gegraben hatte, das Gefäß voll und schlug mit dem Knöchel seines Fingers gegen den oberen Rand der Schale. Und es gab einen Ton. Dann trank er einen Schluck und schlug erneut gegen die Schale, es gab einen Ton der heller war, höher. So als ob den ersten Ton ein Greis, den zweiten ein Mann gesungen hätte. Aber die beiden Töne erklangen zusammen mit dem Lied der Rachele. Jetzt, als sie einen Ton sang, erklang ebenderselbe Ton aus der Schale heraus, so dass ich mich sehr verwunderte. Als der Meister die Schale geleert hatte, füllte er sie neu mit Wasser. Er gab sie mir, denn er hatte gemerkt, dass auch ich durstig geworden war. Ich schlug an das Trinkgefäß. Eben in diesem Moment begann das Kind erneut damit, die Melodie zu singen. Ich hatte großen Durst und leerte die Schale bis zur Hälfte. Dann klopfte ich mit dem Nagel meines Zeigefingers an die Stelle, wo mein Mund das köstliche Nass geschlürft hatte. Ein hoher Ton erklang – es war eben derselbe, wie ihn das Mädchen jetzt sang. Ich wagte fast nicht das Gefäß neu an den Mund zu heben und ganz auszuleeren. Aber der Meister gebot mir, dass ich es tun sollte. Dann zogen wir weiter.

Als Philippus mit seiner Geschichte zu Ende gekommen war, begannen alle an ihren Trinkschalen herumzuklimpern. Es wurde ein Konzert von unzusammenhängenden Tönen. Aber wir erfreuten uns daran und unsere Gedanken gingen zurück zu jener Zeit, als der Göttliche noch unter uns weilte und sich tagtäglich solche kleinen Wunder wie von selbst ereigneten. Da es aber schon spät geworden war und das Weib des Astrophilos schon mehrere Male zu uns hereingeschaut hatte, machten wir uns kurz vor Mitternacht auf und davon.
In jener Zeit kam das Gerücht auf, dass drei mächtige Magier das Reich des Kaisers Nero zu zerstören planten. Nero aber war derjenige, welcher sich ebenso wie der Verräter Judas, der eigentlich nicht verdient, ein Jünger weiter zu heißen, selber gerichtet hatte. Die heiligen Stätten waren damals noch nicht von den Verhassten zerstört worden, trotzdem hatten wir uns von dort bereits gänzlich zurückgezogen. Wir lebten, wie schon berichtet, bei Astrophilos, der sein Haus in Kinneret am See hatte und uns als vermögender Mann unterstützte. Einige von uns waren zu jener Zeit schon lange entschlafen, andere im Martyrium eines gewaltsamen Todes verherrlicht worden. Unserem Gefährten Jakobus war damals im Traum ein Engel erschienen, der hatte ihm geraten, jene Stadt, in der kein Stein auf dem anderen bleiben sollte, lieber zu meiden. Wir hatten sein Gesicht beachtet und wieder einmal alles verlassen.
Man begann damals Jagd auf diese drei Magier zu machen. Und wir ahnten natürlich, dass jene gesuchten Männer genau die waren, welche bei uns an den Sabattvorabenden ein und aus gingen. Wo sie in der Woche über wohnten; das hatten wir nicht zu fragen gewagt. Und auch keiner von uns wollte es wirklich wissen. Wahrscheinlich hausten sie draußen irgendwo in den Höhlen. Aber der Segen des Höchstens ruhte auf ihnen und mit ihnen wohl auch auf uns. Niemand schöpfte Verdacht, dass jene klapprigen Greise die gesuchten Feinde des verhassten Nero sein könnten. Und so setzten sich unsere Treffen immer weiter fort. Und immer heißer wurde es, denn immer mehr ging es in unseren Unterredungen um das seltsame Kugelspiel.

10. Abend
Je mehr wir in das Geheimnis der Kugeln eingeweiht wurden, desto mehr seltsame Dinge geschahen. Schon, dass wir uns an die längst vergessenen Erlebnisse mit dem Meister erinnern konnten, war bemerkenswert. Dann, dass Menschen, von denen wir abends sprachen, uns bald danach aufzusuchen begannen oder einige von uns Schauungen hatten, die von diesen ausführlich berichteten. Alles das häufte sich – und die drei Sternengreise sagten lachend, dieses sei ein Nebeneffekt des Kugelspiels. So, wie bei einem Zimmermann Späne in der Werkstatt herumlägen, weil ein Zimmermann naturgemäß eben Späne erzeuge, genauso bildeten oder ereigneten sich bei unseren gemeinsamen Kugelgesprächen kleine Kugeln. Erlebnisse seien ja bekanntlich nichts anderes als kleine Welten, in die wir einträten, bzw. die uns in sie eintreten hießen oder uns ganz natürlich und sphärisch umgäben, ohne dass wir es immer sogleich bemerken würden. Und alle diese Kugelwelten rührten her von den Denkspänen, als wirklichen Abfallprodukten unseres ernsthaften Nachsinnens über das Spiel mit den Kugeln, die, wie wir erfahren hatten, die göttlichen Lichter am Himmelszelt bedeuten sollten.
Thomas, der Findigste unter uns, fragte, inwiefern denn die Kugeln jene fernen Lichter bedeuten könnten, denn sie seien doch Kugeln, die Lichter aber seien Lichter im unendlichen Raum und zwischen diesen und jenen gäbe es keine Verbindung als unsere wünschenden Gedanken, die sich vorstellten, es könnte eine Verbindung zwischen beiden geben.
Darauf antwortete der Greis, der die Kugeln rollen ließ, Folgendes: Lieber Freund, du hast Recht. Es scheint keine Verbindung zu geben außer unseren Gedanken. Aber es ist doch noch eine andere Verbindung da. Denn siehe, die Sonne und der Mond haben unterschiedliche Umlaufzeiten um unsere Erde, ehe sie sich wieder an jenem Punkt zeigen, an dem sie losgelaufen sind, als wir unsere Messung gegen sie begannen. Die Sonne etwa läuft 365 Tage um und der Mond nur etwa 27 Tage. Deshalb haben wir eine Kugel gebaut, die das 13,5 fache der anderen an Raum verdrängt. So haben wir das Umlaufverhältnis der Zeit in ein Verhältnis im Raum übersetzt. Und deshalb kann man solche Aussagen, die von der Lage im Raum Zeugnis ablegen, umformen zu andern Aussagen, welche nun die Zeit betreffen.
Thomas dachte nach und freute sich über diese Idee, dass Raum und Zeit miteinander durch Verhältnisse verbunden seien und ineinander übersetzbar wären. Er konnte sich darüber freuen wie ein Kind, dem man eine Süßigkeit vorsetzt. Wir anderen alle verstanden nur schwer und nach vielen Wiederholungen, was überhaupt gemeint sein sollte.
Der Greis fuhr nun fort und sagte, alle zehn Kugeln zusammen hätten nun das Gewicht der Schale, in der sie umherrollten und jede einzelne Kugel wöge so viel wie jede andere auch, ganz gleich, wie umfangreich sie alle geraten waren. Dann bat er Astrophilos um eine Kanne mit klarem Wasser und um zehn Trinkgläser, die dort immer auf einem Wandbrett standen und wohl aus Ägypten stammen mussten, wo man sich mit der Herstellung solcher Kostbarkeiten auskennt. Astrophilos wollte nicht recht, aber schließlich rückte er die Gläser doch heraus, freilich nahm er den Greisen vorher das ausdrückliche Versprechen ab, sie zu ersetzen, wenn etwas Unvorhergesehenes mit den ihm offenbar heiligen Gefäßen geschähe, und dieselben Schaden nähmen oder gar ganz zerstört würden. Der Greis versprach für etwaige Schäden aufzukommen und stellte die Gläser in eine Reihe, dann nahm er einen Holzstecken und klopfte an die Gläser. Es stellte sich heraus, dass sie alle den gleichen Klang ertönen ließen. Er füllte sie mit Wasser bis oben an und klopfte wieder an die Gläser. Es war derselbe Klang bei allen zehn, – nur viel tiefer. Seht, sagte der Greis, – davon hat uns Philippus schon vorhin eine Geschichte erzählt: Wie euer Meister das Lied einer jungen Frau begleitete – nach de Melodie Schir HaSchirim.
Jetzt nahm er die Gläser und goss das Wasser zurück in den Krug, der sich bis oben an füllte. Dann nahm er die erste Kugel her und tauchte sie in den Krug. Das Wasser, das von dieser Kugel verdrängt wurde, floss nun in ein Behältnis, welches der Greis vorsorglich unter den Krug gestellt hatte. Er nahm dieses Behältnis behutsam her und goss das übergeflossene Wasser in das erste der Gläser, die er auf den Tisch gestellt hatte und die dort im Licht des Sabbatleuchters schimmerten. Dann füllte er den Krug wieder auf und tauchte die nächste Kugel in den Krug. Der Krug floss über und der Greis füllte den Überfluss in das zweite Glas. Dann füllte er bis oben hin nach – und nahm nun die dritte Kugel und verfuhr ebenso mit einem dritten Glas. Und so fort bis hin zur zehnten Kugel. Schließlich waren alle Gläser mit unterschiedlichen Wassermengen gefüllt. Der Greis nahm den kleinen Stock und ließ ihn die Gläser berühren. Eine zauberhafte Melodie ertönte. Wir staunten und Astrophilos weinte sogar – er konnte nichts dagegen tun. Wahrscheinlich rührte es ihn besonders, dass die Gläser so ein schönes Konzert veranstalteten. Jeder von uns klopfte an die Gläser, aber am schönsten klang es, wenn Johannes darauf spielte. Und das tat er den ganzen Abend über und sein Blick war dabei sehr versonnen. Er erinnerte sich wahrscheinlich an den Meister. Dieser hatte ihn besonders lieb. Das haben wir übrigens nie verstanden – es war schwer für uns, wie er einen lieber hatte als die anderen. Was war an Johannes so Außergewöhnliches, das wir nicht auch besessen hätten? Ach …

(von Matthias Schollmeyer – Pfarrer in Zahna)

Lukas Evangelium – Heilung der verkrümmten Frau (Lukas 13,10-17)

Eine innerlich und äußerlich verkrümmte Frau richtet sich auf. Wir wollen sie Anni nennen. Bei Helge Schneider heißen sie so. Anni musste Jesus nicht mal berühren. Es reicht, dass Jesus zu ihr sagt: „Sei geheilt.“
„Was war denn mit dir los?“ fragen Inge, Christl und Britta. Das sind Freundinnen oder so was … Blutdruck, Migräne, Prostata, Hüftgelenk, Kniegelenk, Inkontinenz und Depression. Übergewicht, Raucherbein, Untergewicht, Grauer Star, Grüner Star, Dementia praecox. Die Aufzählung ließe sich noch lange fortsetzen. Krankheiten für dich und mich.
In unserer Geschichte ist es aber noch etwas anderes: Anni leidet, schreibt Lukas, an einem „Geist der Schwäche“ (πνεῦμα ἔχουσα ἀσθενείας ἔτη δεκαοκτὼ) und kann sich seit achtzehn Jahren nicht mehr aufrichten. „Aha, Bechterew, – sagen die Freundinnen – oder so eine Art Bechterew, das hatte die Cousine von dem Schwager meiner ehemaligen Chefin auch. Nichts besonderes.“
Bechterew hin oder her – der wäre nur ein äußerliches Symptom. Wichtig wäre, dass wir uns dem Geist der Schwäche zuwenden, von dem Lukas, der immerhin Arzt war, schreibt. Und dass wir ihn sich verwandeln lassen in einen Geist der Stärke und des Vermögens. Wir müssen diese Diagnose wirklich ernst nehmen: „Geist der Schwäche“. Der macht, dass man sich nicht mehr aufrichten kann. Schlimm …
Aber da sind dann noch Marie, die andere Christl, Petra und Martina. Sie schütteln den Kopf und sagen, „es ist gar nicht so schlimm. Man kann sich aufrichten. Und Frauen sowieso. Das geht. Wir sind auch mal wie durch ein Wunder gesund geworden. Zum Schluss müssen wir zwar alle doch sterben. Aber manchmal werden wir vorher gesund. Wie das geht? Wir wissen es nicht. Es hat aber wahrscheinlich mit dem Jesus zu tun.“

Die Geschichte legt nahe, Jesus müsse das Wort in unserer Nähe sagen und wir müssten es hören können. Das bedeutet, dass wir in die Nähe von Jesus gehen. Die Nähe Jesu kann überall, sie sollte aber vorzugsweise eben auch besonders in der Kirche während des Gottesdienstes zu finden sein. Die Predigt soll sagen: „Weib, sei frei von deiner Krankheit.“ Wo sie das nicht tut, ist sie nutzlos und bringt keinem was. Allerdings wird Jesus nach seiner unspektakulären Heilungsaktion von den Tempelaufsehern hart gescholten. Er sagt zwar nur ein einziges Wort. Aber dieses Wortes wegen wird er gerügt. Hätte er eine Riesenaktion mit Bratwurst, Hüpfburg und Luftgewehrschießen mit anschließendem Fackelumzug veranstaltet, wäre er vielleicht sogar noch gelobt werden. Aber er sagt einfach nur ein paar Worte und der Geist der Schwachheit flieht aus der Frau – und sie richtet sich auf. Das kommt nicht gut an.

Das Weib, oder weniger antiquiert ausgedrückt, die Frau bedeutet in der Heiligen Schrift immer die Realität, die wirkliche Welt. Der Mann steht eher für das bisher noch Unwirkliche, was erst Gestalt gewinnen muss. Und es kann nur Gestalt werden, wenn er sich an eine Frau, an etwas Wirkliches, bindet. Theoretische Sachen werden oft personifiziert. Die Wirklichkeit der Welt ist eine Frau, die Möglichkeit des Geistes ein Mann. Die Macht ist ein König, und die Schönheit eine Blume usw. Das haben wir in der antiken Literatur oft und somit auch im Neuen Testament. Der Gott Jesus als Mann, hat mit der Wirklichkeit der Welt – der Frau – zu tun. Etwa die Frau am Brunnen, die blutflüssige Frau, die Syrophönizierin, die Schwiegermutter des Petrus, Maria Magdalena, die große Sünderin – und hier in dieser Geschichte eine verkrümmte Frau. Das Reich von Jesus gibt es „nur“ in dieser Welt des Irdischen. Wo denn sonst? Nieder mit dem Plato- und Neuplatonismus. Hier in unserer Welt verwirklicht es sich, das Reich der Himmel – nirgendwo anders. Es gibt abgelöst von dieser realen Welt keinen wirklichen Gott für uns. Überall, wo die Bibel vom Wirken Gottes schreibt, ist dieses Wirken an die Heilung der Erde gebunden. Erinnern wir uns: Mängel werden in Fülle verwandelt, kranke Menschen werden gesund – und zum Zeichen dessen richten sie sich auf, wie diese verkrümmte Frau, die nur noch nach unten blickte. Dort, wo die Toten sind.

Bei den Urnenbeisetzungen, das beobachte ich schon seit drei Jahrzehnten, starren die Leute immer bis zum Schluss in das finstere Loch, in das hinein die Bestatter (nicht selten leider auch mit albern wirkendem Pathos) die Urne setzen. Ja, – man muss einmal darüber reden, – diese Leute verneigen sich nicht vor dem Kreuz Christi auf dem Altar der Kirche, sondern vor einem unverrottbaren Aschetopf den sie vorher mit braunen Tüchlein schick gemacht haben – dadurch ziehen sie auch unsere Blicke in das Unten. Ein Mensch, der nach unten blickt, ist schon fast verkrümmt. Ein Christ und eine Christin gehen erhobenen Hauptes von Grabanlagen weg. Denn sie wollen doch glauben, dass Christus auferstanden ist. Wir richten uns gerade dort auf, wo wir am meisten gebeugt werden könnten. „Mensch, sei frei von Deiner Krankheit“ sagt Jesus. Wir folgen seinem Wort.
Freilich, manche richten sich nie mehr auf. Denen auch immer wieder das Wort Jesu zu sagen, auch wenn es aufdringlich wirkt, das ist unsere Aufgabe. Nach dem dritten Mal Erdwurf am Urnengrab sehen wir auf in den Himmel, wo unser Geist zu Hause ist und lösen unseren Blick von der Erde, aus der unser Leib und wahrscheinlich auch unsere Seele gemacht sind.
Anni sowieso, aber auch Inge, Christl und Britta, Marie, die andere Christl, Petra, Martina und Helge haben sich schließlich doch noch aufgerichtet. Die eine eher, die andere mit Hilfe ihrer Freundinnen später. Sie sehen nun wieder die Sonne im grünen Laub der blühenden Linde. Sie sehen das kleine silberne Flugzeug oben und hören es beruhigend brummen. Sie sehen den hüpfenden goldgrünen Pirol und die Wolke, die wie ein fliegender guter Drache aus dem Bilderbuch des Enkelkindes aussieht. Sie wissen, dass es freilich auch die Erde gibt, dort unten, wo die Toten sind. Sie wissen auch, dass der Weg meistens unten entlang führt. Aber sie wissen, dass der Sinn eher oben, bzw. mindestens in der Mitte zu finden sein wird. So haben sie sich langsam aufgerichtet.
„Der Geist der Schwachheit ist fort.“ Sagt Anni und lacht. „Wo ist der hin?“, fragt die Christl kritisch. Sie will es nämlich immer genau wissen. „Egal“ sagt Anni. „Bei mir ist er nicht. Sei vorsichtig Christl, nicht so viele unnützen Fragen. Das sind oft Schwachmacher! Kann sein, dass diejenigen, die immer nach dem Geist der Schwachheit fragen, leicht seine Beute werden!“

Ziffikatuta

Er beabsichtige, demnächst ein Dromolett zu schreiben. Und zwar so konzipiert, dass das Ganze nur für eine einzige Person geschrieben wäre, die vor völlig ausverkauftem Haus spielen muss, das ist Bedingung. Denn – das ist der Clou – irgendein reicher Russe aus Wladiwostok hat alle 3.500 Karten aufgekauft, erschien dann aber nicht. Trotzdem verlangt er unerbittlich per telefonischer Feldleitung, dass das Stück Ziffikatuta (so heißt das Stück) gespielt wird. Der Mime erscheint, – spielt, und … es ist fantastisch. Allerdings gibt es im Verborgenen dann doch so eine Art Zuhörer, den schwarzen Passagier in einer Kiste, die zur Requisite gehört und auf der Bühne abgestellt ist. Darauf sitzt der Mime hin und wieder. Diese Kiste, von Afrika über das weite Meer gekommen, ist im letzten Augenblick vor Vorstellungsbeginn auf die Bühne gebracht worden (sozusagen mit Prolog im Hafen/auf der Straße/auf der Bühne). In der Kiste bin oder ist „der jeweils Ich als schwarzer Passagier“. Natürlich in Wirklichkeit ein Weißer. Der hört nun alles mit an und denkt, dass das Haus voll ist. Am Höhepunkt der Handlung sprengt er den Deckel der Kiste, denn er will vom Ruhm etwas ab haben. Wer nicht! Wundert sich dann aber, dass gar keiner da ist, außer der bildschönen Darstellerin der Ziffikatuta. Hier ergeben sich nun viele Möglichkeiten. Erstens, der schwarze Passagier heiratet die Mimin, oder sie ihn. Oder sie ringen beide miteinander um die Bedeutung des Namens Ziffikatuta – und erdrosseln sich am Ende simultan, weil die Bedeutung des hochgeheimnisvollen Wortes nicht eruiert werden kann. Oder aber – sie stecken das Theater an bzw. planen die Brandstiftung. An genau dieser Stelle der fraglos (für uns) noch ganz offenen Handlung stürmen die 350 Statisten in das Theater, besetzen es und verkünden den geglückten Militärputsch im fernen Wladiwostok. Ziffikatuta und der fremde schwarze Passagier (tot oder lebendig?) beschließen, dass Theater nicht anzuzünden, denn das Stück soll nun vor den 350 Statisten erneut aufgeführt werden. An dieser Stelle endet das Stück.

Keiner der Zuschauer muss betrübt oder verwirrt nach Hause gehen, denn im Prinzip war ja eigentlich fast niemand wirklich da …

So etwa …

Metamorphosen

Wie nun aber Daphnia
dem lästigen Zugriff Apolls
nur deshalb entfliehen konnte,
weil da ein größerer Gott
die Nymphe in Halme von Schilf
verwandelt,

rettet den Größten der Götter
nur allesbergende Nichts
vor dem Zugriff der Menschen
und dummer Erkenntnis.

Sieh doch, am Saume des Seins
stehen die Toren.
Höre ihr Heulen:
„Wo, Wann und Warum!“

Reden, Reden, nichts als Reden – bis es klar ist


Heute am 30. Juli begeht die Kirche den Tag des Heiligen Chrysologos. Chrysologos heißt übersetzt Goldwort. Goldwort war bis 450 in Ravenna Bischof und einer der alten Kirchenlehrer. Und morgen, am 31.Juli, ist der Tag des Ignatius von Loyola. Der Mann kümmerte sich jenseits der Alpen in der Reformationszeit bis 1556 um die Erneuerung der Kirche. Die Jesuiten z.B., das ist wohl die intellektuelle Elite der Christenheit, gehen auf sein Konto, und einige spezielle Übungen verdanken wir ihm und seiner tiefen Kenntnis der menschlichen Seele und der Kunst, dieselbe zu bilden und zu lenken. Chrysologos und Ignatius sind nur zwei Lehrer der Kirche gewesen. Jeder von uns kennt auch noch andere. Martin Luther zum Beispiel, – um nur einen zu nennen. Auch er hat viel bewirkt. Frage: Wie geht das? Antwort: Immer wenn einer ehrlich versucht, das Steuer im guten Sinne herum zu reißen, kommt die Welt ein Stück voran auf dem richtigen Weg. Das Steuerrad der Kirchenlehrer (es gibt auch einige Lehrerinnen!) war und bleibt hauptsächlich das Wort. Das geschriebene, das gesprochene und das gebetete. In dieser Hinsicht sind die Kirchenlehrer immer dem Beispiel gefolgt, das Jesus Christus in der Bibel gegeben hat. Er redet, redet und redet – und es ändert sich doch etwas. Wir sollten nicht aufhören miteinander zu reden. Mit goldenen Worten, klugen Worten und wahren Worten. 

zum Israelsonntag 31.07.2016



Jakob kämpft mit dem Engel Gottes am Ufer des Jabbok (Gustave Doré, 1855)

ZUM ISRAELSONNTAG
Von der Sowjetunion lernen – heißt siegen lernen. War ein alter DDR-Witz … „Von Israel lernen – heißt siegen lernen“. Dieser Satz wird ebenfalls nicht unwidersprochen bleiben. Obwohl – das kleine Land schlägt sich viele Jahrzehnte lang inmitten der arabischen Welt eigentlich gar nicht so schlecht. Vielleicht tut es wieder einmal gut, in den Brunnen unserer Väterundmüttergeschichten zu steigen: Am Grenzfluss die Urauseinandersetzung Mensch gegen Übermensch. Ein rätselhafter Fremder ringt mit Jakob. Ist es Gott selbst, oder nur sein Engel? Jedenfalls kann der Gotteskämpfer das menschliche Geschöpf, das einst als freies Wesen erschaffen ward, im Zweikampf nicht überwinden. Während des Kampfes folgendes Zwiegespräch (Genesis 32,26ff):

Er sprach: „Laß mich gehen, denn die Morgenröte bricht an.“ Aber er: „Ich lasse dich nicht, bevor du mich nicht gesegnet hast.“ Wieder er: „Wie heißt du?“ Er: „Jakob.“ Wieder er: „Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott wie mit Menschen gekämpft und hast es ausgehalten.“ Jetzt fragt Jakob ihn: „Sage mir noch, wie heißt denn du?“ Der: „Was fragst du, wie ich heiße?“ Und segnete ihn daselbst. 

Israel, der neue Name, hat viele Übertragungen aushalten müssen. Bibel als auch Historie legen jedoch nahe, dass der neue Name  am treffendsten übersetzt wird mit: „Der mit Gott gekämpft und das ausgehalten hat!“ Israel (ähnlich wie Hiob) ist das Alleinstellungsmerkmal aller gegen Gott um Gott mit Gott ringenden Leute. Menschen, die an Gott fast verzweifelt sind, kelterten aus dem verworrenen Wust orientalischer Gottesvorstellungen den kristallenen Begriff des Seins an sich. Das hält bisher auch kritischsten Fragen stand. Jesus vertraut diesem Wort sein Leben an. Ein Name, von und vor dem Christen singen, und der bis heute Grundlage alles qualifizierten Redens über Gott geblieben ist. Nicht „Gott ist groß“. Nicht „deus vult“ oder „Gott mit uns!“ Auch nicht arabische Varianten des militärischen Urschreis, der sich als rote Audiospur durch die Religionsgeschichte zieht. Israel heißt etwas anderes. An der Grenze des Denkbaren wird mit dem Geheimnis des Seins fragend gerungen. Und zwar solange, bis sich die Frage ohne Antwort in Segen verwandelt. „Wie ist dein Name?“ Mit dieser Frage kommt der Segen. Die immer schon genau wissen, was Gott ist, werden leicht selber zum Fluch. Sich und anderen. Von Israel siegen lernen, heißt fragend bleiben können.

Ferdinand erzählt …

Das Volk der Ameisen war ein starkes Volk. Nur – dass sie sich nicht vertragen wollten. Die Roten gegen die Schwarzen. Und die Schwarzen gegen die Roten. Sie bissen einander die Köpfe ab, denn das hielten sie für die wirksamste Methode, um die Anzahl der jeweils anderen zu dezimieren. Es stellte sich bald heraus, dass die schwarzen Ameisen die Oberhand über die roten erlangen würden. Ihr Sieg deutete sich an – und trat ein. Die roten Ameisen flohen aus dem Wald, aus der Wüste, aus den Wiesen – in hellen Scharen und großen Haufen. Doch wohin?

Die gutmütigen und fleißigen Bienen hörten von dem Streit der Ameisen. Seit Jahrhunderten wussten die klugen Honigsammlerinnen von dem fernen irgendwie ja wohl doch mit ihnen fast verwandten Stamm. „Die Ameisen gehören zwar nicht zum Volk der Bienen, – aber sind es nicht auch Insekten wie wir?“ Raunten die Drohnen … Es gab unter den Bienen eine große Diskussion darüber, ob man helfen sollte, oder ob nicht. Die Fraktion derer, die dafür plädierten, jede(r) solle auch mal König(in) sein dürfen, votierte für die Aufnahme der Geflohenen im Stock. Die anderen sagten: „Lieber nicht!“ Aber dann waren sie schon da – und naschten am Honig. Und hatten die Ameisensäure mit dabei. Eine ganze Menge. Unter ihrer Zahl verbargen sich aber leider auch einige rote Ameisen, die nur äußerlich diese Farbe aufgelegt hatten, innerlich aber waren sie schwärzer als die finsterste Hölle. Diese nun hassten nicht nur die roten Verwandten, sondern auch die hilfsbereiten Bienen, die ihre Stöcke und Waben den Geflohenen zur Verfügung gestellt hatten. 

So kam es wie es kommen musste. Eines Tages spritzten sie ihre Säure, schwarze ätzende Ameisensäure (CH2O2) auf die Bienen. Die edlen Bienen hielten das schon mal aus … Aber es machte ihnen keine Freude mehr. „Blöde Ameisen“ dachten sie. Diejenigen Bienen, die dafür plädiert hatten, jede(r) dürfe auch mal König(in) sein, beruhigten die skeptischen Fragensteller. „Das müsst ihr verstehen mit der Säure. Zuviel hat sich angesammelt. Sie müssen das abspritzen. Da ist nicht so gemeint.“

Eines Tages aber fing eine der Wächterbienen an zu bemerken, wie die roten Ameisen sich heimlich zu unterreden begannen. Hier ein Grüppchen von 5, dort eins von 10, bald waren es 100 und noch mehr. Sie hielten Konventikel ab, tagten in kleinen Versammlungen, begannen mitten in den Wabenstock Sand und Dreck einzutragen und verfertigten daselbst eine Art Mini-Ameisenburg, – dort sangen sie ihre seltsam zwitschernden Lieder und erzählten sich auch wieder die alten heiligen Geschichten vom Kopfabbeißen. Ihre Lehrer? Ihr könnt es euch denken, – die verkleideten schwarzen Ameisen. Da ging die aufmerksame Wächterameise sofort zur Königin, aber die war mit der Eiablage beschäftigt. Niemand hörte die Warnungen, denn es war Honigzeit.

Eines Tages stand das Heer der schwarzen Ameisen vor dem Bienenstock und begann sich heraufzuschwingen, es waren viele, aber die Bienen kämpften wacker gegen die Kopfabbeißler. „Kommt uns zu Hilfe“ riefen sie den roten Ameisen zu. „Wir haben euch aufgenommen, als ihr Schutz begehrtet bei uns. Nun helft uns, eure Feinde, die Schwarzen zu vertreiben.“ Aber die Roten hatten Angst vor den Schwarzen und redeten sich heraus: „Das sind doch unsere Brüder und Schwestern.“

Tja – im Dampf der sich vereinigenden schwarzen und roten Ameisensäure starben die freundlichen Bienen mitten im eigenen Honigstock. Keine einzige entkam. Nur ich, Ferdinand Ameise. Ich habe euch diese Geschichte erzählt. Denn ich liebte die Bienen, ihren Honig und das sanfte Brummen ihrer Lieder. Ich wäre selber immer gern eine Biene gewesen. Doch ich gehöre zu dem Volk der Kopfabbeißler. Die Ameisen? Sie sind weiter gezogen. Honig sammeln können sie immer noch nicht. Aber sie bespritzen sich nach wie vor mit Säure und reißen einander die Köpfe ab. Darin sind sie übrigens den Gottesanbeterinnen verwandt …