Christus bei den Planeten

Das Leipziger „Museum für bildende Künste“ hat in mehreren Jahren und mit viel Geld Max Klingers Gemälde „Christus im Olymp“ restauriert. Seit einiger Zeit kann man nun endlich wieder betrachten, wie der mit einem goldenen Gewand bekleidete Christus den Olymp (Wohnsitz der alten Götter) besucht. Vier bekleidete schön und ernst blickende Frauen (die Kardinaltugenden) tragen ihm das Kreuz nach – das Kreuz als Zeichen eines durch Schicksal bezwungenen Leidens. Die Furien fliehen, die antiken Göttinnen Athene, Artemis und Aphrodite gehen nackt in den Hintergrund. Zeus (der Göttervater) scheint in den steinernen Thron zurückweichen zu wollen. Die ganze Gesellschaft scheint nicht wirklich erfreut zu sein – über den bekleideten Gast.

Nur eine einzige Gestalt scheint von der Gegenwart Christi zu profitieren: Psyche, die nackte Seele. Klinger hat sie so gemalt, wie es ihr oft ums Herz ist. Sie wirft sich nieder und fleht um Befreiung von der verfluchten Bindung. Eros alias Cupido alias Amor, dem sie ihr Leben weihen mußte. Ein blaues Band (wunderschön von Klinger in der Farbe getroffen) verbindet nicht nur, sondern fesselt die Seele an ihn – „Befreie mich“!

Christus kommt also zu den Göttern und befreit dort die Seele von ihren göttlichen Fesseln. Spätestens seit diesem Monumentalgemälde, dass als Dauerleihgabe aus dem katholischen Wien bei uns im sächsischen Leipzig zu sehen ist, hat sich die törichte Rede von den „religiös gebundenen Christen“ als Gedankenlosigkeit überlebt. Da ist ja niemand gebunden. Im Gegenteil: Die Gegenwart Christi befreit von Fesseln – besonders von den religiösen.

Ein anderes großartiges Bild ist, wie nun auch der Olymp seinerseits zu Christus kam. Und zwar in den Stall seiner Geburt. Von den alten Planetengöttern geleitet, die auf Klingers Altargemälde zu sehen sind, kommen mehrere astrologisch ambitionierte „Könige“ aus dem Kompetenzzentrum der Sternenmagie zu dem Jesusknaben. Und so kommen auch sie mit ihrer Seele von allen alten Bindungen los. Sie lassen Gold, Weihrauch und Myrrhe zurück. Die drei Weisen neigen sich vor dem nackten Gotteskind. Die beiden Szenen korrespondieren miteinander. Die Götter im Stall / Christus im Olymp.

„Ihr habt mich damals doch besuchen lassen, als ich geboren ward! Nun komme ich selber zu euch, da ich erwachsen bin, euch zu erlösen – wenn ihr es wollt!“ Es ist sehr anrührend, wie die alte Welt des suchenden Heidentums von Christus gefunden und dadurch gewürdigt wird. Und wie die greisen magischen Könige im Stall einer jüdischen Herberge ihre imaginäre Welt des Schönen wirklich realisiert finden – und den Schein stehen lassen. Ganz ohne Zwang, nicht durch einen Tag des Zorns, nicht durch List. Der Anblick des nackten Lebens bedeutet ihnen mehr als Macht (Gold), Priesterlichkeit (Weihrauch) und Heilkunst (Myrrhe). Sie werden von den Begierden nach großer Bedeutung frei. Ihre Seele löst die blaue Fessel. Und sie kehren nach dem Besuch anders wieder zurück. Das ist das Thema der Epiphanias-Zeit. Das Göttliche erscheint – und befreit von falschen Bindungen an Fesseln. Und es führt in die Passionen. 

Brief des Hirschen an die Menschen betreffs Luthers

Der Kranich zieht sich bald zurück.
Was er gesagt, hat uns beglückt.
Luther zu tadeln, zugleich zu loben,
das können nur die, die wirklich oben.
Und niederschauen auf unser Leben.
Verächtlich nicht, doch segnend eben.
Der Kranich geht – doch seht –
dort bricht der Hirsch schon stolz
durchs Unterholz.

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DER BRIEF DES HIRSCHEN

Friedrich der Weise, Kurfürst zur Zeit Luthers, lud eines Tages angesichts des für die Fürsten gut gelaufenen Reichstags den Reformator Martin überschwänglich zur Hirschjagd ein. Das war eine große Ehrenbezeugung dem entsprungenen Mönch gegenüber, der zwar einen akademischen Titel erworben, aber mit der Klosterverleugnung ja trotzdem seine Standesehre verraten hatte. So etwas tut man nicht – bei uns Hirschen wäre das absolut unmöglich. Ich will Euch, Ihr Menschen, einmal diese Geschichte zum Besten geben.

Luther schlug seinem Fürsten das generöse Jagdangebot nämlich aus. Und deshalb ist der Reformator über alle fern liegenden Zeiten hinweg mein Freund. Die Story (sie soll gleich erzählt werden) hat sich bei uns Hirschen im Gedächtnis gehalten und spricht sich jedes Jahr erneut herum, wenn die Büchsen der Jäger im Wald knallen und das lästig atonale Halali zusammen mit dem Hundegekläff landauf landab zu unserem größten Verdruss erklingt. Wir gucken dann sehr aufmerksam, ob der Luther dieses Mal etwa mit dabei ist? Und er ist wirklich immer nicht dabei!
Das rechnen wir ihm hoch an. Weil, – er lässt uns edlen Tieren gegenüber Gnade walten. Die meisten Jäger haben ja von Hubertus keine Ahnung mehr, seit die Protestanten damals, es war dies bereits im Jahre 1522, alle Heiligen in den Kot der Gassen gestoßen haben.

Von diesen Ereignissen aus führt eine elende Schleifspur bis hin zur jagdbesessenen Kommunistenbande um Ulbricht und Honecker, welche in der Schorfheide den armen Tieren nachgesetzt und uns mit Kalaschnikows zu Scharen abgeknallt haben. Wir Hirsche aber sind doch heilig – bevor die Christen sich in unseren Gegenden breitgemacht haben, indem Bonifatius rücksichtslos die Eichen fällte, waren wir die Totemtiere des Cernunnos, des Geweihgottes überall im Keltenland.
Luther wusste das übrigens auch. Und zwar eine der Hexen, die er dann aus mir unverständlichen Gründen mit hat verbrennen geheißen, erzählte ihm von diesen und solchen Zusammenhängen einiges. Sie hat ihn also unvorsichtig in´s Vertrauen gezogen – das ist ihr dann schlecht bekommen. Das aber nur nebenbei. Er ließ die Hexe brennen, aber jagte uns dann, dem Rat der Abgetanen entsprechend, doch nicht nach. So widersprüchlich sind diese Menschen. Jetzt aber, die Krähe hat es uns verraten, folgendermaßen vollzog sich der Dialog Friedrichs des Weisen mit Luther dem Reformator oben im Wittenberger Schloss:

F.d.W.: Luther, wir haben ihn herkommen lassen, um ihm eine Offerte zu machen. Er gehe mit uns auf die Jagd nach Hirschen im Kropstädter Forst.

Luther: Zu gnädig, gütige Majestät.

F.d.W.: Was redet er da. Gnade schenkt allein Gott der Herr. Hat er davon nicht selber genug geschrieben?

Luther: Mit Gottes Hülf und Beistand, gewiss. Aber ist doch der Fürsten Werk und Arbeit nur Abbildnis des göttlichen Handelns allhier auf Erden.

F.d.W.: Hör er auf uns zu belehren. Von den zwei Reichen wissen wir mehr, als Er sich vorstellen kann.

Luther: Mein Fürst, nicht wollte ich im Geringsten …

F.d.W.: Also morgen früh an der Fronleichnamskapelle. Bring er seine Donnerflinte mit und ein Quantum Pulvers, damit wir es recht krachen lassen können. Und lass er uns nicht warten. Die laudes muss er wohl drangeben, wenn er jagen will. Beten kann er dann mit uns im Forst.

Luther: Aber ich will ja gar nicht jagen …

F.d.W.: Was will er nicht? Er wagt es, meinem fürstlichen Wunsch abzustehen? Luther … gedenkt, wie wir Euch auf der Wartburg verbargen und Eure Mönchshaut retteten. Die von den Askaniern sind auch da und wir wollen Ihnen meinen Ketzer vorführen. So haben wir es verlautbaren lassen. Luther, er muss mit.

Luther: Habe so arge Leibschmerzen, habe auch die Kollitis und Diarröh noch dazu. Kopfschmerz und Gicht, das Wetter itzt im November macht mir arg zu schaffen. Ich bitte Euch, gnädigster Fürst, lasset mich in Frieden mit der Jagd.

F.d.W.: Sei er ein Kerl, ich will ihn doch persönlich den Askaniern einmal vorstellen können. Wie steh ich sonst da? Luther, mach er mir ja keinen Ärger.

Luther: Wir Geistlichen sollen nichts töten, was herumspringt.

F.d.W.: Aber wohl fressen sollt ihr es, ja?

Luther: Wenn fürstliche Gnaden es uns erlauben, dann ist es wohl …

F.d.W.: Papperlapapp. Luther, er enttäuscht uns. Soviel Verdienst hat er noch nicht angehäuft bei uns, dass er leichtsinnig fürstliche Jagdofferten ausschlagen könnte.

Luther: Ihr ängstigt Euren Diener sehr …

F.d.W.: Zu Recht, zu Recht, Luther. Gehe er uns für heute aus den Augen. Und schaffe er wenigstens eine Epistel für die Jagd, die dann mein Stalljunge vorlesen wird. Draußen, wo die Büchse knallt. Schreib er aber ja leserlich! Und nun – weg!

Luther: Ein armer kranker Mann verneigt sich! Mit Dank.

F.d.W.: Ach was … Fort, aus den Augen gehe er uns!

Solches also schwätzten uns die Krähen im Kropstädter Forst zu. Es war so – der Luther hatte keine Lust, auf die Jagd zu gehen. Das ist der Beweis dafür, dass Luther uns nicht schadete. Die Predigt, die er geschrieben hat, wurde übrigens nicht verlesen. Sie handelte nämlich von Aktaion und Diana. Und diese sattsam bekannte Geschichte, die für den Jäger Aktaion enorm tödlich endet, hat Luther auf den Heiligen Hubertus und in Folge auf den Kurfürsten selber gemünzt. Luther kann froh sein, dass der Stalljunge nicht hat vorlesen dürfen, denn der Truchsess und der Seneschall wollten den Text vorher schon mal vorsichtshalber in Augenschein genommen haben. Als das geschehen, warfen sie die Epistel ganz schnell weg. Wir aber haben die Zettel neben einem Ameisenhaufen gefunden. Dann mit Hilfe des Cernunnos entziffert. Einmal jedoch, bei passender Gelegenheit, werden wir alles offenbaren. Heute nur diesen ersten Teil …

Brief des Kranichs an die Menschen betreffs Luthers

Der Mensch ist wohl dem Affen ähnlich.
Man weiß nicht recht, was das bedeuten könnte.
Ist denn der Affe auch dem Menschen ähnlich?
Man hält sich bedeckt,
und lächelt verschämt.
Der Affe schrieb gar nicht selber?
Woher hat er den Sekretär?
Was für ein Rätsel,
der Halbmensch
dingt einen Göttervogel.
Der Kranich dient dem Affen?
So viele Fragen …

 

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DER BRIEF DES KRANICHS

Nicht leicht ist´s, wenn der Sekretär mehr weiß als der, dem er die Briefe schreiben muss. Jedoch, ich hab Erbarmen mit dem Affen. Er bat mich fromm, den Brief für ihn zu schreiben, weil er sich seiner vielen Fehler schämt. Und, da für Menschen ich die größten Sympathien hege, und diese Affen denen gleichen, die sie in Käfigen gefangen halten; und ihrer, vor dem Gitter stehend, lachend spotten, tat ich dem Bruder den Gefallen und schrieb schnell auf, was er zu sagen dachte. Der Affe ist ein armer Kerl. Verunsichert und heimatlos im Chor der Tiere. Er ist nicht Mensch, er ist nicht Tier, er ist nicht Teufel, ist nicht Engel – und er ist kein Gott. Er ist ein Affe. Wie staunt er über jenes Buch, das Buchbuch, wie er´s nennt. Er neidet Luthern dieses Exemplar und weiß gar nicht, dass Bücher nur Erfindung sind. Was drinnen steht, ist ausgedacht. Man sagt, es sei geoffenbart … Je toller diese Worte sind, je toller die, die sie gebrauchen. Ein Affe freilich merkt das nicht. Er ist wie Adam, der den Apfel griff, noch halb im Schlaf, aus Evas Hand – da war das Paradies verloren, weil einer nicht bei Sinnen war. Nun gut – ich will nicht weiter drüber reden. Der Affe weiß nicht, dass ich dieses niederschreibe. Er denkt, ich schriebe das, was er erzählt. Doch was er sagt, lässt sich nicht niederschreiben … Faselzeug.

Und Luther war nicht echt der Klügste von den Männern, die einst die Reformation anzettelten. Wer seine Schriften liest, merkt mit Verstand hat vieles, was er sagt, nicht immer viel zu tun. Der Luther war ein Vater allen Mittelmäßigen. Sein Geist flog nicht hinaus zu Gipfeln, doch blieb den Niederungen gern verhaftet, wo solche zwinkern, welche ehrlich sich bekennen zu der Drei und Vier, wie in der Schule sie als Noten unser Lehrer schrieb, wenn Schüler stottern und am Grün der Tafel nichts zu schreiben wussten. Dieser Charakterzug der Mittelmäßigkeit macht ihm jedoch gar nicht zu schaffen. Er ist noch stolz darauf und schmäht die Klugen, die Genies und von den Göttern hoch Beschenkten gern. Mit seiner kleinen Kraft versucht er seine Angst zu bändigen. Das schafft er auch vorübergehend. Er glaubt an Christus, und dann wieder nicht. Er geißelt sich und liest die Bibel durch. So viele Male! Latein kann er – doch mäßig nur. Das, was er schreibt in der Gelehrtensprache, hat keine rechte Art, lässt Stil vermissen. Doch Deutsch beherrscht er. Grob kommt´s zwar daher; er findet plumpe Worte, die doch das Ewige recht gut beschreiben … Es fliegen aller Frommen Herzen Luthern zu. Sie folgen ihm, sie glauben ihm, und heben auf den Schild den Kerl, obwohl er wiegt, was Kraniche nicht tragen können. Der Affe und der Doktor Luther nun, das könnten gute Freunde sein. Nicht so wie Kain und Abel und nicht wie Isaak und der Rebecka Söhne, ihr kennt die beiden? – nein, nein, nein. Wie Jonathan und David sind sie wohl, das will ich eher meinen. Man muss sie lieben, muss sie besser auch versteh´n, als sie sich selbst verstanden haben. Versucht man das, dann kommt ein tiefer Sinn zuhanden. Die Leistung dieses Martin Luther ist, er hat versucht zu werden Christ. Er hat des Papstes Wirbel abgetan, und wollte nie den Ruhm und Pfründe haben, er hat versucht, sich selber tief ins Herz zu schauen, und hat dadurch dem Nagel auf den Kopf getroffen. Wer Luther liest, macht keinen Fehler. Es ist, als ob man einen Lehrer hat, der immer nur um diesen einen Tag, der heute grade geht, voraus ist. Ja, – morgen schon wird man dann selber auch so klug sein wie der Meister. Er aber ist nun wieder einen Tag vorangeschritten dort draußen auf dem Pfad der Geister. Auf diese Art sieht man die Fehler alle wohl und tappt nicht selber in die Fallen, die er betrat. Das ist doch wirklich eine Gnade, liebes Schaf, dass einer vor Dir läuft, und ich mir dadurch weniger nur schade. Schön finde ich auch noch, das Luther einmal über uns, die Kranichvögel schrieb. Er meint, wir wären Hoffnungszeichen. Und kündeten den Frühling an, wir wüssten unsern Weg genau. Wir tanzten einen Tanz, der unsern Schöpfer lobt, und kündeten vom alten Zaubergarten Gottes, dort hinter jenen blauen Bergen, wo noch der Engel steht. Wo noch die Schlange lebt, eh´ sie gefehlt. Er dichtet Lieder hin und wieder, er bricht den Zaun des Zölibats. Er ißt und trinkt von früh bis spat – und, wenn man ehrlich ist, erlabt ein Christ sich gern an solchen Liedern, sowohl an frohen als auch Trauermelodien hienieden. Ich, Kranich, auch. Rück ich Euch fern in´s Land der Pyramiden, dann singe ich des Luthers Lieder gern. Und finde darin meines Vogelfriedens goldnen Stern.