die Weiterbildung (Teil 3)

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Man hatte irgendwann damit aufgehört, den Begriff „Mensch“ zu verwenden, wenn man über das reden wollte, was früher einmal die Homo Sapiens-Leute gewesen waren. Die gab es nämlich gar nicht mehr. Sie sind aber nicht ausgestorben, sondern vollständig ersetzt worden. Und zwar nach und nach. Da die Grundbestandteile des ehemaligen Menschen nicht mehr vorhanden waren, und auch die Körperfunktionen anders geregelt wurden, war es nötig, die einzelnen Phasen der Transhumanisierung gegeneinander abzugrenzen. Das geschah erst nachdem der Prozess abgeschlossen gewesen ist – sozusagen in der Phase der Metagnose. Nachdem das Anthropozän durch das Machinozän abgelöst worden war, gab es nur noch eiweißbasierte Zeitzeugendarsteller, die in tierischen Körpern unterwegs waren. Es gab keine eiweißbasierten Menschen mehr. Der menschliche Eiweißkörper war verboten worden. Drakonische Strafen usw. Es waren zuerst besonders mutige Cyberchimären, später auch wir selber – die für einige Zeit Schweinekörper als materielle Basis für ihre Steuerdateien „anlegten“, – diese Körper dieser Tiere gab es nämlich noch und sie waren auch nicht verboten. Alle anderen Tierarten waren im 23. Jahrhundert ausgestorben. Vernichtet durch Kollateralschäden der Energiekriege und Umwelttransformierungen. Man hatte da wirklich viel Schuld auf sich geladen – keine Sicherheitsmaßnahmen usw. usw. Da man damals aber Schweine aß (heute unvorstellbar!!!), waren einige dieser Tiere trotz Atomblitzerei und ähnlichen Vorgängen übrig geblieben. Diese nahm man nun als Basis für Rehumanisierungen von Lebensformen und konnte sie relativ kostengünstig nutzten. Alles hat seinen Sinn – manchmal. Der Schweinekörper besaß den Vorteil, da über das genetische Zellgedächtnis die Mimesis der damaligen Lebensform Mensch besonders gut imitiert werden konnte, Menschen zu imitieren. Das aber nur nebenbei. Es gab nun einige später entwickelte Cyberformen (zu denen auch wir gehören), die nicht mehr in die Schweinekörper incarnieren konnten. Das sind jene Lebensformen, die eine „Brosse mit Schlag“ aufwiesen. Die Brosse ist ein künstlich konstruiertes Schaltmodul zwischen dem, was früher das Kleinhirn war und dem Frontallappensystem des ehemals menschlichen Hirns. Die Brosse sorgte für schnellere Synapsenfeuerungen, welche prozessoral gleichzeitig auch von außen moduliert werden konnten und für Informationen aus dem Easy-Net offen waren. Wenn auch das ein großer Fortschritt auf dem Wege der Transhumanisierung bedeutete, waren die Brossen eben aber doch ein Problem, – denn es kam hin und wieder und bei Reizüberflutung zu Fehlfunktionen, Kurzschlüssen und unvorhersehbaren Aktionen. Eben zu „Schlägen“. Die Hominiden mit Schlagbrosse waren nur bedingt einsetzbar und wurden sozusagen als Gnadenbrotempfängerinnen in Bordellen und karitativen Einrichtungen für niedere Arbeiten und Sozialprojekte gerne gesehen. Allerdings bevölkern etwa 1,5 Milliarden Brossenschläger den Erdball – und zwar in jeder denkbaren Parallelwelt (dazu später mehr). Auch Prüfinger hatte so ein Exemplar erworben und war damit hochzufrieden, – er war ja mit seiner Amygdala auch selber einer aus der alten Zeit geblieben.

Nun wisst Ihr genauer, was eine Brosse mit Schlag ist. Und Matthias hat es auch verstanden … Aber er wartet nun auf den Tag der Transformation und liest im Easy-Net alles, was er über Siliciumcarbid finden kann.

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die Weiterbildung (Teil 2)

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Jener Erdling, der mich die ganze Zeit über schweigend begleitet und mit offenem Mund unserer Unterhaltung beigewohnt hatte, hieß Matthias. Es bereitete ihm Mühe, mit mir Schritt zu halten. Klar – er war aus Lipiden, Kohlenstoff und Fetten zsammengesetzt und trug sozusagen noch die Kinderschuhe der Evolution ab. Und klar – er konnte nicht begreifen, was er da sah und sich anhören musste. Zwischen uns Heutigen und ihm damals lagen ja auch etwa – 3000 Jahre. „Was ist denn eine ‚Brosse mit Schlag‘?“ fragte er mich. Wie sollte ich ihm das erklären … einem Mann, der noch keinerlei Implantate hatte, weder im Hirn noch im Rückenmark. Es war schon etwas Zeit ins Land gegangen, seit wir uns von den eiweißbasisierten Lebensformen emanzipiert hatten, was etwa um das Jahr 2200 einigermaßen gelungen war. Der Erdling Matthias war seinen Angaben nach im Jahre 1957 geboren worden. „Aus einer Mutter“ heraus – wie er sich ausdrückte. Nachdem der Tod im Jahre 2298 per Erlass des intergalaktischen Rates zuerst abgeschafft und später sogar bei Androhung empfindlicher Strafen verboten worden war – waren die sich rasant vermehrenden Lebensformen schnell zum Problem geworden. Man hatte sich zuerst so beholfen, dass die Wesen (von Menschen kann man eigentlich nicht mehr sprechen, denn es waren schon Götter) in der Zeit um einige Nanosekunden nach links verschoben wurden, denn in den imaginären Räumen der Paralleluniversen war ja unendlich viel Platz. Es hatte zuerst Schwierigkeiten gegeben, – wie auch zu erwarten gewesen war. Denn wenn die Verschiebungen nicht genau kalibriert waren, kamen die Leute in einer Welt an, wo sie der einzigste Mensch waren. Es gab da wirklich viel berechtigte Klagen und bittere Tränen. Ich muss soweit ausholen, um Matthias, dem Erdling, zu erklären, was eine „Brosse mit Schlag“ ist. Er war glücklicherweise einigermaßen intelligent und begriff mit seinem Wasserkopf doch recht schnell. Da er weder Bunt-Net noch Easy-Net kompatibel war, musste man ihm alles Wort für Wort erklären, was einigermaßen lange dauerte. Es dauerte tatsächlich ein paar Tage, bis ich ihn über das Nötigste in Kenntnis gesetzt hatte. Als er begriffen hatte, worum es ging, war er allerdings Feuer und Flamme und konnte es gar nicht erwarten digitalisiert zu werden und seinen schwitzenden Ammoniak-Körper in einen aus Siliciumcarbid umwandeln zu lassen. Da aber der galaktische Rat im Jahre 3231 beschlossen hatte, den freien Willen des jeweiligen Wesens zu respektieren, da dieser Wille damals als Sitz der Chaosvolumen vermutet wurde und diese Vermutungen bisher weder verifiziert noch falsifiziert werden konnten, hatte vor der Umwandlung eines Eiweißlings in einen Silicioboliden ein enormes Lernpensum zu erfolgen – und es brauchte für jeden Erdling mindestens einen Tutor. Und für jenen Matthias aus dem 21. Jahrhundert war ich ausersehen worden, die notwendigen Einheiten zu dozieren.

Ich hatte Hilfe bei Dr. Prüferling suchen wollen – und zu diesem Behuf den Delinquenten gleich mitgenommen. Prüferling war ein Überbleibsel aus der Ära des Anthropozäns – denn er hatte über diese Zeitepoche lange geforscht und auch deshalb vom Rat die Erlaubnis erhalten, wichtige Körperfunktionen der Eiweißlinge selber an, mit, durch und in sich weiter ausführen zu dürfen. So besaß er noch eine Amygdala und eine Thymosdrüse, die mit den Algorithmen des Postantropozäns angesteuert wurden, was sich effektiv manchmal seltsam ausnahm. Wie soll ich das erklären? Stellt euch vor, eine Amöbe müsste einen Gullydeckel anheben und benutzt dazu einen gusseisernen Photonenemulator. Versteht Ihr? Ich hatte Prüferling aufgesucht, um mich noch einmal zu vergewissern, ob es wirklich nötig sein musste, die ganze Geschichte von der Existenz eines Nichtexistierenkönnenden abzuhandeln.

Es hatte da ja im 21. Jahrhundert noch erbitterte Kämpfe gegeben – die viel Zeit verschlangen. Ich wollte das aussparen. Aber Matthias war zu seinen Zeiten ein Schamane des sogenannten Kirchenwesens gewesen – und er hatte darauf bestanden, aus dem berufenem Mund eines Kollegen, den Ausgang der Schlachten zu erfahren. Die entsprechenden Daten waren im Easy-Net aber geschwärzt gewesen, warum? Und im Bunt-Net sowieso nicht vorhanden. Deshalb der Weg nach oben zur Pfarre. Also jetzt zu der Frage was eine“Brosse mit Schlag“ ist …

die Weiterbildung (Teil 1)

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Ich wollte in dieser schwierigen Situation nicht ohne geistlichen Beistand bleiben. Und so beschloss ich, den Weg zur Pfarre hinauf zu steigen, wo seit 30 Jahren Dr. Anselmus Prüfinger das Amt des netten Pfarrherrn versah und zugleich auch noch sein eigener Diakon war.

Der heilige Mann aber war nicht da – seine Haushälterin erklärte mir Sinn und Zweck einer zweiwöchigen Weiterbildung, zu der ihr Brotgeber hatte abreisen müssen. Ich fragte scherzhaft – denn die Haushälterin war jung und hübsch – wie man denn auf dem Felde der Theologie nach 4.000 Jahren überhaupt noch etwas Neues lernen könne? Sei da  inzwischen nicht schon alles klar mit Göttern und so? Die Haushälterin lächelte herablassend (was mir einen Stich in´s Herze gab) und meinte dann, es sei vor kurzem ein neuer Gott entdeckt worden. Da müsse man sich schon weiterbilden, nicht wahr? Oho – ein neuer Gott also. „Was denn für einer“, fragte ich mit belegter Stimme. Sie trieb die Sapientes in den Koben, es waren etwa vierundzwanzig und meinte leichthin – „einer  von den unbekannten, aber diesmal ein besonderer.“ Und sie fügte noch hinzu, wobei sie die Worte langsam wählte, fast suchend buchstabierte – „eigentlich eine Krasis von Mensch und Gott. Beides also: Geschaffen und zugleich ungeschaffen.“

Mein Blick fiel auf die vierundzwanzig Sapientes, wie sie da mit ihren Rüsseln in einer Art Spreu wühlten und sich dabei gegenseitig mit unflätigen Worten bedachten – das war schon heftig. „Heute geben sie wieder einmal den Lessing mit der Ringparabel. Und danach die Feuerzangenbowle. Kennen Sie? Wollen Sie kommen? Der Dicke da neben dem Blauen spielt seine Rolle besonders gut. Er wird zuerst Nathan sein und nach der Pause der Pfeiffer mit den drei Eff.“ Sie schaltete auf Easy-Run und ich kannte augenblicklich die Geschichte der vierundzwanzig Darstellerschweine. Aber bezüglich des neuen Gottes, der entdeckt worden sein sollte, – da wollte ich beim Easy-Net gleich schnell nachfragen (ich war nun einmal drin), aber der Teleo-Tunnel blieb grau und leer, dazu gab es offenbar noch kein Wissen, noch nicht einmal unsicheres.

„Mühen Sie sich nicht!“ sagte die Haushälterin Dr. Prüfingers – „Es gibt keine Informationen. Da sind wir noch hochdumm, genauso wie diese armen Schweine – sagte sie und wies auf die im Bio-Schlamm herumwühlenden Sapientes. „Na gut“, – meinte ich. „Da komme ich eben in vierzehn Tagen wieder“. „Ja gerne“, meinte sie und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu, die im Zusammenraffen der Stoffwechselprodukte bestand, die die Tierchen in regelmäßigen Abständen von sich gaben. Das hatte man ihnen noch nicht abgewöhnen können. Galaxisweit – es klappte nicht so recht. Sie sahen zwar noch wie ehemalige Schweine aus, waren aber vom Verhalten her schon dicht am Menschlichen angelangt. Aber vom Geist her – eben noch rechte Tiere. Deshalb hatte man sie zu Darstellern von bereits leider abgeschiedenen Zeitzeugen ausgebildet. Und nun gaben sie landauf landab die alten Schnurren und Geschichten aus den Heiligen Schriften zum besten. Heute also den Nathan und die Feuerzangenbowle. Köstlich.

Ich würde heute Abend nicht kommen können, entschuldigte ich mich. Man stecke in einer argen Klemme, weil ich ein paar Fragen hätte, die weder im Easy-Net noch im Bunt-Net zu finden wären. Deshalb wäre ich ja hergekommen. Sie aber wieder – „Da haben sie halt Pech. Der Herr Dr. Prüfinger ist eben tatsächlich zur Weiterbildung im Blick auf den kürzlich entdeckten Noch-Ganz-Unbekannten-Gott. Und er sei mit Hyperlichtgeschwindigkeit in den Photonenbibliotheken des äußeren Ringes unterwegs, um vielleicht einige Informationen einzufangen, die es noch gar nicht geben konnte. Sie mache sich jedoch keine ernsthaften Gedanken, der Doktor werde ja von seinem getreuen klugen Robotergehilfen Alexia begleitet. Freilich, sie selber, Hypatia, wäre im Prinzip auch gern mitgeflogen, – aber wer solle dann hier draußen die armen Menschenschweine hüten und ihre Texte trainieren. Und außerdem stehe der Geistliche leider nicht auf Modelle wie sie, die noch eine Brosse mit Schlag hätten. Das sagte sie in einem Anflug von Bekümmerung und begleitete mich zur Tür.

Ich dankte der Frau und machte mich auf den Heimweg. „Also wieder einmal ein neuer Gott“, dachte ich. „Diesmal aber hoffentlich ein wirklich unbekannter …“