Marias Faust

Einer der reformationstechnischen Kollateralschäden war, dass Maria den Protestanten irgendwie doch ziemlich verloren gegangen ist … Nach dem unnötigen Tod der Himmelskönigin in protestantischen Zirkeln, kamen nun verschiedene Stiefmütter zum Zug. Eine war die sogenannte Vernunft. Ein kaltes und herzloses Weib, das Kinder eigentlich nicht wirklich mag. Noch später wurde von ihr dann der Tod Gottes verkündet. Das ist alles lange her und trotzdem dumm gelaufen. Es gälte ernsthaft hinabzusteigen zu den tröstenden Müttern. Maria 2017. Wer nach dorthin hinabgestiegen ist, darf auch wieder aufsteigen. Morgen (wenn wir hingehen) hören wir in den Kirchen die Geschichte vom Engel Gottes, der zu Maria spricht. Hören davon, wie eine junge Frau englische Botschaft annimmt, wenn auch verwundert. Es ging darum, Mutter Gottes auf Erden zu werden. Maria muss immer das ganze Programm. Es geht um die Seele. In Goethes Faust z.B. geht es am Schluss darum, ob die Seele des suchenden Menschen verdammt oder gerettet wird. Mit List und Liebe wendet sich das Blatt zum Guten. Aber nur, weil Maria mitspielt. Goethe lässt dazu eine Figur erscheinen, die er Doctor Marianus nennt. Dessen Worte: „Hier ist die Aussicht frei, / Der Geist erhoben. / Dort ziehen Frau´n vorbei, / Schwebend nach oben; / Die Herrliche mitteninn´ / Im Sternenkranze, / Die Himmelskönigin, / Ich seh’s am Glanze. / … / Höchste Herrscherin der Welt! / Lasse mich im blauen, / Ausgespannten Himmelszelt / Dein Geheimnis schauen.“ Doctor Marianus, das war im Hochmittelalter ein universitär zu erfechtender Würdetitel, der verliehen wurde, wenn man einem großen  Gedanken folgen konnte. Dass nämlich Göttliches in vergänglich Zeitliches tätlich einziehen will. Und, dieses kommt noch hinzu, begrenztes Zeitliches das Ewige glaubend auch zu fassen und zu behalten vermag. Goethes Doctor Marianus wäre Fausts gerettete Seele, sagen die Germanisten. Ihm naht sich Maria als mater gloriosa auf der letzten Seite des großen Dramas. Sie raunt einer Büßerin leise nur zwei Zeilen zu: „Komm! hebe dich zu höhern Sphären! / Wenn er dich ahnet, folgt er nach.“ So hat Maria geholfen … Die Mariengeschichten erheben auch Ungläubige in unglaublicher Weise. Man muss das nicht immer alles verstehen – zumindest nicht nach den Gesetzen geistiger Stiefmütter. Man lasse sich helfen. Wie eine wirkliche Mutter uns gebar, zählte Maria einmal als wichtige geistliche Fürsprecherin, wenn es um die Aufgaben geht, die wir der Erde schuldig bleiben.

von der Abwesenheit des Himmels

Das ist mein Favorit. Der Verzückte. Er steht in einer Pfütze und sieht eben gerade den Himmel über sich aufgehen. Ein Hund, der seinem Herrn oft ja so ähnlich sieht, ist auch hier wieder mit dabei. Aber – über dem Verzückten ist gar kein Himmel zu sehen, sondern nur das Blechdach des Asisipanoramabauwerks.

Wer kennt es schon? Das in Vorbereitung auf 2017 in die Mitte Wittenbergs hingesetzte Derivat des Bad Frankenhausener Elefantenklos? Dort spielt der Bauernkrieg, – hier läuft Tag und Nacht die Endlosschleife vom „wirklichen“ Leben in Luthers Stadt. Pferdegetrappel, Glockengedröhn und weihnachtszeitliche Gesangsfetzen von zehn bis achtzehn Uhr. Das Ganze ist so eine Art virtueller Mittelaltermarkt. Für das leibliche Wohl ist nicht gesorgt; es gibt dafür aber was zu sehen und akustisch zu ertragen. Wie gesagt, von den an die Wandtapeten gemalten tausend Gestalten ist der Verzückte absoluter Favorit. Warum? An diesem Manne wird deutlich, was die Welt ist, bzw. was wir für „Welt“ halten, und wozu  die Welt zu werden droht, wenn uns einer ihre Deutung geschickt unterschiebt. Wie rettet man sich vor Weltanschauungen? Augen zu und – „Ich bin hindurch!“

Inmitten einer relativ unbedeutenden Stadt am Elbestrom ward also aus viel Blech dieser  fensterlose Raum errichtet, unterrichtete Zungen nennen ihn schonmal den „Wittenberger Petersdom“. Da drinnen hängen von oben an bis unten  aus naturalistisch-historisierend bedruckte Stoffbahnen, die unter Einspielung von Audiotracks mal mehr, mal weniger beleuchtet werden. Es wird Abend und Morgen – noch so ein Tag. Das alles geschieht, um den Menschen zu erleichtern, sich zurückversetzt zu fühlen in die Adventures des 16. Jahrhunderts.

Das scheint auch zu klappen, denn jemand sagte ehrfürchtig, es sei ihm ein Schauer über den Rücken gelaufen, als die Sonne mit viel Gepolter aufging und das Tagwerk der wie eingefroren wirkenden Menschen von Geisterhand erneut sich zu regen anhob. So ähnlich stelle ich mir übrigens die Hölle vor. Jeden Tag das Gleiche – und siehe, es war gar nicht gut, weil nichts geschah. Das ganze Ding ist so angeordnet, dass es für die Betrachter kein Entrinnen gibt. Das Labyrinth ist abgedunkelt, man dreht für 11 Euro seine Kreise wie früher auf dem DDR-Schulhof, oder (wer diese Erfahrung hat?) wie im Knast. In der Mitte des Dings befindet sich ein stählerner Podest. Mutige nutzen ihn, um ein paar Meter höher zu steigen. In Richtung Blechdach, wo nichts zu sehen ist.

Denn, – und wie bezeichnend ist das,  dieses Deckeldach weist keinerlei Bemalung auf. Spätestens an dieser Stelle zeigt sich, wie nicht ausreichend durchdacht und deshalb wohl auch völlig unbefriedigend die Einrichtung des sonderbaren Wittenberger Raum-Täuschungs-Tempels ist. Der Bau wird sich fraglos refinanzieren, da bin ich mir ganz sicher. Genauso wie damals auch der Petersdom und heute Filme über Indiana-Jones.  Tetzel hätte seine helle Freude gehabt. Denn die Törichten zahlen immer. Aber – hat man vergessen, dass das sechzehnte Jahrhundert eine ausgeprägte Phantasie gerade darin besaß, sich den Himmel real vorzustellen, ihn zu beschreiben und mit den Mitteln der damaligen Wissenschaft genauestens zu kartieren und dogmatisch zu vermessen? Asisis mit Blech vernagelte Himmelssegmente sind allerdings völlig leer geblieben. Deshalb – eben doch kein Petersdom, sondern nur eine weitere horizontale Kulisse ohne Vertikalspannung im entchristlichen Osten Deutschlands. Man hätte, analog Dantes großem literarischen Epos, unter dem grünen Betonboden des Dings (der Betonfußboden ist sehr gelungen) eine Hölle mit mindestens neun Kreisen einrichten sollen. Und ich würde mich da unten persönlich als Führer anbieten, der den Leuten genauestens erklärt, wohin sie kommen, wenn sie die Welt falsch, nämlich ohne Himmel, beschreiben.

Dass hier in Wittenberg ohne Himmel beschrieben wird, drängst sich jedem spätestens nach der zweiten Runde über den Beton auf. Na ja, – das nehme ich zurück. Ein paar Kinder sind ja zu sehen … Und die sind wirklich schön. Sie wirken in dem Treiben der Un- und Glaubensmonster verloren oder wie Flüchtlinge, die sich sicher bald aufmachen werden, dem düsteren Bannkreis der Plakatstätte zu entfliehen. In irgendeine bessere Realität? Alles andere hier im Melanodrom bleibt Hölle – besonders die vielen tonsurtragenden Mönche als Abbild der säkularisierten Rentnerszene zu Wittenberg. Das hat der Schöpfer (man verzeihe mir den Gebrauch des Würdetitels an dieser Stelle) wirklich gut hingekriegt! Noch ein Detail: Die freundliche Frau im zweiten Stock sagt zur Nachtzeit irgendeinem Zölibater, welcher sich eben anschickt, sein Keuschheitsgelübte zu brechen: „Mein Freund, überlege dir das noch mal. Ich bin eigentlich nur für die da, die sich der Ewigkeit  haben nicht versprechen wollen!“ Worauf der Mönch seine Kutte und das Zingulum prompt wieder anlegt – und brav zurückkehrt zum nächtlichen Stundengebet. Oder habe ich da was falsch verstanden?

Ein grosser Karren voller Mist wird ewig (denn es sind stehende Bilder!) aus der Stadt hinaus gefahren. Für die bemalten Stoffbahnen aus dem Volks-Panoptikum ist auf dem Wagen allerdings kein Platz mehr … Also muss die Karre noch mal fahren. Spätestens um 2018. Wer schlug da eben vor, die Tapeten vorher zu zerschneiden und zu verkaufen? O weh – die entstehenden Schnipsel hängen dann sicher für weitere Jahre in irgendeiner Bar, einem Museum, oder der Wohnstube von Wittenbergerinnen und Wittenbergern. Oder in USA und Fernost. Je suis Tetzel, – das ist wahr.

Rettet mir, wenn die Schergen Asisis zur Schere greifen werden, den Verzückten. Ihr erkennt ihn ganz leicht:  Er steht in einer Pfütze und preist den Himmel. Obwohl der nicht zu sehen ist, denn Asisi hat den wirklichen Himmel vergessen – bei welcher Himmelsvorstellung des aufgeklärten Abendlandes hätte er auch Zuflucht nehmen sollen? Bei dem intelligiblen Himmel Stephen Hawkings, bei den Sphären von Kepler, oder vom alten Ptolemaios – Luthers Bibelhimmel oder Thomas Müntzers revolutionären – vielleicht auch den satirischen von Heinrich Heine? Oder doch wieder einen neuplatonischen Talibanhimmel? Mein Verzückter schließt vor alledem die Augen. Auch vor der irdischen Hölle Asisis und er breitet seine Arme aus – wie der Gekreuzigte. Dazu die Pfütze, welche geblieben ist – und die Pfützen spiegeln bekanntlich den Himmel.

So ist er also doch da, der Himmel. Unten – nicht oben. Wie gesagt, ich hätte noch ein paar Millionen mehr ausgegeben und diese monströse Geisterbahn fertig bauen lassen. Neun Kreise Unterwelt, Läuterungsberg und Empyreum. Ganz unten im ewigen Eis der Basis des Fundaments der Grundlage sitzen die, die das Ding zu verantworten haben. Und oben empfängt Mater Gloriosa solche, welche sich lösen konnten von einer Jubiläumswelt ohne Himmel. Gerichtet und gerettet! In der Mitte bleibt den Wittenbergern der Läuterungsberg. „Kürze unsre Wartezeit“ singen alle, die da büßend die schwarze Stahltreppe umkreisen. Das Fegefeuer brennt für sie geduldig und solange, bis der Letzte irgendwie begriffen hat, wie das Wittenberger Elefantenklo in fast Nichts mit dem zu tun hat, was Kirche und  Reformation bedeutet haben.

Es gibt übrigens Notausgänge aus dem Machwerk. Beachte die grünweißen Notausgangsschilder! Eine fliehende Gestalt stiehlt sich darauf beherzt davon. Beatrice und Vergil führen aus dem Neo-KTC hinaus ins Offene. Ich fürchte, ein Entrinnen gibt es für die meisten von uns aber erst nach dem unausweichlichen Jubiläum …

von Matthias Schollmeyer (Pfarrer in Zahna)

immer wieder das Buch

Preset Style = Lebhaft Format = 6

Im Traum erscheint es. Etwa seit drei Tagen.
Berührt mit Apfelblüten nachts mein Haupt.
Ich wache auf. Und es beginnt zu fragen,

was wohl der Mensch will, weiß und glaubt.
Vor diesen Fragen sinke auf die Kniee
ich,  sterbliches Geschöpf, tief in den Staub.

Und ruft ihm bang: „Was willst du von mir? Siehe,
dein Nahen trifft mich wie Erdbebenstoß.
Und macht, das ich in Ängsten vor mir fliehe.

Klein bleib ich Träumende vor dir und bloß.
Du wandelst mir in buntem Farbenbogen,
ich hocke hier. Als grauer Erdenkloß.“

Kaum noch gesagt, fühl´ ich empor gehoben
von fremder Hand mich rasch nach oben hin.
Geleitet durch die Luft in sanftem Bogen.

und schreie laut: „Ob ich ein Vogel bin?“
Tief schau´ ich dem, was fragt, ins Angesichte.
Da endlich zeigt sich Ursprung, Ziel und Sinn:

O Wesen, das uns wiegt. Aus reinem Lichte
komm, segne, rede, tröste, heile, richte.

Bald wieder stellte mich auf festen Boden
es und entdeckt, dass man am Himmelsort
einer der Engel wäre, welche droben

den Meister loben mit Gesang und Wort.
Und, da erneut ich mich zu neigen dachte,
zog er mich rascher Geste mit sich fort:

„Ich frage dich“, spricht er beim Geh´n und lachte,
„was dir, o Mensch, der Glaube gilt und wann
die Hoffnung endet, wenn die Welt zerkrachte.“

Ich schwieg und spürte seiner Frage Bann.
Indes wir wanderten ließ nach das Beben,
die Wirrnis ordnet sich und nah heran

rückt aus der Ferne uns ein buntes Leben,
viel Arbeitsleute, mitten steht der Turm.
Neugierig nahen wir dem bunten Streben,

auf braust das Werk wie ein Gewittersturm.
Fast wolkendicht schraubt sich die große Straße
bis in den Himmel sticht des Weges Wurm.

Ich führ, erschrocken wegen solcher Maße,
die Hand zum Mund, dass ich mich fasse …

„Groß ist das Werk, das diese dort verrichten.“
So sprach der Engel, rührend meine Hand.
„Zum Himmel strebt ihr Wollen und ihr Dichten.

Doch schenkte GOTT den Menschen Erdenland.
Sie aber, sich vom Festen loszureißen,
zerstören ihres Lebens Halteband.“

Wir rückten näher, wo Maschinen kreißen,
der Lärm schlägt schmerzhaft an das wache Ohr.
„Mit Wachs verschließe!“ tut mein Engel weisen,

und ich gehorche, denn er macht es vor.
So treten wir dicht an die Arbeitsbühnen,
wo Kräne schwerste Lasten zieh´n empor.

„Sie tun das alles, weil – sie wollen sühnen“,
bemerkt der Engel ernst in strengem Ton,
„Und schuften darum schlimmer als Maschinen!

Kennst du den Grund, o Menschin. Ist es Lohn?
Was treibt sie an zum eigenen Unglücke
Wenn du es weißt, sag bitte mehr davon …“

Ich sagte ihm, es klaffe eine Lücke
im Tiefengrund der menschlichen Geschicke.

Wir standen beide hart am Rand der Halde
wo sie die Steine brachen für ihr Werk.
Sie schlugen Bäume ab im heil´gen Walde

und schleppten fluchend alles auf den Berg.
Der Turm wuchs an bald über jeden Rahmen,
und wer es sah, der fühlte sich als Zwerg.

Jetzt, wie die Felsen bald zu Ende kamen
da formen sie sich Ziegel aus dem Lehm.
Und als die Mörtelgruben drauf erlahmen,

gilt ihnen schwarzer Asphalt als genehm.
So wächst empor die groß geplante Sache.
Aus weiter Ferne ist sie schon zu sehn.

Dass niemand über sie, die Menschen, lache,
ersannen sie sich einen hehren Plan:
Das Riesentum stell´n sie sich auf zur Wache,

und reimen Nam auf Nam im Gotteswahn.
Der Turm soll immerdar sie hoch erfreuen.
Ja, bis zum Himmel wollen sie heran.

Sie haben keine Angst. Vor nichts. Doch scheuen,
dass sie sich einst in alle Welt zerstreuen.

Der Engel rührt mit seinen Blätterzweigen
erst an die Ohren mir, dann an das Hirn.
Da wurde es, als ob wir beide steigen

bis an des Riesenbauwerks höchste Stirn.
Mein Führer rief: „Es wird sich schnell beweisen,
den Bauenden, warum sie sich verirr´n.“

Dort oben war der goldnen Sonnen Kreisen
und Monde geh´n auf ihrer Silberbahn.
Es war ein Kommen und ein Geh´n der Reisen

und, allem über, wir Betrachter sahn,
wie Gott, der HERR, in feinem Sitze thronte,
hinabschaut auf der Menschen Schaffenswahn,

doch sie und ihre Werke milde schonte.
Hört, wie er fragt, ob man hinunter steigt?
Zu schauen, ob der Turm zu etwas lohnte.

Die Engel zeigen sich dem Ruf geneigt,
man stürzt hinab wie tausendfache Bäche
und keiner ist, der da im Himmel bleibt.

So fuhr der HERR zur Erdenoberfläche,
dass er zu seinen Menschen freundlich spreche …

Wir zwei indes verweilen an der Spitze
des Babelturmes weiter unverwandt.
Und späh´n durch eine kleine Wolkenritze

zu staunen bis zum Grund am Wüstensand.
Sieh da, der Zwerge, kaum noch auszumachen,
Gestreite hören wir, das heiß entbrannt.

Der eine plant mit irrwitzigem Lachen,
ein anderer zerreißt mit Hass den Plan.
Hier drohen Lastenträger zu verschwachen,

gleich schlägt ein Dritter neue Pläne an.
Zwei sind im Streit, man sieht sie heftig hadern,
denn dieser misst, was jenem gilt als Wahn.

Mein Engel steht mit mir ob allen Quadern
und sagt: Dort in der Mitte, das ist Gott.
Schau, wie er redet zu den Steinbeladern,

die schwere Loren schieben stets im Trott.
Er zeigt ihnen die Zauberzahlenzeichen,
um zu befreien sie von Hüh und Hott.

Jedoch die greifen stärker in die Speichen,
als woll´n sie nie der bittern Fron entweichen.

Einst ward der HERR von uns, den Engeln allen,
noch vor dem ersten Schöpfungswort vermahnt.
Sein Menschenmachen wollt uns nicht gefallen.

Wir, seine Diener haben gleich geahnt:
Es wird nichts werden mit den Gotteskindern,
zwar gut gemeint, doch völlig falsch geplant.

Die Kraft der Freiheit muss es selbst verhindern,
dass er, der Mensch, das Glück des Seins genießt.
Er wird sich rechnen zu den schlimmsten Sündern,

wird wollen müssen, was ihn bald verdrießt.
Nun aber er, Gott, will uns das nicht glauben.
Wir flehten ihm, dass er es nicht beschließt!

Doch schon hinaus flog es wie weiße Tauben,
drei große Worte: „Fruchtbar! Mehret euch!“
Gott wollte ihnen „Gott zu sein“ erlauben.

Freundin, hörst du das laute Baugeräusch?
Sie wollen sich den Namen selber schaffen,
den er längst ihnen schenkte! Das enttäuscht.

Sie wurden albern und wie dumme Affen,
die sich im Spiegel täglich selbst begaffen …

Wir standen lange noch und hör´n von unten,
wie Gott im Turm die Menschentoren lehrt.
Dann aber ist er endlich doch verschwunden.

Und niemand mehr, der ihrem Wahnsinn wehrt.
Die frommen Zahlen eins bis sechs und sieben
ließ er in ihrer Hand. Jedoch verkehrt

stell´n sie sich an. Sie halten nicht. Sie lieben
das Werk, das niemals aufhört, nimmer hält.
Sie heben, tragen, senken, schaffen, schieben.

Darum zerfällt bei ihrem Tun die erste Welt.
Der Schöpfer kehrt zurück. In tiefer Trauer.
Setzt er sich auf den Thron, der Vorhang fällt.

Bald zwischen hier und dort wächst eine Mauer.
Die Wand, die Gott vor Menschen deckt und schützt,
und sein Geheimnis hütet auf die Dauer.

Der Turm blieb unvollendet und er nützt
den Suchenden als Mahnmal für ihr Fragen.
In seine Krone fiel der Zeichen Blitz.

Die Reste findest du nach oben ragen.
und von den Schöpfungszahlen Rätsel sagen …

Bald kehrte Ruhe ein im Himmelsaale
wir wandelten im Weltenraum umher
und ehrerbietig grüßten Geister alle

uns Wanderer bei jeder Wiederkehr.
Zur Rechten weideten vielzählig Schafe
auf grünen Auen ohne Sorgen mehr.

Zur Linken aber sah man schlimmste Strafe
verfolgt von Schlägen blökte mancher Bock,
denn böse Teufel hindern ihn am Schlafe

und wer wo lagern will, den scheucht der Stock.
Mein Engel lacht und sagt, das sei die Hölle.
Erschrocken greife ich nach seinem Rock.

„Ich glaubte“, sage ich für alle Fälle
„die Hölle gäbe es gar nicht als Ort.“
Er aber stockte gleich und auf der Stelle

und rügt mich nun für dieses dumme Wort:
„Freundin, dem Hölleschlunde abgerungen
ist alles, was wir sehen hier und dort.

Die Finsternisse hat wohl Gott bezwungen,
den Drachen aber in das Nichts bedungen!“

Ich hörte zu, was mir der Engel sagte.
Doch wollt ich wissen, wie das Weltall steht,
„Berichte doch“, bat ich den, der mich fragte,

„wie Gottes große Schöpfung weitergeht.“
„Am Anfang“, wies er mir, „schuf Gott die Namen,
mitsamt der Erde großem Blumenbeet.

Dort sollte wurzeln aus den Himmelssamen
Beständigkeit der Dinge – ewig fest.
Darüber schwebet Geist und sagt das ‚Amen‘,

im Urmeer ward dem Brütenden ein Nest.
Wie das vonstatten ging, soll ich berichten?
Wer es begreift, erkennt auch schnell den Rest.“

Ich rief begeistert: „Zeige mir, mein Leiter,
des großen Schöpfergottes frohe Tat.
wie ging das große Werk gemächlich weiter

und alles, was sich noch ereignet hat.“
Er sprach: „Das Wichtigste sind seine Worte,
auch, wie zum Leuchten kam der Zeichen Rad.

Denn ohne dessen Zahlenglanzes Borte
noch heute gähnten leer uns alle Orte …

Am allerersten Tag rief er das Leuchten.
Am zweiten Tag darauf den Unterschied
Am dritten aber wollte er befeuchten

die trockne Erde, dass sie ferner mied
der weiten Wasserwellen nasse Fluten
Sumpf, Tümpel, Weiher, Teiche, Schilf und Ried.

Zum Vierten zündet er der Sterne Gluten
samt allem, was noch sonst am Himmel wohn.
und auch die Lichter, die man nennt die Guten,

ein jedes Kind besingt sie, Sonn und Mon´.
Die Gottheit warf zum Fünften in die Lüfte
das Ei der Null als aller Zahlen Hohn!

Es stieg aus deren unendlichen Klüfte
das Ur des Vogels und der Laich vom Fische.
Der schweig, ein anderer Gesänge stifte –

beide jedoch aus weicher Eier Frische.
Sie müssen unten oder oben leben,
dass keiner ihre fernen Orte mische.

Weil Hoch und Tief sich so in´s Beste weben,
wird Leben sich nach Gottes Plan erheben …

Damit er selbst am Ziel der Schöpfung scheine
bereitete sich Gott ein Ebenbild.
Nicht geh hervor der neue Mensch alleine,

vorher tritt auf das Tier. Friedfertig Wild.
Tief von der Ozeane dunklen Gründen
kämpft tapfer es hinaus sich in´s Gefild.

Wurm, Assel, Krebs, die Biene in den Linden,
die Maus, die Ratte, Iltis, Marder, Hund,
Rind, Reh und Hirsche kannst du finden,

Schwein, Löwe, Tiger und der Käfer Bund.
Wege ins Leben nimmt die ganze Bande
ein jegliches nach seiner Art und Stund.

Dann, bei des sechsten Tages rotem Rande,
haucht Gott dem Lehmkloß freien Atem ein.
So schließlich kommt der kluge Mensch zustande.

„Mehret euch bald, denn ihr sollt Gärtner sein“
sprach Gott, der HERR, und ging erschöpft von dannen.
Dies Bildnis wob er unserm Ganzen ein.

Legt sich am Abend unter stille Tannen,
um von dem großen Werke zu entspannen.

Der siebte Tag dringt auf. Ein neuer Morgen
erglänzt der Prachtenwelt in frischem Tau.
Gott rät dem Menschenkind: „Lass alles Sorgen!“

Sein Rat entfaltet sich als bunter Pfau.
„Wollt ihr von meinem Glänzen etwas nehmen,
Rot, Lila, Gelb, Orangen, Grün und Blau?

Des freien Spiels sollt ihr euch niemals schämen!
Breitet die Arme, nehmt der Farben Licht.
Nicht soll der Kummer eure Glieder lähmen.

Froh und glückselig sei das Angesicht.“
Wir sehen, wie die beiden Menschen wandeln,
grad als die Sonne durch die Wolken bricht.

„Am Sabbat“, sagt mein Engel mir, „verwandeln
die Menschen Arbeit in ein großes Spiel.
Nicht Mühe darf den freien Tag verschandeln –

froher Betrachtung Feier bleibe Ziel.
Gott geht im Garten, redet mit den Tieren,
und jeder Frucht, die aus den Bäumen fiel.“

Weil denn ihn Gott erhob von allen Vieren
darf in dem Garten ich aufrecht spazieren.

Wir wanderten selbander tausend Schritte.
Ich links, rechts schritt der Schönste aller Engeln.
Wir waren zwei, doch scheint in unsre Mitte

ein fremder Dritter sich hinein zu schlängeln.
Ich seh ihn nicht, doch kann es deutlich spüren.
Mein Führer deutet mir das stete Drängeln.

Er meint, wer sucht dich stetig zu verführen,
braucht keinen Raum nicht, braucht auch keine Zeit.
Und er kann töten, ohne zu berühren.

Der hat zwei Helfer, heißen Heit und Keit.
Glück war für ihn stets, wenn er Unglücke plante.
Sei achtsam, Katharina, und bereit.

Wie ich erschrak, dass er den Namen kannte,
den meine Mutter mir zur Wiege sang,
welch Glück in meinem Herzen brannte,

als wieder ich vernahm den süßen Klang.
Als er mich Sterbliche beim Namen nannte
fass ich ein Herz mir und ich frage bang:

„Wer ist der Unsichtbare in der Mitte?“
Da hob er an, erfüllend meine Bitte.

Gott pflanzte in die Mitte dieses Gartens
den immergrünen Baum des Lebens ein.
Bei diesem Baume wird er uns erwarten,

und ihn zu kennen, heißt verewigt sein.
Weit draußen, ganz am äußern Rande aber,
die Wurzeln in Geröll und taubem Stein,

hinüber in das Reich von Karg und Mager
ein zweiter Baum reckt seine Äste auf.
Naschst du davon, so dichten alte Sager,

verwandelt dich des Schicksals schneller Lauf.
Die Welt zerfällt alsbald in Gut und Böse.
Der Preis ist hoch, und herrlich scheint der Kauf.

Es heißt, wer dringt durch diese schmale Öse,
wird sein wie Gott. Sein Wissen schenkt sich ihm.
Glaub lieber nicht dem törichten Getöse.

Die Sache endet für die Esser immer schlimm.
Am Ende wird dir alles fort genommen.
Der schöne Garten in der Welt zerfällt.

Das Glück des Seins ist dir zerronnen.
Du schaust zurück. Wardst einsam und beklommen

Ich dankte meinem Engel für die Worte
und forsche bei ihm nach dem Unterschied
zwischen dem Sein wie Gott und jener Sorte

Gott selbst zu sein, wie Melodie im Lied.
Da dankt er freundlich mir für die Vergleichung
und spricht von vielen Löchern in dem Sieb.

Die Vielen alle formen ohne Streichung
das eine Werkzeug, was den Sud abfiltert.
Und ohne Löcher gibt es keine Weichung,

denn jedes kleine Loch ist abgebildert
dem ganzen Werke, welches eint und trennt,
um einen Teil das andere abmildert,

derweil das Ganze an das Siebnetz rennt.
Du, Einzelne, ein Loch in seiner Gaze.
Nichtiger Funke warst, bleibst, wirst, was brennt.

Nur w i e ein Gott zu sein, bringt nur in Rage.
Den Wie-Vergleich erfand die List der Schlange.
Mehr als Gott selbst zu sein gilt. Nicht nur Page.

Gott ist ein Sieb. Das hält und trennt. Schon lange.
Bleib so. Er wollte das. Werd du nicht bange.

So bin als Loch im Sieb ich Teil von Gott?
Ich forsche noch, indes wir beide wandeln.
In seiner Antwort schwingt ein wenig Spott:

Wie soll ich diese Frage dir behandeln.
Du bist, als Loch, natürlich nicht ein Teil.
Ein Loch kann selber nichts verschandeln.

Ein Loch i s t nicht. Doch Gott birgt es derweil.
Der Fehler Adams war, und seiner Frau,
das Nichts dem Etwas abzutrennen. In der Eil.

kam Gut und Böse auf die Welt? Genau!
Der eitlen Schlange List hat konstruiert
Gedankendinge durch Vergleichungsschau.

Seit nun der finstre Engel triumphiert,
führ ich zum Apfelaugenblick zurück.
Es gilt, dass Satan endlich doch verliert.

Auf dich kommt´s an! Und neu beginnt das Stück.
Die Fehler zu erkennen, welche töricht,
begleite ich dich nun zu neuem Glück.

Wie Israel durchquerte Schilfmeerröhricht,
lass uns auch geh´n. Posaunenschallen hör ich.

Um abzusteigen aus den Wolkensphären
reicht nun der Engel mir ein festes Band.
Ich zittere, den Fuß im Ungefähren,

der erste Schritt zurück zum Erdenland
ist wohl der schwerste, denn nur schmale Bretter
sind hingeworfen von enttäuschter Hand,

nachdem des letzten Werktags Blitzgeschmetter
beendete für lange, lange Zeit
den Bau des Turmes hier im blauen Äther.

Mein Engel ruft mir zu: „Sei du bereit!“
Ich greif das Seil und lass mich einfach fallen,
sanft lande ich, der Windzug bläht mein Kleid.

„Hier, für des letzten Stockwerks weite Hallen
da planten sie des Denkens edlen Gral.
Doch sieh, wie vorerst nur die Nebel wallen,

von ihrem Plan blieb der zerborstne Saal.
Wir aber wollen sie nicht billig lästern,
zu große Absicht ruft des Schicksals Strahl.

Sie bleiben uns Verwandte. Und als Schwestern
lass´ ordnen uns ihr Werk. Den Rest von gestern.“

Indem der Engel solches mir erklärte,
rückt er der Felsen Brocken dort und hier.
„Dir trägt die Last zu schwer“, er mich belehrte.

„Drum magst du stehen an des Turmes Pier.
Dass uns die Zeit nicht lang werd, wirst du singen.
Mein Werk zu fördern und der Kunst zur Zier.“

„Was soll ich singen?“, fragte ich mit Bangen.
Er wuchtet Steine schon und ruft mich an:
„Singe von Trauben und von roten Wangen,

vom hochgelobten Land, Marias Mann.“
Erst zaghaft und mit Angst und Beben
fasse ich Mut und bald beginn ich dann.

Ach, – ich erschrak. Ich blickte auf soeben:
Mein Lied erklingt auf hohen Turmes Rand,
und macht, o Wunder, dass die Quader schweben …

sie ordnen sich zu Zinnen auf die Wand.
und bald schon ist das große Werk gelungen,
der Engel schuf mit Winken seiner Hand.

Mein Mund preist seinem Bau in hellen Zungen,
prachtvoll rankt das Geländer, kunstverschlungen.

O Götter, Musen, gute Geister alle.
Ich ruf euch an zu geben mir ein Wort.
Und bitte euch, die Meister, ich, die lalle,

tragt diese Lieder in das Innre fort,
so dass die Steine hier im Turm vernehmen,
ein jeder Mörtelbrocken, seinen Ort.

Und sie der Hand des Engels sich bequemen,
wo man den rechten Platz für immer fände.
Recht bald Kristalle wachsen aus den Lehmen

im Maßwerk dieses Baus aus dem Gewände.
Schenkt Liederworte, die von Schönheit zeugen,
was uns die toten Stoffe neu verbände.

Und als ich rief, erhob sich gleich ein Brausen,
der Wind umfächelte mein graues Haar,
ich neig mein Ohr und höre sanftes Sausen,

mir zu raunt eine Himmelsstimme wahr.
Auch ihr könnt hören, öffnet eure Ohren!
Es naht der Sinn, macht eure Herzen bar.

Wer dieses hört, verlässt den Kreis der Toren.
Und hat für sich die Wahrheit klug erkoren.

die Legende von Katharina aus Rahnsdorf

img_2832

Katharina von Rahnsdorf

Es hütet der alte Priester zwei Kinder –
eins war der Knabe, das andre ein Mädchen.
Er waltet gemessenen Schrittes, am Altar,
ein Weib, Marie, die Frau seines Bruders
versorgt die Familie, den Gatten raubte der grimmige Tod.

Schön ist der Flecken, wo man zu Hause,
die schützende Hütte dicht neben dem Tempel.
Christen sind sie und ehren den Gott.
Jesus aus Nazareth, Heiler und Täter
großartiger Wunder beten sie an.

Wasser verwandelt der freundliche Gott,
Tote erweckt er und Sünder bekehrt er.
Sicherlich kennt ihr den Menschensohn,
der auch Euch alle Schulden erlässt?
Es gehen viele Jahre dahin.

Die Mutter Marie ein stolzes kundiges Weib,
geht in die Dörfer mit Kräutern und Sprüchen.
Wo sie gerufen, reicht sie den Leuten
Sud und Salbe, streicht und bespricht.
Alles das tut sie im Namen des Geistes,
den Gott ihr verliehen, Gabe ist es,
ganz ohne Lohn und Bezahlung.

Und doch ruft der Himmel, ruft sie, zu früh,
wie wir meinen. Traurig und weinend
bleiben die Kindlein und der greisende Schwager
zurück in dem Dorf. Groß ist die Not.
Das Mädchen ererbt die Kunst ihrer Mutter,
der Knabe tritt in die Tapfen des Vaters.
Bald schon lernt er in Wittenberg Sprachen,
der Juden, der Griechen und das Latein.
Valentin lautet wohlklingend der Name.
Marie Katharina heißt ihm die Schwester.
Und als Magister Johann Jobst Schall
lesen wir manches vom Onkel der beiden.

Die Spur verläuft sich in späteren Zeiten
– was ist geschehen?
Denn Katharina verschwand aus dem Dorfe.
Eines Tages betrittst Du die Kirche.
Und an der Wand siehst Du prangen
aus Lindenholz eine Heilige grüßen.

Trägt das zerschmetterte Rad in der Linken,
das Schwert in der Rechten.
Freundlich lächelt sie allen Betrachtern.
Das ist das Holzbild, aus Linde gefertigt.
Wo ist die Menschin, aus Fleisch und aus Blut?

Nicht, das Ovid uns etwas verschwieg?
Und auch hier die Verwandlung
wichtige Wahrheit verbirgt?
Hört, was sich zutrug …
Lest den Bericht.

Die Visitation
Als Martin Luther am 15.8.1530 mit Justus Jonas und Schultze noch einmal die Superintendentur in Zahna besuchte, führte der Weg die Kontrolleure erneut auch bis hinaus nach Rahnsdorf – eine fette Pfründe nördlich von Zahna gegen die Grenze zu Brandenburg hin gelegen. Man war in Zahna irgendwie doch recht schnell fertig geworden, alles lag dort zum Besten. Schon 1528 war man hier gewesen, es gab nur noch ein paar Angelegenheiten zu observieren. Es hatte sich in den zwei inzwischen vergangenen Jahren nichts geändert: Gelehrte Pfarrherren, intakte Gebäude und fleißige Lehrer, willige Kindlein und fromme Ackerbauern, keusche Weiber – sowohl jung als auch alt. Der Segen Gottes ruhte damals noch auf dem Städtchen. Nachdem die Reformatoren im Ratskeller ausreichend gespeist hatten, entschloss man sich, noch heute den Weg nach Rahnsdorf zu nehmen, eine halbe Stunde mit der Kutsche. Gesagt, getan. Man fuhr los, nicht beachtend, dass ein Gewitter aufzog am himmelischen Gezelt, – und Pferd und Mann als Unwetter überraschte. Mit Müh und Not und Peitschenknall erreichte man den Pfarrhof von dem alten Magister Johann Schall und seinem Sohn Valentin, einem Melanchthonverehrer, der seit 1528 die Pfarrstelle führt – und spannte ab. Rettete sich ins Pfarrhaus, während draußen Blitzsturm und Donner niedergingen – fast so wie einstmals in Stotternheim.
Als der Rauch sich dann verzog, schaut man hinaus und sieht die Linden stehen in nebeldampfender Pracht; sie umsäumen das liebliche Haus. Der alte Pfarrer Schall lädt die Brüder auf einen Trunk hinaus in den Hof ein. Dort legt er auch schon mal die Kirchenbücher vor, die er mit eigener Hand alle selber führt, mit fein säuberlicher Schrift täglich einschreibt. Tag und Uhrzeit und Planetenstand bei den Taufen, denn er ist ein Verehrer der astrologischen Kunst und darin Gefolgsmann Melanchthons, was Luther nicht schätzt. Ursachen und Begebenheiten der Tode mit medizinischen Bemerkungen, ganz wie es bei gelehrten Pfarrern lange noch Sitte sein wird – bis auch das als nicht mehr schätzenswert von den Verwaltungsbütteln der Reformation und ihren Epigonen abgeschafft und sogar verboten wird. Zur Erinnerung an den geneigten Leser: Der dreißigjährige Krieg hatte sich ab 1618 vandalisch durch die Lande zu wälzen begonnen – und nach dem Schock des Westfälischen Friedens kam kein Kunstsinn und keine rechte Frömmigkeit wieder auf. Der Christenglaube hatte sich für einhundert Jahre endgültig von den Wissenschaften gelöst. Und erst in der Aufklärung finden sich Leute, die neu zu verbinden suchen. Aber zurück zum Thema!
Es ist Freitag, der 15.August 1530 – und die Uhr zeigt ein Viertel nach Vier. Pastor Schall der Ältere hat eine Sonnenuhr an der Südseite seiner Scheune anbringen lassen, weil er mit der Zeit lebt und von der Zeit begeistert ist. Er will eben den Eislebener Wittenberger in ein philosophisches Gespräch über die Zeit verwicken, da geht das Türlein im Tor des Gebäudes urplötzlich auf und Katharina, die mittelste Tochter des alten Rahnsdorfer Pfarrherrn und Halbschwester des jetzigen, Valentin Schall,  tritt heraus, sie hat die Röcke geschürzt und trägt im Tuch Körner für die Hühner, Enten – und den Hahn. Ihre Schenkel sind zwar nicht sichtbar, aber die Waden – da, die hohen Herren aus Wittenberg sehen es. Sie bemerkt es und, erschrocken über die unverhoffte Begegnung mit den gelehrten Gästen aus der Stadt, lässt sie ihre Röcke los – so dass Körner und Blumen auf den Boden fallen – alsbald kommen Hühner, Enten – und Hahn – herbeigerannt und machen sich über die leckere Speise her. Und sie, Katharina, steht unschlüssig inmitten der pickenden Schar. Ihr schwarzes Haar schimmert in der Nachmittagssonne. Denn das Gewitter hat sich inzwischen völlig verzogen und über der Scheune erglänzt ein göttlicher Regenbogen. Die Tochter des Pfarrers rafft nun ihren Kräuterbuschen auf, der auch mit zu Boden gefallen ist, und schreitet barfuß über das Hofpflaster zum Wohnhaus, an den Herren vorbei. Luther frägt, indem sie vorübergeht, „Schönes Maidlin, was ist Euer Name, bei dem Ihr getauft seid?“ Sie: „Marie Katharinan, wie meine Mutter!“ Artig, denkt Schultze – und schaut auf Luther, der zu erröten scheint. Der denkt: „Sie wird leicht bei 20 Jahren zählen“. Er ist schon 47.
Heute ist Mariae Himmelfahrt, was man in Wittenberg nicht mehr feiert. Hier draußen auf dem Lande auch nicht mehr – seit die Visitationen angefangen haben. Aber die Kräuter weiht man noch. Heimlich. Denn es ist Reformation. Maria ist abgesetzt worden. Christus regiert allein mit dem Vater und dem Heiligen Geist.

Man sitzt im Garten und man hört dem eifrig vortragenden Schall nur mit halbem Ohr zu, denn Schultze will nach Hause, er ist 1530 bereits ein alter kränkelnder Mann. Und Justus Jonas hat in Wittenberg noch einige Sachen auf dem Pult liegen – er denkt an seine Schrift „Das siebend capitel Danielis von des Türcken Gotteslesterung und schrecklicher Morderey“, die er in zweiter Auflage bei Hans Lufft drucken lassen will. Da sind noch einige Stellen, wo er es den Mohammetisten noch besser zeigen will, wie der trinitarische Gott dem unitarischen doch bei Weitem vorzuziehen wäre. Darum kann er sich nicht recht auf die Auslassungen Schalls konzentrieren, der eben darzulegen versucht, wie doch heute am Freitag, Mariae Himmelfahrt (ein alter abgetaner papistischer Feiertag, gewiss, gewiss …) eben jetzt, da bei den Juden der Sabbath beginnt, die liebe Venus, der Morgenstern, mit dem hurtigen Merkur, dem anderen Morgenstern, zusammen in der Jungfrau am Himmel stehen im achten Haus. Und unsere liebe Frau die Kräuter segnet, die dem Viehe und dem Feld Gutes tun, auch Scheuer und Hütte beschirmen.“
„Da wird man eingreifen müssen bei solchem Heidentum. Wo das Heidentum blosses Heidentum ist, ist’s nit so arg. Aber wo es sich verbündet mit Medizin, Sternenschau und Gelehrsamkeit, wird´s zur Seuchen“ denkt Luther. Aber dann ist er gleich schon wieder mit seinen Gedanken der Marie Katharinan hinterher, die im Haus verschwunden ist und sich dort zu schaffen macht.

Und nun geschieht es, – dass der Reformator, der doch verehelicht ist mit Frau Käthe und schon bei drei Kindern mit ihr hat, das Bildnis der Schall-Tochter nicht aus dem Hirn sich schlagen kann. Das Bild sitzt fest, wie der Firnis auf der Farbe, pflegt Lukas Cranach immer zu sagen. Das lieblich schimmernde Haar unterm Regenbogen. Die emsige Schar der Geflügelten, die die Körner aus den Mariaehimmelfahrtsblüten aufpicken und die Waden der Marie Katharina.
„Wie alt ist denn Eure Tochter, Magister Schall?“ fragt der Doktor den Alten. „In zehn Tagen wird sie mir bei 2o Jahr“ sagt der. „Also ist sie am 25.08.1510 geboren“, denkt Luther, – so schnell hat er das im Kopf ausgerechnet.
Dann befiehlt man, die Pferde anzuspannen. In zwei Stunden ist man in Wittenberg zurück. Die Schatten an der Sonnenuhr in Rahnsdorf  sind inzwischen enorm lang, denn die Sonne geht eben unter und der Mond wird in zwei Tagen voll sein. In Wittenberg lässt er sich über den Elbwiesen schon sehen. Martin Luther schaut aus dem ehemaligen Schwarzen Kloster nach Süden, wo er sich langsam aber immer mehr zu erheben beginnt. Dann geht Luther zu Bett, aber das Bildnis der Tochter Schalls lässt ihn nicht los. Es hat sich eingebrannt. Die Blumen, die Hühner, der Regenbogen, das Haar. Den nächsten Tag – der Samstag – sitzt Luther an der Predigt – versucht es. Ihm fällt nichts ein. Nur das Bildnis ist da. Mehr nicht – und damit alles.
Wir wollen nicht beschreiben, wie es dem Reformator in den Tagen bis zum 25. August erging. Oder doch? Er wandert halt ruhelos umher, – wie ein Franz Schubert des 16. Jahrhunderts. Er pflückt Blumen. „Martin, was tust Du – da Du Blumen pflückst und mir schenkst?“ fragt Käthe. „Das hast Du noch nie getan!“ Er: „So tue ich’s itzt!“ Dann sucht und findet man einen Vorwand nach Rahnsdorf zu fahren, zum Tag, als die Marie grad Geburtstag hat. Was soll er schenken … Da hat man noch ein par Druckseiten von einem Pflanzenbüchlein. „Ueber die Arzeneien – und wie ist Christus unser lieber HERRE der wahrhaftig Apotheker. Fürgestellt von Karl Philipp Mohr aus Sindefingen. Komet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch Erquickung schaffen.“ Luther wickelt die Seiten in ein buntes Papier, umwindet die Rolle mit einem Band. Dann lässt er anspannen und fährt hinaus in die immer noch hochsommerliche Natur. Er wählt den Weg über Euper, das Gut Abtsdorf, durch Woltersdorf rollt die Kutsche und streift Zahna, ehe sie in Rahnsdorf ankommen.
Seinem Kommen hatte Luther einen formellen Brief vorausgeschickt. Schreibt:

„Lieber ehrenfester und Gelehrter, – Magister Schall. Noch einmal möcht ich Euch meinen Besuch ankündigen, denn in dem einen Kirchenbuche sah ich kürzlich die Eintragung über Melchior Beelitzens Hof, wie darauf ettlich Schulden liegen, abzutragen bei der Stadtkirchen hie zu Vittenberg. Da will ich mich einsetzen für Melchior Beelitzen beim Rat. Muss aber noch mal genau und selber lesen. Stellet mit doch das Büchlein bereit.
D.M.Luther zu Vittenberg“

Der alte Schall hat mit fliegenden Händen alles vorbereitet, er fürchtet seine Anklagung wegen der deutlichen Interessen an Sonne, Mond und Sternen – und seinem vorgerückten Alter. Auch Marie Katharina ist wieder da. Sie trägt in den drei Stunden, in denen Luther scheinbar das Büchlein vor und zurück studiert, frische Semmeln, Tee, Bier und Milch von der Ziege auf, diese Milch hat sie mit Honig gesüsst und Minze hineingetan. Luther verknallte sich an diesem Nachmittag unsterblich in das Geburtstagskind. Er hat ihr das Apothekerbüchlein von Christus als dem rechten Arzt offeriert. „Hier, Junfer Schallin, ein kleines Geschenk von uns aus Vittenberg!“ Er hüstelt verlegen. „Diese Kostbarkeit!“ ruft der Vater! „Ach nein!“ sagt Luther, „Wir haben es zu Vittenberg zween Mal.“ Was nicht stimmt, er hat es einfach aus der Bibliothek – entfernt. Du sollst nicht stehlen. Was ist das … Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen. Aber Luther hat schon am Sonntag einen Ablass in den gemeinen Kasten getan. „Pecca forte et crede fortiter“, sagt er sich. Und dieser Satz wird überliefert werden bis in späteste protestantische Tage hinaus. „Ach, Gott, vom Himmel sieh darein. Und habe doch ein Einsehen.“ Aber nur der Kutscher schaut herein. „Es wird es dunkel und die Pferde müssen heim, Herr Doktor.  Herr Luther, es ziehen Wolken auf. Wir müssen gen Vittenberg fahren!“ Luther verabschiedet sich. Schall, deralte und der junge nickten und die Marie Katharina dankt. Sie reicht ihm die Hand, er nimmt sie und drückt sie ein wenig. O weh, – ein Duft von Schafwollseife und Rosmarien bleibt zurück – und prägt sich ein. Er führt diese Hand während der etwa zweistündigen Fahrt nach Wittenberg immer wieder an die Nase. O weh …

Nie wieder wird Martin Luther Rahnsdorf besuchen. Er wird diesen Ort meiden. Denn hier wohnt und regiert die Hexe, die er lieben muss, obwohl er es gar nicht will. Denkt er. Armer, armer Martin … Nie wieder wird er Rahnsdorf besuchen. Und es ist so schön dort. Weil er das Bild in seinem Kopf sich nicht getraut mit der Wirklichkeit der Realität da draußen zu konfrontieren – deshalb gibt es in Rahnsdorf auch heute noch das Bild in der Kirche. Direkt unter dem Kruzifixus. Das Bildnis der Marie Katharina, die zu Mariae Himmelfahrt Geburtstag feiert. Aber das ist eine lange Geschichte. Sie soll hier erzählt werden …

Das Büchlein
Da hatte nun Marie Katharina Schall aus Rahnsdorf dieses Büchlein von Luther empfangen. Das Büchlein von Christus als dem einzigen und wahren Apotheker. Sie las es durch – von hinten nach vorn. Ja, – sie war seltsam, die Katharina. Bücher las sie immer von hinten nach vorn. Woran das lag? Sie hatte das Hebräische erlernt, eher als das grobe Deutsch. Dann Latein und dann Griechisch. Erst mit sieben Jahren hatte sie auch Deutsch zu schreiben begonnen. Der Vaterdrang eines Tages darauf, dass sie mit lateinischen Buchstaben das, was sie sprach, aufzeichnete. So schrieb sie ij für ich und Ai für Ei (wenn sie nicht genau wusste, wie es richtig geschrieben wurde, setzte sie in Klammern den lateinischen Ausdruck noch dahinter. Also für „Ich will dieses Ei“ schrieb sie: „Ij (ego) will dieß Ai (ovum). Ja, – sie war ein bisschen sonderbar. Und Vater mit Bruder fragten sich, was wird das noch werden? Fast wie im Märchen ging es zu: Einige Freier wurden vorgestellt, – sie blieben links und rechts jener Nachmittagsstunden liegen, während derer man in Rahnsdorf am Tisch im Garten zusammensaß. Katharina mochte diese Männer alle nicht. Sie ließ die bestellten Figuren spüren, dass keiner von ihnen ihr das Wasser würde reichen können. Und so zog man sich zurück, es gab ja noch andere Pfarrerstöchter in Kursachsen … Luther also, wesentlich älter als Katharina, hatte ihr ein feines Büchlein geschenkt. Und sie las es. Das war das Erste, was sie las:

Der Mensch gleicht der Blume
auf weitem Feld
Am Morgen blüht sie und leuchtet
der Sonne gleich pranget die Blüte
Pracht, Farbe und Licht.
Am Abend neigt sie
erschöpft und verblüht sich
Gebeugt von der Lebenskraft
sinkt sie an der Schärfe der Sichel ins Heu.
Der Mensch ist ein Blum,
dem Gras gleicht sein Bildnis.
Blumen bindet er fröhlich zu Sträußen
Traurig legen wir Blumen ans Grab.
Gott nimmt sie und presst sie
ans Herz sich, ans pochende Album.
Unendlich – das Wort –
steht mit goldener Wucht
auf dem Deckel des Buches.
Drum, einmal, beginnen die Saiten
des göttlichen Herzens
erneut sich zu regen.
Sie tönen alle
im Tau der Lieder
und bringen ein Blühen hervor.
Denn ER lässt es zu …

Sie schrieb diese Verse ab, übersetzte sie in die Sprachen, die sie kannte und fügte sie in einer seltsamen Schrift, die uns Heutige an den Voynichcode, erinnert ihren Tagebüchern zu, die kürzlich zusammen mit der Figur der Heiligen Katharina von Alexandrien auf dem Kirchenboden in Rahnsdorf gefunden wurden. Ja, – glaubt es nur, auch wenn es unglaublich erscheint.

Luther hatte es schwer. Eigentlich wollte er die von Bora ja gar nicht. Er hatte nämlich schon lange seine Augen auf Ave von Schönfeld geworfen. Das ist bekannt. Aber die wollte ihn dann nicht, – den alten Zauderer mit ständigen Leibschmerzen und Panikattacken. Und sie heiratete einen lustigen Mediziner namens Basilius Axt. Die acht hübscheren Nonnen waren also alle recht bald vergeben – nur Nummer neun, Katharina von Bora, den Herrn Käthe, mochte keiner anfassen. Da nahm Luther sie bzw. ihn. Die Vernunft war groß … Wir erinnern an einen späteren Dichter, dem die bekannten Worte in die Feder flossen:

Ein Jüngling liebt ein Mädchen,
Die hat einen Andern erwählt;
Der Andre liebt eine Andre,
Und hat sich mit dieser vermählt.
Das Mädchen heiratet aus Ärger
Den ersten besten Mann,
Der ihr in den Weg gelaufen;
Der Jüngling ist übel dran.
Es ist eine alte Geschichte,
Doch bleibt sie immer neu;
Und wem sie just passieret,
Dem bricht das Herz entzwei.

Der Dichter dieser bewegenden Verse ist ein getaufter Jude, heißt Heinrich Heine und griff dem allgemeinen Problem der sonderbaren Liebesverwirrung in kurzer und schmerzloser Weise mutig an den Puls. Luther hat nach seinem Besuch in Rahnsdorf nun also zwei Katherinen. Besser gesagt, die eine hat er – die andere hat ihn. Beide Frauen wissen vorerst nichts voneinander, obwohl sie auf denselben Namen hören. Katharina von Bora ist elf Jahre älter als ihre Namensbase aus Rahnsdorf. Die vom Dorf ist hochgewachsen und schön, jene aus der Stadt eher klein und eher durchschnittlich gestaltet. Übrigens – noch andere Katharinen gibt es in der bewegten Zeit um 1530. Wir erinnern hier an Katharina von Aragon und ihre unglückliche Ehe mit Heinrich VIII in England. Was ist nun mit all diesen Katharinen? Sie tragen wohl an einer Last, die anderen nicht auferlegt wird. Ein jeder trägt seine Last – eine jede ihre. „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch – denn meine Last ist leicht“, sagt der HERR. Er hatte keine Katharina. Man spekuliert über eine Magdalena. Luthers Mutter heißt Margarete. Und diese drei bemerkenswerten Frauen sind in dem Sinnspruch von den drei Märtyrermadeln vereint. Nein, – das stimmt nicht. Magdalena ist apostelgleich. Keine Märtyrerin. Und die Dritte der Madeln ist außerdem Barbara mit dem Turm. Die darf man nicht verwechseln. Wir wollen hier ja eben gerade nicht spekulieren, sondern von der Wahrheit berichten. Die Katharinen sind auf jeden Fall interessante Personen. Von der klugen Frau aus Alexandria bis hin zur sächsischen Zonenkathi zieht sich ein roter Faden und verbindet sie alle – im Labyrinth des Schicksals.

Katharina aus Rahnsdorf liest in dem Büchlein vom Apotheker Christus, das Luther ihr zum 20. Geburtstag verehrt. Das Büchlein liegt ihr von diesem Tag an immer dicht am Herzen. Sie geht damit in der Feldflur umher. Denn ihr Interesse ist seit Kindesbeinen das Leben der Flora im grünen Gefild.  Sie kennt die Stimmen und Gesänge der Vögel, sie hat ein kleines Tambourin, mit dem sie den Herzschlag nachahmt und sich auf diese Weise bis dicht an Hirsch, Schwein, Auer und Reh heranpirscht. Sie seiht Aufgüsse von Belladonna und Aconit, macht Auszüge mit Engelswurz und Schweinefett und kann auch das kostbare Rosenöl herstellen. Ihre Kammer ist ein Labor, über ihrem Alkoven hängen Pflanzenbüschel. Pilze trocknet sie und Steine sammelt sie. Der Vater, Johann Schall, fürchtet, dass eines Tages seine Tochter als Hexe auf dem Scheiterhaufen steht. Der Bruder redet mit ihr oft und lang über das elende Heidentum und die fremden Götter, die in den Dingen wohnen könnten. Katharina ist aber klüger als er, obwohl sie viele Jahre jünger ist. Valentin kennt nur Bücher. Sie kennt das, worüber die Bücher berichten wollen. Das ist der Unterschied. Frauenwissen hat die Katharina von ihrer Mutter Marie, die schon im Himmel ist. Eines Tages lag sie tot im Bett. Ganz kalt. Der Arzt stellte fest, das das Herz stehen geblieben war. Es ist das an einem kalten Novembertag geschehen. Am 27. November 1526. Müntzer war schon hingerichtet worden, die Bauernkriege niedergeschlagen. Marie geborene Niemegk, wesentlich jünger als ihr Ehemann Johann Schall, starb mit 45 Jahren und wurde in der Kirche begraben, an der Nordwand des Chorraumes des uralten Gotteshauses. Einen Sandsteinepitaph ließ der unglückliche Ehemann über der Gruft seiner Gattin anbringen. Darauf sieht man einen sich zwischen Totenkopf und Sanduhr herumflätzenden Putto, der ein Spruchband über den Leib zieht, darauf „memento mori“ geschrieben steht. Wenn der Vater Katharinas und Valentins schwermütig wurde, und das geschah nach 1526 nun oft, sah er in die Sterne und schrieb Zeichen auf Papiere, die er dann in einer Lade verbarg, zu der nur er den Schlüssel hatte. Der Sohn Valentin dagegen las zu finsteren Nächten in der Bibel und in den Schriften der noch jungen und unausgegorenen Reformation. Katharina jedoch floh hinaus ins Freie, in die Natur, aufs weite Feld, an die Ufer des Zahnabaches und in den Wald, der damals mit seinen Eichen und Buchen sich in dunklem Grün dort noch erhob, wo Traktoren die ausgeräumte Landschaft heute beackern. Wenn Gewitter gehen, – da könnt ihr sicher sein, dass sie im Wald ist. Unter Eichen sitzt sie im Moos, singt mit dem Sturm und wartet auf Blitze …

Eisengallus

Lieber Theophilus, hier nun der Bericht, den du wünschtest. Ich belauschte diesen sonderbaren Junker, der derzeit oben auf der Burg mit Schriften beschäftigt zu sein vorgibt, wie er mit Meister Blau redete. Ich stand hinter der Türe. Konnte aber am Schluss nicht alles hören, da ich mich schneuzen und abtreten musste, ansonsten ich meine Präsenz hätte verraten mögen.

Luther: Aber Ersatz. Ich brauche Ersatz. Was kann man da nehmen, wenn ihr das andere nicht vermögt?
Alchemist: Am besten unausgegorene Eisengallusurtinktur, – oder Suptinktur.
Luther: Mann … dann her damit …
Alchemist: Das wird sich in dieser Jahreszeit schwer auftreiben lassen. Es ist Dezember, Herr Doctor.
Luther: Ich brauche es aber. Unbedingt. Koste es, was es wolle …
Alchemist: Selbst meine besten Beschaffer werden im Winter an dieser Aufgabe scheitern.
Luther: Könnt ihr nun Tinten herstellen oder könnt ihr es nicht, Meister Blau?
Alchemist: O weih, o weih – Alles in der Stadt schreibt mit meiner Tinte. Aber was ihr da fordert, das geht gegen die Gesetze der göttlich verfügten Natur. Fragt doch eure christlichen Laborateure. Sie werden es bestätigen. Und überhaupt, was seid ihr denn für einer? Ein Spänlein vom Hufe des Schwarzen tragt ihr mir an? Wer soll denn in die Scheol hinabsteigen und mit einer Feile diese Substanz abheben vom garstigen Klumpfuße des Satans?
Luther: Habt ihr nicht Umgang mit ihm, am Sabbath, wenn wir Christen uns auf den tag des Herrn vorbereiten?
Alchemist: Gott bewahre, Herr Junker Jörg. Solche Dinte kann keiner herstellen, selbst wir Juden nicht.
Luther: Her mit der Dinte, sag ich!
Alchemist: Ich vermag´s nicht. Ich kann euch allenthalben ein Spänlein geben vom Daumennagel Eures Feindes Reuchlinus. Der war vor Zeiten allhier und beschnitt sich die Händ, damit er das Seidenpapier nicht verletzte, das er zwischenüber die Goldblätter legte, worauf die Charakteres gezeichnet wurden vom Ikonenmaler Dionysos aus Ingolstadt. Der Abschnitt fiel zu Boden, und ich hob es auf, damit – man weiß ja nicht, wozu nicht irgendwas nicht noch gebraucht werden kann.
Luther: Nichts da, – ihr steckt alle unter einer Decke. Ich brauch nicht Reuchlins Daumen, sondern des Unterirdischen Hufabrieb oder etwas Vergleichbares, – es muss das Tiefste des Tiefen sein, welches der Dinte beigemischt wird. Denn wo das Tiefe beim Schreiben selber beteiligt ist, wie könnte dann noch die Tiefe sich selbst als das Tiefste auslöschen? Versteht ihr, Meister Blau?
Alchemist: Und ob ich verstehe. Das ist die Kunst der genialen Artifikation, von der aber ihr Christen nichts versteht, nur der Johannes aus Stuttgart.
Luther: …
Alchemist: Geduldet euch also, Herr Junker. Die Würmer kriechen im Sommer aus den Gallfrüchten der Eichen, nachdem diese sich ballten, dann erst kommt mich wieder besuchen und klopft meinetwegen an der Tür dieses Laboratoriums. Die Schlänglein werden dann zerkocht und der Sud abgezogen und destilliert. So geht es zu – ganz lege artis und in der Weise der bewährten Wissenschaft. Mit dem gewonnenen Spiritus lösen wir die Anima aus den Blättern auf und vermischen´s dann mit dem Calcinat zur Tinktur. Dann haben wir per analogiam entis den Gebieter der Abgründe in der Tinte incorporiert – und ihr könnt munter drauf losschreiben.
Luther: Die Analogia weil seine Muhme die Schlange ist?
Alchemist: Das ist dummer Aberglaube, Herr Junker. Nein, nein – weil das Bildnis der Eisengallusschlänglein jenem anderen Bildnis gleicht, das die Menschen sich über den Schwarzen seit Jahrtausenden machen wollten.
Luther: So kehre ich Juni im nächsten Jahr zurück. Bis dahin werd ich oben auf der Burg die Übersetzung fertig haben. Und dann wird sie abgeschrieben und ein Frontinspiz gemacht, das mit seiner Kraft sorgen wird …

Bester Theophilus. Soweit mein Bericht. Verwahre ihn sorgsam. Nicht, dass mein Meister mich noch darvonjagt – und ich mittellos stehe in dieser argen Welt.

Rahel Herz-Rosensprung

Rahel Herz-Rosensprung hatte schwarze Locken. Als sie abgeschnitten wurden, weinte der Himmel. Das war an einem Regentag im November. Aber sie wollte es ja selber so … Eine Kurzhaarfrisur. Haare wüchsen wieder nach, sagt Onkel Samuel, der aber selber schon eine kleine Glatze hat, die man nicht sieht unter der Kippa.

Die Familie Herz-Rosensprung lebt in Frankfurt. Nicht an der Oder und nicht lebte, – sondern am Main und lebt. Wir schreiben bald 2017 und Rahel freut sich auf den Mai. Rahel ist dann 12 Jahre alt. Ihre Urgroßeltern – sind in Auschwitz geblieben, wo sonst. Der böse Herr Dolf, wie man ihn in der Familie immer schon nannte – in einer Mischung aus grimmiger Anerkennung, Hass und metaphysischem Mitleid – der böse Herr Dolf zeichnete für allerlei schlimme Dinge verantwortlich. Und seine Helfershelfer. Nicht zu vergessen die vielen Helfershelferchen.

Rahel Herz-Rosensprung springt wie jeden Tag auch heute morgen wieder die Treppe des Hauses in der Battonnstraße hinab. Sie muss zur Schule, sie will zur Schule. Schule ist schön. Es sind immer sieben Stufen, die das Kind in drei Sprüngen nimmt. Erst zwei, dann drei – dann noch einmal zwei. Unten stehen die Fahrräder und der grünrote Citroen 2CV. Er sieht wirklich wie eine Ente aus! Das Auto gehört irgendwem im Haus. Das seien Studenten, sagt der Onkel Samuel. Die haben noch nichts, – deshalb so ein  altes Auto. Rahel Herz-Rosensprung findet es lustig, dass deren Auto so heißt. Ente. Ähnlich wie seine Besitzer. Studente. Eine Stute als Ente. Das ist wieder eins der Wunder im Wort. Heute ist es neblig. Und Rahel Herz-Rosensprung malt, wie jeden Tag ein Herz auf die beschlagene Scheibe. Genau dort wo der Beifahrer sitzt. Oder die Beifahrerin. Dann geht sie in die Schule. Der Beifahrer ist oft viel wichtiger als der Fahrer, sagt der Onkel nachdenklich. Er sagt viele solche klugen Dinge.

Man nimmt wieder diese Sache mit dem bösen Herrn Dolf durch. Denn es ist November. Der Herr Dolf, eigentlich heißt er mit vollem Namen Adolf Hitler (aber Dolf klingt besser. Wie Wolf oder Dolch!), wollte so gerne auch ein Student sein. Man ließ ihn jedoch nicht. Er konnte nämlich nicht malen, und wollte ausgerechnet deshalb ein Malstudent werden. Ja, –  was für ein schöner Beruf, es hat aber nicht geklappt. Der Herr Dolf wurde am 20. April 1889 in Braunau geboren und er starb am 30. April 1945 in Berlin durch eigene Hand, wie Onkel Samuel immer sagt.
Damals gab es nur sehr wenig Automobile. Als der Herr Dolf noch ein junger Man war und in Wien lebte, fuhren aber einige bereits knatternd durch die Straßen. Aber der Herr Dolf war sehr arm und hatte auch kein Auto. „Der war eine ganz, ganz arme Sau“, Onkel Samuel sagte das oft und bedauernd. „Und eigentlich einer von uns. Da hat er die Wut gekriegt, die ohnmächtige. Allmächtiger“, sagt der Onkel, dann hat er die Welt angezündet, und uns alle mit. Wir verkohlen immer noch. Hätten sie ihn malen lassen, wäre das wohl verhindert worden.“

Rahel Herz-Rosensprung malt auch gern. Wenn Nebel ist jeden Tag ein Herz auf die Scheibe des 2CV. Sie denkt dabei „Onkel Dolf – ich mal dir ein Herz. Ich male – und du darfst auch malen. Musst nicht mehr die Welt anzünden.“ Das ist jedesmal wie eine kleine Beschwörung, ein Gebet zu Adonaj Elohenu Ächad. Wenn Rahel Herz-Rosensprung aus der Schule kommt, ist der 2CV meistens weg. Die Studenten sind dann sicher irgendwo malen. Wenn Rahel Herz-Rosensprung schläft, kehren sie zurück. Morgens steht der Wagen nämlich wieder da. Dann bekommt er, wenn Nebel ist, sein Herz, – ihr Herz. Auch am Sabbat. Onkel Samuel hat gesagt, man dürfe auch am Sabbat ein Herz malen. Wenn am Tag die Sonne wärmer wird, verdunstet das Wasser um das Herz herum. Aber das Herz selbst bleibt. Es kann nicht verdunsten. Man muss es nur malen – oder malen lassen. Im Prinzip …